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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 111# Sonntag den 12. Mai 1S5O#

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume» ratiouspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthümS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebietes 8 fl. 10 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit $ fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der 8. Schellen- derg'schen Hof- Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Mai-Prozesse.

Deutschland. Wiesbaden (Asstsen). Dillenburg (Assisen). Frankfurt (Graf Thun). Darmstadt (Vereinigung der beiden Hessen). Bern bürg (Attentat auf den Major von Trützschler). München (General Thlander. Das Bockbier). Erfurt (General Radowitz). Berlin (Die deutsche Frage). Schleswig (Brief­geheimniß). Wien (Deputation des Katholikenvereins. Gleichberech­tigung).

Türkei. Konstantinopel (Erdbeben. Koffuth).

Die Mai-Prozeffe

Es ist ein Glück, daß den Menschen nicht auch die Natur in die Hand gegeben ist, sie zu verderben. Mit allen ihren Leidenschaften, ihren Kleinlichkeiten und Verkehrtheiten würden sie nur kurze Zeil brauchen, Gottes herrliche Schöpfung gründ­lich zu ruiniren. Aber über ihren trostlosen Kämpfen thronen die ewigen Gesetze in heiterer Ruhe und Gleichmäßigkeit, uno die Säfte kehren immer wieder zurück in Gräser und Bäume und treiben Blüthen und reifen Früchte, wenn auch die Men­schen die Vernunft mit Füßen treten und ihrer Gesetze spotten. Der Mai draußen belebt die erstarrte Welt, aber die Politik ist schlafen gegangen und hat wüste, winterliche Träume."

Mit vorstehenden Worten beginnt dieAachener Zeitung" vom 3. d. M. ihren Leit-Artikel, in welchem sie hinweis't auf den traurigen Gegensatz zwischen dem deutschen Frühlings- Wehen und den beulschen Frühlings-Hoffuungen der beiden jüngst-vergangenen Jahre, und der gegenwärtig vorherrschenden Oede und augenblicklichen fröstelnden Kleinmülhigkeit im deut­schen Gemüthe. DieKölner Zeitung" knüpft folgende Be­merkungen daran:

Im April und Mai der beiden jüngstvergangenen Jahre da gab cSin Frankfurt ein großes, deutsches Parlament. Das war damals ein FrühlingS-Wehen, das durch alle Adern zog und das Blut der Nation erwärmte. Der Puls flog rascher, die Brust erweiterte sich, der Blick wurde stolzer, man sah alles keimen, sprießen und blühen. Da kam der Reif da­zwischen, und die Spitzen erfroren. Von dem Parlament ist nichts geblieben, als eine Bibliothek, welche das Volk freigebig seinen Vertretern zum Gebrauch für künftige Versammlungen schenkte. DaS Parlament ist todt, die Bibliothek ist staubig geworden, und die Kanzlei des Bundestages klopft sie auS, um sie in ihre Schränke zu tragen und aufzubewahren".

Aber noch ein anderes Denkmal jenes Parlaments und jenes daS Blut der Nation erwärmenden Frühlings-WehcnS ist uns außer jener staubigen Bibliothek geblieben: die großen Mai-Prozeffe gegen diejenigen, denen in den vorigen Maitagen der Puls über das Maß hinaus rascher flog und die Brust zu sehr sich erweiterte!

Den Prozessen wegen der vorigjährigen Mai-Ereignisse von Elberfeld und Iserlohn gegenüber ist eS für uns eine Pflicht, an jene Wahrheit zu erinnern, welche der KommiffariuS des VerwaltungsrathS, Hr. v. Radowitz, in seiner vielbewunverten

Rede vom 26. März vor dem deutschen Volkshause hervorzu- heben sich veranlaßt fand.ES ist," sagte er treffend den großdeuischen Vorwürfen über Preußens Ehrgeiz entgegen, es ist dies eben eines der großen Gebrechen solcher Zeiten, daß schon nach kurzer Frist die Kontinuität deS Geschehenen verdunkelt, ja, sogar geläugnet wird. Man betrachtet die Dinge nicht nach ihrem wirklichen Verlaufe, sondern von irgend einem selbstgewählten Standpunkte aus, und hat es dann freilich leicht, eine bequeme, aber eben deßhalb ganz unfrucht, bare Kritik zu üben."

Kinkel und seine Mitangeklagten sind von den Geschwor­nen in Köln für nicht schuldig befunden. Ohne Zweifel wird die Berliner Kreuzzeitung von diesem Verdikte wieder Anlaß nehmen, von Neuem gegen das ihr tödtlich verhaßte Institut der Schwurgerichte in6 Feld zu ziehen. Um so mehr erachten wir cs für unsere Pflicht, an jene Mahnung des Herrn von Radowitz zu erinnern.

Es war in den Gegenden, welche der Schauplatz der vorigjährigen hier in Rede stehenden Mai-Ereignisse wurden, auch bei der großen Mehrzahl der nicht nur durchaus gesetzes­treu , sondern ebenfalls durchaus konservativ gesinnten Bürger damals nicht der mindeste Zweifel darüber, daß das von der preußischen Regierung seit dem 3. April beobachtete Verhal­ten, ein sowohl dem Rechte der deutschen Nation und den ihr gemachten theuersten Verheißungen, wie auch nicht nur der Bestimmung Preußens , sondern selbst dem ganzen Geiste sei­ner so eben erst in Wirksamkeit getretenen konstitutionellen Verfassung schnurstracks widerspreche; daß dasselbe die unent­behrliche konservative Revision der Verfassung unmöglich ge­macht habe und unvermeidlich zu auch formellem VerfassungS- bruchc und also auch formellem Hochverraihe fortgchen werde. Gerade die gemäßigte, gerade die konstitutionelle Partei aus deren- Mitte jetzt wohl die meisten der Geschwornen ge, nommen sind war damals in diesen Gegenden durchweg der festen und ehrlichen Ueberzeugung, es sey Sache des Volkes,das Ohr des übelberathenen Königs zu suchen und i ihn zu überführen, daß der Weg des Rechtes und deS Frie­dens nicht dort liege, wohin seine gegenwärtigen Räthe ihn führen wollen; daß dort vielmehr nur der Weg des schreiend­sten Unrechts nämlich des Wortbruchs und deS Hochver­raths an der Verfassung und damit eben nur der 'Weg des frevelhaftesten Bürgerkrieges liege, und ihrerseits wachsam und treu, sofort jedem Verfaffungsbruche und jeder Gesetz, Widrigkeit komme sie, woher sie wolle erst warnend, aber dann auch mit allen gesetzlichen Waffen kämpfend, ent# gegenzutreten". Das war hier die allgemeine Stimmung, die gegenwärtig unmöglich ohne schweres Unrecht gegen die An­geklagten vergessen werden kann.

Freilich ist es im Fortgange der Bewegung auch diesseits nicht beim Kampfe mit reingesetzlichen Waffen" geblieben. ES hat die Mai-Bewegung sich nicht innerhalb der Gränzen eines gesetzmäßigen Widerstandes gegen die von Berlin auS begonnene Conlre- Revolution gehalten; vielmehr haben sehr bald durchaus unreine und fremdartige Elemente in dieselbe sich eingemischt und sie so weit verfälscht, daß ihre Unter# drückung das Interesse der einsichtigeren Vaterlandsfreunde