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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

107» Dienstag den 7» Mai 1850»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariâfchen Verwaltungsgebietes 2 ft. 1O fr. Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­te rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die großdeutsche Politik.

Deutschland. Wiesbaden (Asstsen.) Köln (Kinkels Bertheidi- gungSrede). Berlin (Unionskongreß). Hamburg (Die Kon­stituante).

Türkei. Konstantinopel (Die russische Besatzung in den Donaufür­stenthümern. Die Jnternirungsfrage).

SS Die großdeutsche Politik.

Die großdeutschen Höfe und großdeutschen Journale schreien sich fast heiser nach einem Kongreß von Bevollmächtigten sämmt­licher deutschen Staaten, die unter sich die deutsche Einheit vereinbaren, bis pahin aber als oberste Behörde die Stelle deS Interims einnehmen sollen. Die Vereinbarung unter den Fürsten bleibt, wie Jedermann weiß, wenn nicht zwingende Umstände nachhelfen, ein frommer Wunsch und Traum, und so besteht denn wieder in Ewigkeit der Kongreß der Be­vollmächtigten oder daS neugeschaffene Plenum des seligen Bundestags.

Ewig? wir wollen sehen, ob die feine Rechnung deut­scher Diplomaten, die im Vorbeigehen gesagt, sich leider noch immer durch Mangel an Geschick und Geist sehr unvorthcil- haft vor ihren Kollegen des Auslandes auszeichnen, richtig ist.

Der restaurirte Bundestag, darüber kann wohl kein Zwei­fel seyn, wird keine Sympathien im Volk, keine Unterstützung bei irgend einer deutschen Kammer, so viel auch manche zu wünschen übrig läßt, finden können. Im Gegentheil , wie vor dem März 1848, so wird er auch den Tag nach seinem Ausleben mit dem Kern der Nation, ja selbst mit der ganzen Demokratie, die dann doch wohl das verräterische Band,, wel­ches sie und die großdeutsche Fraktion eben in liebender Umar­mung umschlungen hält, lösen wird, einen ernsten schweren Kampf zu kämpfen haben. Vor dem März, ohne Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht, ohne eine eigentlich anarchische Partei, ohne daS jetzt glücklicherweise tief in die Herzen gepflanzte Nationalge- fühl, war das Bestehen dieses Kampfes nur mit Wiener und Carlsbader Beschlüssen möglich, und das erste Lüftchen vom westlichen Gewitter zerstreute schon die Frankfurter Gesell­schaft wie welke Blätter der Herbstwind. Die erste Maßregel des erweckten Bundestags, die nächste nothwendige Konsequenz, wäre also eine neue, stark vermehrte Auflage von CarlSbader Beschlüssen eine neue Ausgabe der berüchtigten Politik: asuès moi le déluge !

Sehet hin nach Frankreich, nach den bedenklichen Erschei­nungen in der französischen Armee, und fraget Euch, wie lange diese Sündfluth auf sich warten lassen wird, und ob etwa die künstlichen Zuckungen eines längst Verstorbenen ihrem gewal­tigen Andrang würden zu widerstehen vermögen. Ist auch diesmal wieder das edle Vertrauen der Nation von ihren Häuptern getäuscht, das Versprechen, denberechtigten" Wunsch einer endlichen Einigung ihrer Stämme zu erfüllen, nicht ehr­lich gemeint gewesen, nichts wird im Stande seyn, daS Ver- trauen zwischen Regierten und Regierenden wieder herzustellen,

und wir gehen einem Zustande, ähnlich dem in Frankreich ent­gegen , wobei aber wegen deS immer regen Mißtrauens keine Form der Regierung mehr zu genügen im Stande ist. Darum rufen wir den deutschen Fürsten immer und immer wieder zur Haltet als ehrliche Männer Eure Versprechen, gegeben in einer Zeit, wo Eure Fortcristenz der Großmuth der Völker anver­traut war; den Völkern: aber, daß sie endlich diese großdeutsche Phrasenpolitik erkennen möchten, die in.verständlichen Worten nichts anders bedeutet, als die Restauration des Bundes­tages ! ________________

DeutfehlonD.

Wiesbaden, 5. Mai. (Assisenverhandlungen. Fortsetzung.) Daß Balzer daran dachte, auf dem Hein- richShof ein Bett zu miethen, findet eine ganz natürliche Er­klärung in der Jagdliebhaberei des Angeklagten. Die Flinte, mit welcher Bayer verwundet wurde, war ganz unregelmäßig geladen; so ladet kein Jäger und kein guter Schütze, wie eS doch Balzer ist. Die Proben mit der im Eichstamm gefunde­nen Kugel können nichts beweisen. Die Jagdgewehre haben meistens gleiches Kaliber. DaS verstörte Aussehen des An­geklagten haben die Zeugen nachträglich erklärt. Sie sagen darüber befragt, waS sie darunter verstehen: er habe eine dunkle Drille gehabt, sey schnell gegangen, habe sie scharf an­gesehen, sehe überhaupt nicht freundlich. Die Flucht deS An­geklagten ist wohl erklärlich, wer setzt gern sich den Schrecken einer Untersuchungshaft auS? Der Angeklagte hat sich aber auch freiwillig gestellt, trotzdem daß er in England ganz sicher und I unangefochten gelebt hat. DaS beweist mehr für seine Un, I schuld als für seine Schuld. Ich schildere seine Verhältnisse, auS denen Sie entnehmen werden, daß der Angeklagte dieser That gar nicht fähig ist. Seine Ehe ist die glücklichste, seine Frau hat sich angetragen, sich als Bürge in Haft zu stellen, daß ihr Gatte zurückkehren werde. Er hat Vermögen, und noch mehr zu erwarten, er genießt der Achtung seiner Mit­bürger. So viel setzt man nicht muthwillig aufs Spiel. Mit welcher Unvorsichtigkeit wurde die That nicht begangen? Bal­zer hat auch nie daran gedacht, Bayer aus dem Wege zu räumen, er hat noch wenige Tage mit dem Justizrath Freu­denberg Konferenz gehabt, um die Sache auf gesetzlichem Wege belzulegen, er war geneigt die Sache durch Vergleichung hin erledigen.' Balzer soll dem Bayer aufgelauert haben. Warum verübte er die That nicht Morgens, da Nachmittags die Kurgäste von Ems öfters Erkursionen nach dieser Richtung zu machen? Balzer ist, wie konstatirt, um 11 Uhr Vormit, tagS nach Hause zurückgekehrt. Bayers Rückkunft von Brau­bach wäre unmittelbar nach Tisch zu erwarten gewesen, daß sie erst um sechs Uhr erfolgte, war ein reiner Zufall. Wer dem Bayer auflauern wollte, mußte schon nach zwölf Uhr auf dem Platze seyn. Balzer ist erst nach sechs Uhr, zwischen sechs und sieben Uhr von EmS nach dem Forsthaus gegangen. Die Zeugin Wahl, Anna Wagner und der Zeuge Kepper be­stätigen dieß.

ES ist eine reine Unmöglichkeit, daß er um 6*/, Uhr von der Zeugin Wahl von EmS kommend, gesehen wurde und zu