Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J^ HO» Samstag den 11 Mai 1S5O*
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährigePränume« »ationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellente rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Ueber Auswanderung.
Deutschland. Wiesbaden (Asstsen). — Idstein (Berichtigung). —
Camberg (Privatschule). — Frankfurt (Die gesetzgebende Versammlung. Schreiben des Erzherzogs Johann an Beda Weber). — Worms (Regierungskommisfion). — Berlin (Spaltung in der Regierung). 1
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Rom (Konfiskation).
Ueber Auswanderung.
Mit der deutschen Einheit scheint es in der AuSwande- rung nicht besser zu gehen, wie in der Politik. So viele widerstrebende Interessen durchkreuzen sich, daß kein einziger Plan eine allgemeine Geltung erhalten kann. Die vielen Vereine, welche zur Leitung der Auswanderung gestiftet sind, haben noch wenig ausgerichtet. Die Auswanderer selbst scheinen sich nicht darum zu bekümmern und ziehen nach wie vor dahin, wohin die Banden der Verwandtschaft sie rufen, nämlich nach den vereinigten Staaten Amerikas. Darin haben sie auch Recht, denn wo eine freundliche Aufnahme ihrer harrt, fangen sie mit frischem Mu h ihr neues Leben an. Aus dem nationalen Standpunkt müssen wir es bedauern, daß so viel Arbeitskräfte und Kapital in Amerika doch noch keine nationale Entwickelung hervorgebracht haben. Aus diesem Gesichtspunkt haben die Vereine seit mehreren Jahren andere Kolonien in Vorschlag gebracht, wie da sind TeraS, Meriko, Rio Grande, Valdivia und Zentral-Amerika, wo ausschließliche deutsche Kolonien begründet werden sollen. Wir wollen diese Kolonien etwas näher in's Auge fassen, da eS unsere Pflicht ist, mit der Zeit fortzuschreilen und zu berichten waS Wir wissen.
Für TeraS ist neuerdings vom Adelsvereine ein neuer Versuch gemacht, frische Mannschaft zu gewinnen, aber ohne auf Berichte der frühern Auswanderer dahin zu verweisen, ohne welche wir der Sache kein Zutrauen schenken können. Es fehlen dem Lande KommunikaiionSmittel und der Absatz seiner Produkte. Die "ReichSzcitung,, hat aus der Feder des Herrn Dr. Andree die Nachtheile hervorgehoben, welche der Ansiedlung im Wege stehen im Vergleich mit andern Kolonien, worauf bis jetzt, so viel wir wissen, noch keine Widerlegung stattge- funden hat. Besser wie Teras erscheint uns Meriko, wir begeben uns aber jedes Urtheils, da noch keine Resultate vorliegen. Rio Grande ist jetzt an der Tagesordnung. Es hat ein gemäßigtes Klima und eine gesunde Küste vor Mexiko voraus, sowie auch eine Lage am Weltverkehr, aber auch hier sind noch keine Resultate. Salfima ist ein gemäßigtes schönes, fruchtbares Land, aber dort ist noch wenig Bevölkerung und auch Absatzmärkte für Produkte sind erst zu schaffen. Hier werden bald Resultate zu berichten seyn, da schon verschiedene Transporte von deutschen Ansiedlern dahier unterwegs sind. Am wichtigsten erscheint unS von allen durch Vereine vertretene Kolonien bis jetzt Zentral-Amerika nach den Berichten,
welche wir dieses Tageö von glaubwürdiger Hand erhalten haben, die wir hier mittheilen wollen:
„So eben ist der zweite Transport der Ansiedler nach Costa-Rica von Bremen abgegangen und der dritte bereitet sich vor, in wenigen Wochen über Hamburg dahin nachzufolgen. An der, Spitze dieser Unternehmung steht der Baron Alerander von Bülow, früherer Gouverneur der belgischen Kolonie Santo Thomas. Er wird wahrscheinlich die nächste Erpedition begleiten und die nächstfolgende wird mit dem Grafen zur Lippe folgen. Diese klingenden Namen sollen uns aber nicht bestechen, weder durch ihren Titel noch durch die volkstümlichen Gesinnungen ihrer Träger, sondern einzig und allein das administrative Talent des Hrn. von Bülow, welches er bewiesen hat, berechtigt und seinem Unternehmen das Wort zu reden und die Vortheile der Ansiedelung in Costa-Rica an das Licht zu heben.
Der Staat Costa-Rica gränzt gegen Norden an den Staat von Nicaragua, der die natürlichen Grenzen hat deS SeeS und Flusses gleichen Namens und gegen Süden an Neu- Granada. Die Hauptstadt heißt Sankt Joseph; sie hat 25,000 weiße Einwohner, ist auf einer fruchtbaren Hochebene gelegen, woselbst die deutsche Kolonie angelegt werden soll. DaS Klima ist hier auf dem Plateau 4500 Fuß über der Meeres- flache, ganz gesund und gemäßigt. Der Absatz der Produkte durch den schönen Hasen Arenas ist leicht. Es führt ein be, quemer Fahrweg dahin, 12 deutsche Meilen lang. Der Zu, gang vom mexikanischen Meerbusen ist noch nicht für Fuhrwerk hergerichtet. Die Passage vom Hasen Graytown am Ausflüsse deS Nicaragua'S wird durch Flußschiffe 9 deutsche Meilen vermittelt, und dann durch Maulthiere, welche zwei Tage brauchen, da es stark bergan geht, bis zu St. Joseph. Diese Reise ist aber in der elastischen Bergluft eine Erquickung nack der Seereise und wird bedeutend billiger gemacht, wie diejenige über den Isthmus von Panama; auch ist die Tour über Costa- Rica 1500 englische Meilen in der Richtung, für diejenigen, welche nach Kalifornien wollen. Die ganze Tour von einem Hafen zum andern kann über St. Joseph für 50 Gulden gemacht werden, die Person'mit Beköstigung und 200 Pfd. Gepäck frei. Sie würde alsdann 5 Tage dauern von Schiff zu Schiff. Der Aufenthalt in St. Joseph ist aber sehr billig und angenehm, und viele Reisende nach Kalifornien würden ed vorziehen, dort einen Ruhepunkt zu machen. Bei der Entwickelung der oceanischen Lander ist Costa Rica von großer Wichtigkeit und der Plan der deutschen Ansiedelung daselbst ist aus den möglichen großen Absatz der Produkte begründet, die einzige gute Basis zum Erwerb. Die Hochebene von St. Joseph hat im vorigen Jahre 150,000 Quinta! Kaffee produzirt und wird eben so gut Waizen hervorbringen für den Bedarf der angrân- zenden Staaten, deren tropisches Klima den Waizenbau nicht gestattet.
Herr v. Bülow sammelt Aktien a 200 Rihlr. zur Anlage von industriellen Unternehmungen in der Kolonie, z. B. Sägemühlen zur Ausfuhr von Bauholz, wozu die Lage des OrteS große Vortheile bietet. Er hat auch wichtige Konzessionen von der Regierung von Costa-Rica erhalten, welche die deutsche Ansiedlung auS allen Kräften unterstützt." Wir glauben daher,