Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 108.
Mittwoch den 8. Mai
1850.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prünume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthümS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. — Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Ein Blick auf unsere Lage.
Deutschland. Mainz (Zitz). — Darmstadt (Wohlthâtigkeitsstnn).
— Bensheim (Ein zu Tag gekonimenes Verbrechen). — E rfurt (Sitzung des VerwaltungSratheS). — Berlin (Die Kongresse). — Von der Eider (Friedensgerüchte). — Wien (Aufregung in Kirchensachen).
— Triest (Stagno in Dalmatien eristirt nicht mehr).
Frankreich. Paris (Jahresfeier der Republik). Großbritannien. London (Der Eintrittseid. Sir L. Rothschild). Italien. Rom (Die Besatzung). — Verona (Vermischtes).
Amerika. Kalifornien (Kampf zwischen Franzosen und Amerikanern).
Ein Blick auf unsere Lage.
Niemand wird bestreiten können, — daß unsere öffentlichen Zustände in ihrer jetzigen Gestalt auf die Dauer unhallbar sind. Die politische Bewegung, trotz Bundestag und Zensur lange vor dem Jahre 1848 begonnen und in diesem durch einen Anstoß von Außen nur beschleunigt, ist zwar gegenwärtig durch gesetzliche und ungesetzliche Mitte! mehr oder weniger beschränkt worden. Aber nur in einer kräftigen Einigung des Gesammtvaterlandes und einer daraus von selbst sich ergebenden nationalen Weltstcllung kann sie einen Ruhepunkt finden, an welchem wir uns von der schon fast allenthalben fühlbaren Erschöpfung erholen und.die innern Schäden mit Erfolg bessern oder heilen können. Zwei Wege führen zu vielem Ziele — der Weg der Reform und der Weg der Revolution. Zwischen beiden ist zu wählen und die Wahl kann für Keinen zweifelhaft sein, der seinem Naterlande das Meer von Wehe und Elend ersparen möchte, das jede Revolution und zumal eine politisch-soziale, unausbleiblich in ihrem Gefolge hat. — Es gilt nun, sich über den Weg der Reform klar zu werden, die Hindernisse zu erwägen , welche er bietet, und die Mittel zu finden, diese mit dem möglichst geringen Schaden für den Einzelnen und die Gesammtheit zu überwinden. Dieser Weg ist unverbrüchliches Festhalten an Gesetz und Recht, nicht nur von Seiten des Volks, sondern auch von Seiten der Regierungen. Wenn wir mit kühlem Blute und ruhig prüfendem Blicke auf die jüngste Vergangenheit zurückschauen, so müssen wir zugestehen, daß im Frühlinge 1848, als wir von der Fluth der Ereignisse überrascht wurden, die vorhandenen Gesetze unvermögend waren, zu verhüten, daß der Strom die Dämme durchbrach und neben fruchtbringender Bewässerung auch den Segen mancher Fluren zerstörte und manches Gute Hin- wegspülte.
Unter diesen Umständen konnte an eine durchgreifende Re, form nicht gedacht werden. Die Wasser haben sich inzwischen verlaufen, und wenn es einerseits Pflicht ist, den Damm zu befestigen und zu erhöhen, so wäre es andererseits Thorheit, ja Tollkühnheit, den Strom selbst zu dämmen und zu stauen. Er würde dadurch nur gezwungen, sich auf's Neue einen ge
waltsamen Ausweg zu suchen. Mit andern Worten, es waren Gesetze nothwendig , um die Bewegung in den geregelten Gang zu bringen; man bedurfte Stützen für das Gebäude, um, vor dem Einstürze gesichert, den Umbau vorzunehmen. Zu solchen Stützen rechnen wir die Gesetze über das Vereinswesen und die Presse. Was die schrankenlose Uebung beider innerhalb kurzer zwei Jahre zu Stande gebracht, wie sie an des Volkes Si'te und Religion, den Grundpfeilern jedes staatlichen Verbandes, gerüttelt, wie sie jegliche Autorität zu un# ; tergraben, jede Pietät für Alles, was dem Menschenherzen l hoch und theuer ist, zu tilgen gesucht, dafür Beispiele anzu- führen, hieße Wasser in den Rhein tragen wollen. In fast i allen deutschen Ländern sind nun auch jene beiden Hauptfaktoren der Bewegung, die gleich vielen Erzeugnissen der Naturreiche, je nach dem Gebrauche, dem Staate heilsame Arzneimittel oder zorstörende Gifte werden können, durch die Gesetze geregelt worden. Mögen diese auch Manchem zu strenge erscheinen — die Männer, welche den Regierungen bei deren Zustandekommen die Hand geboten, haben wohl gewußt, was sie thaten. Sie wollten den Regierungen Schiktz gewähren gegen die Tollheiten und Ueberstürzungen der Demagogie, damit sie um so ungestörter an die unabweisbaren Reformen unseres öffentlichen Lebens gehen könnten.
Jene Männer haben nun aber auch ein Recht, von den Negierungen zu verlangen, daß sie ohne Säumen Hand ans Werk legen. Von dem Augenblicke an, wo jene Gesetze dazu benützt werden sollten. die berechtigten Forderungen der Gegenwart zu umgehen und die Dinge ins alte, auSgefahrene Geleise zurückzubringen, von dem Augenblicke an werden und müssen die Konservativen, wollen sie anders dielen Namen verdienen, ein entschiedenes „Halt"! rufen. Würde aber deren Stimme mißachtet, dann wäre es Pflicht dieser Partei, den Regierungen mit demselben Kampfesmuthe entgegenzu- treten, welchen sie gegen die Verkehrtheiten und Ausschweifungen der Demokratie bewährt hat. Kein Gesetz aber, kein Kämpfen und Mühen der Freunde der Ordnung , keine auch noch so starke Truppenmacht wird für die Folge eine revolutionäre Katastrophe von unserem Vaterlande abwenden können , wenn der Drang der Deutschen nach Einigung unbefriedigt bleibt. Unaufhaltsam wie er ist, wird er nimmer rasten, bis er ans Ziel gelangt and bevor er dieses erreicht hat, werden alle organischen Gesetze nur Palliat vmittel, nur Flick- und Stickwerk seyn. — Leider aber scheint diese Wahrheit gerade da am wenigsten erkannt zu werden, wo ihre Erkenntniß am nothwendigsten wäre. Denn gerade jetzt sind wir von der Einigung weiter entfernt, als wie es je feit den Märztagen gewesen. In den höheren Kreisen fehlt es an aller patriotischen Entsagung. Große und Kleine halten sich wieder so gesichert im Besitze, daß die einen an keine Selbstbcschrän- kung ihrer Machtvollkommenheit, die andern an keinen Verzicht auf dieselbe denken. Die Demokratie aber, welcher durch das eine und das andere die Spitze abgebrochen würde, wühlt offen und heimlich fort, und trotz ihrer Niederlagen ist ihre Siegeshoffnung nicht im mindesten gebrochen. Versäumt man daher die Lösung der deutschen Frage auf dem Wege der Reform, dann erfolgt sie früher oder später auf dem Wege der