Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 109. Freitag den 10. Mai 1850.
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungschau.
Deutschland. Von der Höhe (Versammlung der süddeutschen Forstwirthe). — Karlsruhe (Entlassung der Schaffhauser Soldaten). — Kassel (Toast des Grafen Dyrhn). — HohenaSberg (Details über Frech's Flucht). — Oldenburg (Abreift des Großherzogs und Erb- großherzogS).— Hamburg (Geheime Sitzung des Senats). — Lübeck (Seeunfall).
Schweiz. Chur (Der Felsberg in Bewegung).
Niederlande. Haag (Regentschaft).
Italien. Turin (General Chrzanowsky).
Griechenland. Athen (Englands Forderungen angenommen).
Türkei. Konstantinopel (Der Aufstand in Bosnien).
Z e i t u n g s ch a u
Die „Neue Preußische Zeitung" schreibt: „Wie wir aus sicherer Quelle vernehmen, sagt sie, haben sämmtliche der Union beigelretene deutsche Fürsten ihr persönliches Erscheinen zu dem hier stattfindenden Fürstentage zugesagt. Wenn eS unserem patriotischen Gefühle wohlthut, daß der Ruf Sr. Majestät ein so williges Entgegenkommen findet, so beklagen wir um so mehr, daß Veranlassung und Zweck des Fürsten- tageS nichts Anderes ist, als die Fortsetzung des rikoloren Erperimentirens mit der Spaltung Deutschlands unter der Frankfurl'Golha-Erfurter Einheits-Firma. Ueber die Frage: ob der von Oesterreich proponirte Kongreß in Frankfurt von hier auS zu beschicken sey, sind die Meinungen Anfangs getheilt gewesen; bald aber hat die Ansicht, welche sich gegen Hrn. v. Radowitz für die diesseitige Betheiligung ausgesprochen, entschieden die Ueberhand gewonnen und auch über die Person des Bevollmächtigten scheint man bereits Entschließungen gefaßt zu haben. Uebrigens soll es sich nach denPropositionen veö Wiener Kabinets für jetzt nicht um Berathung neuer Projekte, sondern zunächst nur um Anhörung des Plenums der Bundesversammlung über Fortsetzung, beziehungsweise Modifizirung des Interims Han. deln. Immer aber wird schon durch bloße Zusammenberufung dieses Plenums faktisch auf die Basis des alten Bundes zurückgegangen, — ein Weg, den wir gegenüber allen mehr oder minder revolutionären Konstituirungsversuchen stets als den allein richtigen bezeichnet haben. Daß er aber nicht zum Heile führen kann, wenn und so lange die zwei Großmächte nicht unter sich EinS geworden, ist eine nur zu gerechtfertigte Besorgniß. Die unausgeglichenen Differenzen beider in die Berathung mit den Kleinen Deutschlands ziehen, ist vielleicht die bedenklichste Operation voll der größten Gefahren für jeden der beiden großen und voll der größten Versuchungen für die mittleren und kleinen Staaten. Wehe uns, wenn cs an ein Bieten und Handeln gehl und zuletzt an einen Zuschlag an den Minbestforvernden!
I
Deutschland.
^ Von der Höhe. Zu der in Nro. 106 dieses BlatteS enthaltenen Notiz über die diesjährige Versammlung der süddeutschen Forstwirthe zu Kreuznach haben wir noch hinzuzufügen, daß dieselbe vom 9. bis 12. Juni d. J. statlfinden und dabei „außer einer großen Erkursion nach dem Soonwalve nach geendigter Schlußsitzung und in Verbindung mit der Heimkehr der Mitglieder am 12. Juni ein zweiter Ausflug nach dem Kammerforst bei Lorch und dem Niederwald bei Rüdesheim unternommen werden wird, um den Theilnehmern Gelegenheit (?) zu bieten, die Rheinische Forstwirthschaft nach verschiedenen Richtungen kennen zu lernen".
So sehr wir uns auch freuen, die verehrliche Gesellschaft aufdießseitigem Gebiete begrüßen zu können, so hätten wir doch lieber gewünscht, wenn statt den Kammerforst zu besuchen , eine Tour in den Rheingauer Hinterlandöwald beliebt worden wäre, in dem die Forstwirthe ein ganz anderes Bild von der rheinischen Forstwirlhschaft mit nach Hause genommen hätten. — Der Kammerforst hat in den französischen Kriegen außerordentlich gelitten und wird außer einigen Naturschün- Heiten für den Forstmann wenig barbieten, wogegen der Hinterlandswald großartig in seiner eigenthümlichen Bewirthschaf- tung ist und die prachtvollsten Hain- und Rothbuchenbestände wie in den Backofengraben, Steinerndell rc. und des Lehrrei, chen, wie man es machen und nichl machen soll, gar Manches aufzuweisen hat. Sollten vielleicht die Preußen absichtlich den Kammerforst gewählt haben, um zwischen der Forstwirthschaft dies und jenseits des Rheins eine Parallele zu ziehen? Sie wird trotzdem noch immer zu Gunsten Nassaus ausfallen.
Karlsruhe, 6. Mai. Die angehaltenen Schaffhauser Soldaten sind am 1. Mai von Ravolfszell, wo sie bis dahin verwahrt wurden, auf Befehl des preußischen DivisionsKomman- beurs zu Constanz an die Gränze gebracht und entlassen; die Gewehre hat man indeß einstweilen zurückbehalten.
Kassel. Aus einem Bericht über ein Fest, welches am 2. Mai Den heimkehrenden Erfurter Abgeordneten auf der Wilhelmshöhe bei Kassel gegeben wurde, geben wir eine charakteristische Mittheilung der Neuen Hessischen Zeitung wieder über den Toast, welchen Graf Dyhrn ausbrachie. Er knüpfte an die preußische Anziehungskraft an, welche sich, wenn sie nach dem Gesetze der Schwere und nach der Masse sich bestimme, allerdings hier in ihm, dem Repräsentanten Preußens, ihrer großen Wirkung nicht verfehlen könne. Es ist unmöglich, dem sprudelnden Flusse dieser reichen Laune zu folgen, welche mit leichtem Schwünge sich der gewichtigen Gestalt entwindet. „Lassen Sie uns auf die Sonne Deutschlands hoffen, welche im blutigen Morgenröthe der Schlachten aufgegangen, durch neidische Dünste und Nebel verhüllt, sich in allzu großer Bescheidenheit in Wolken hüllt und sich immer noch unfern Blicken entzieht. Aber eS hilft ihr nichts, sie wird und muß heraustreten. Heute vor 37 Jahren mußten die deutschen Waffen den Rückzug antreten, aber es war das Zeichen zum Siege. Bei dieser Gelegenheit, fuhr der Redner fort, fällt mir eine Geschichte ein, die mir