Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

M LOS

Donnerstag den S Mai

1850

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährigePrännme- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Nroßberzoqthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Näum mit 3 ft. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­de rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Wegen des Himmelfahrt-Festes erscheint morgen kein Blatt.

Uebersicht.

Ein politischer Prozeß in Darmstadt.

Deutschland. Wiesbaden (Assisen). Frankfurt (Antwort Preu­ßens auf die österreichische Zirkular-Depesche). Singen (Brand). Darmstadt (Unwohlseyn des Großherzogâ). Kassel (Einberufung des Landtags. Abreise des Kurfürsten nach Berlin). W i en (Schil­derung der Zustände).

Großbritannien. London (Jamaika. Politische Flüchtlinge auf Malta). China. (Kampf gegen die Piraten).

Ein politischer Prozeß in Darmstadt.

Die Anklage gegen die beiden ehemaligen Reichstags- Abgeordneten Bogen und Dr. Heldmann und den gewesenen Lieutenant v. Rosenberg wegen Hoch- und LandesverrathcS kommt den 10. Mai zur Lerhandlung. Der Anklageakt, der schon als ein historisches Aktenstück Beachtung verdient, lautet nach einer Einleitung:

DaS Verhältniß des Großherzogthums Hessen zu Baden hatte sich bekanntlich zu Ende deS Monats Mai 1849 durch die in Baden auSgebrochene Revolution zu einem Zustande des Krieges gestaltet. Es stände sich Ende Mai vvn beiden Seiten geordnete Heeresmassen gegenüber, und eS fand am 30. Mai ein Gefecht bei Hemsbach statt, in welchem die ba­dischen Truppen auf regelmäßige militärische Weise geführt waren. Durch den Ausbruch dieses Krieges sah sich der jetzige Angeklagte v. Rosenberg, bis dahin Oberlicutenant im vierten Infanterieregiment, veranlaßt,,am 30. Mai Abschied zu neh­men. In seinem Gesuche trug er vor: Nachdem jetzt die Offensive gegen Baden begonnen, der Bürgerkrieg gegen einen Bruderstamm beschlossen sey und cS sich nicht mehr blos da­rum handle, Einfälle untergeordneter Haufen zu verhindern, halte er sich durch seine politische Ueberzeugung für genöthigt, ein Lerhälteiß aufzugcben, das er vor seinem Gewissen nicht länger zu rechtfertigen vermöge. Der Abschied ward ihm am 3. Juni ertheilt. Zwei Tage darauf fand die erste Expedition der hessischen Truppen nach Weinheim statt. Am 10. desselben Monats wendete sich v. Rosenberg nach Baden in der Absicht, in die Dienste deS Feindes zu treten. Er reiste durch den Odenwald nach Karlsruhe; cS gelang ihm, wie er in seinem Tagebuche erzählt, im Odenwald mit Hilfeguter Demokra­ten" auf einsamen Waldwegen den Mecklenburgern auszuwei­chen , und über Eberbach nach Heidelberg zu kommen. Er besprach sich sogleich mit dem Vicepräsidenten der konstituiren- den Versammlnng über seine Verwendung.

Am 13. JuniuS schrieb er an Dr. Wilhelm Schulz nach Stuttgart, und traf hierauf eine Antwort mit dem Post­zeichen vom 17. JuniuS am 18. zu Karlsruhe ein, des In­haltes :Verehrtester Freund! Den freundlichsten Dank für Ihre Mittheilung! Die Tage der Entscheidung rücken rasch

heran. Hat in Paris das Volk gesiegt, so wird auch unser Sieg ohne allzuichwcre Opfer erkauft werden. Wo nicht, so haben wir wenigstens die Aussicht auf einen ehrenvollen Kampf. Zwar wird cs für Sie, die Sie sich durch Ihr ganzes Leben und Wirken für die Sache der Freiheit schon hinlänglich selbst empfohlen haben, keiner besonderen Empfehlung mehr bedürfen. Wollen Sie indessen von der Beilage Gebrauch machen, so mögen Sie dieses thun. Was halten Sie nun aus eigener militärischer Anschauung von den badischen Zuständen ? Könnte die Rhein-Neckar-Ebene gegen den andringenden Feind nicht behauptet werden, so müßte man doch nach meiner Ansicht mit aller Macht die Neckarlinie zu behaupten suchen, und darum im eintretenden Falle den Rückzug neckaraufwärts nach dem badischen Odenwalve und nach Würlemberg hin nehmen. Zwar sind im Augenblicke die Verhältnisse im Würtenberger Lande ziemlich schlecht. Bei einer Annäherung der badischen Truppen aber würde eine Gährung in den würtembergischcn Grcnzbezirkcn, die auch von innen genährt werden könnte, sicher nicht gusbleibcn. Hätten wir nicht seither hier alle ver­sammelt seyn müssen, um mit hundert Mitgliedern beschluß­fähig zu bleiben, so hätte ich mich schon lange im Badischen, eingefunden. Ich hoffe, daß dieses bald wird geschehen können. Haben Sie Zeit übrig, so schreiben Sie mir recht bald etwas Näheres über die badischen Ansichten und Plane. Herzlich grüßend Ihr W. Swulz. (Kanustadt bei Stuttgart, gegen­über dem Hotel Hermann.) Nachschrift: Bogen ist keineswegs gesonnen auSzutrelen. Dies wäre Blamage, trotzdem und um so mehr, da wir heute vom Märzministerium Jaup unser Ab­berufungsschreiben erhalten haben". Hierbei lag eine Empfeh­lung folgenden Inhalts:Die Unterzeichneten erlauben sich den aus großherzogl. hessischem Militärdienste ausgetretenen Oberlicutenant v. Rosenberg als einen Offizier von hervorra­gender Fähigkeit und als einen Ehrenmann von erprobter Freisinnigkeit zur geeigneten Verwendung im badischen Militär­dienste auf das dringendste zu empfehlen. Stuttgart, 16. Juni 1849. Wilh. Schulz, Abgeordneter deS ersten Wahlbezirkes des Großherzogthums Hessen. C. Vogt. Dr. Mohr. Dr. Heldmann. Bogen."

Am 18. Juni ward v. Rosenberg im Kriegsministerium erster Sektion verwendet; er war jedoch nach der Angabe deS Zeugen Dr. Sander nur wenig zu leisten im Stande. Er halte die Leute, welche auf das Kricgsministerium kamen, sum­marisch angehören und sie nach Beschaffenheit ihrer Geschäfte entweder dem Kriegsminister oder dem Sekretariate oder dem Kricgszahlamte zuzuweisen. In seinem Tagebuche ist folgende Notiz vom 19. Juni enthalten:Errichtung eines Ingenieur- Bataillons ; mein Bericht darüber an den Kriegsminister". Nachdem in Folge deS Vorrückens der verbündeten Reichs- und preußischen Truppen die badische Armee zum Rückzüge genö, thigt war, folgte ihr v. Rosenberg, und traf am 25. Juni Abends in Rastatt ein. In seinem Tagebuch findet sich fol- gende Notiz vom 27. Juni:Die rheinhessische Legion in der Pfalz hat sich bei ihrem Ueberlrilte nach Baden aufgelöst. Die