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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 106. Montag den 6. Mai 1850.

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Uebersicht.

Beitrag zur Kenntniß nassauischer Zustände.

Deutschland. Wiesbaden (Assisen.) Ans dem Amte Hochheini

(Die Hundetare). Frankfurt (Der allgemeine Anklang der Mün­chener Uebereinknnfl). Berlin (Simson dekorirt).Wien (Ueber- tritt zum Protestantismus und zur freien Kirche). Frankreich. Paris (Wahlgesetz. Berlegung des Regierungssitzes). Türkei. Konstantinopel (Unruhen in Kurdistan).

Beitrag zur Kenntniß der nassauischen Zustande.

Küster und Gegenküster. Vor-Urtheil und Nach, Urtheil.

Idstein, 27. April. Die Nass. Allgem. Ztg. hat in ihrem Hauptblatt vom 24. April aus Idstein einen Beitrag zur Kenntniß nassauischer Zustände gebracht, worin unser Ge­meinberath eine bedeutende Rolle spielt, über welche vle öffent­liche Stimme urtheilen wird, weßhalb wir unser Privaturtheil hier für überflüssig erachten. Wir wollen Ihnen vielmehr et­was Neues berichten. Unser Gemeinderath weiß, daß wie im Kampf Leben, in der Ruhe aber Tod ist; er fühlt seit dem Siege über den Schulvorstanv seine Kraft wachsen, und betrat deßhalb zu fortgesetzter Uebung einen neuen Kampfplatz. Dieß­mal ersah er sich den Kirchenvorstand zum Gegner aus. Es handelte sich nämlich um die Vergebung des Küsterdienstes an unserer Kirche. Unsere Geistlichkeit war nun der Ansicht, daß sie zu beurtheilen habe, wer zu diesem Dienste brauchbar sey. Der Gemeinderath hingegen behauptete, ihm stehe die Be­setzung der Küsterstelle zu. Der heftig entbrannte Kampf hat lange unentschieden herüber- und hinüber gewogt, bis es end, lich, wie wir so eben vernehmen, gelungen ist, einem Vermitte­lungsvorschlag des KreiSamtes die Zustimmung der kämpfen­den Parteien zu gewinnen. Unsere Geistlichkeit, deren Festhal­ten an ihrem Rechte wir loben müssen, wählt einen Küster und der Gemeinderath wählt einen Küster. Beide haben Recht behalten. So haben wir also gegenwärtig zwei Küster, wovon der eine geistlichen, der andere weltlichen Din­gen zu Ehren sich in der Kirche beschäftigt. Der Eine läutet zur Gemeinde und zum Mittag« und Abendessen. Der Andere läutet zum Gottesdienst. Die Trennung von Staat und Kirche hat begonnen und zwar naturgemäß von Unten.

Ehe wir schließen, noch eine Neuigkeit, die Sie unter die Beiträge Ihres Idsteiner H Korrespondenten bringen können. In unserer Stadt lebt seit mehreren Jahren ganz friedsam ein Schulkandidat auS Sachsen oder Hannover als Lehrer an einer lateinischen Privatschule. Nebenbei beschäftigte er sich in den Jahren 1848 und dem folgenden mit der Demo­kratie und erwarb sich als Mitglied des demokratischen Vereins so sehr die Zuneigung der übrigen Mitglieder, daß er zum Präsidenten erkoren wurde. In diesem Amte entwickelte er eine ungemeine Thätigkeit, hielt selbst Reden und leitete die Reden Anderer. Er hat sich dabei eine solche Uebung in Reden

verschafft, daß er in der neuern Zeit sogar als Leichenredner am Grabe eines Mitgliedes der freien Gemeinde aufgetreten ist. Ueberhaupt hat sich der junge Mann große Verdienste um einen großen Theil unserer Bürgerschaft erworben, waS Sie daraus schließen können, daß man im verflossenen Herbste, als die alte lateinische Schule umzustürzen drohte, ihm zu Ehren eine ganz neue aufrichtete. 'Diesen um das Wohl seiner Mit­bürger sehr verdienten Mann soll nun vor einigen Tagen unser Kreisamt auf Befehl des Ministeriums haben aus­weisen wollen. DaS hat natürlich große Unzufriedenheit her­vorgerufen , und man beschloß, sofort eine Deputation nach Wiesbaden zu schicken, an der Spitze einen Medizinalbeamten, um die Ansichten im Ministerium zu kuriren. WaS man aud# gerichtet, können wir zwar nicht bestimmt angeben; wir hö­ren nur, es sey die Zusicherung gegeben worden , daß der Ausweisungsbefehl noch einmal geprüft werden solle, und daß einstweilen der Herr Kandidat in seinem Wirkungs­kreise fortfahren könne. Sobald die Nachprüfung statt gehabt und wir Näheres darüber vernommen haben, soll eS Ihnen treulich mitgetheilt werden.

Deutschland.

^Wiesbaden, 4. Mai. (Assisen verhandlun gen. Fortsetzung. Die Vertheidigung wünscht die Vermuthung von sich abzulehnen, als hätte sie einen durch die Stellung seiner Schwester zum Angeklagten möglicher Weise influenzirlen Zeugen beizubringen gesucht.

Büchsenmacher Weigand hat am Schlüsse der Morgen, sitzung erklärt, die in der vorgezeigten Kugelform gegossene Kugel passe nicht in den ihm vorgezeigten Stutzen und auch nicht in die Doppelflinte. Er wurde aufgefordert, eine der plattgeschlagenen im Eichenstamm Vorgefundenen an Gewicht gleiche Kugel gießen, oder sich zu verschaffen. Die in der Nachmittagssitzung mitgebrachte Kugel ist um ein Zehntel Gran schwerer als die plattgeschlagene, es ist dieß eine Ge» wichlvifferenz, die auch bei Kugeln vorkommt, die in denselben Formen gegossen wurden. Diese Kugel ist kleiner als die auS der bei Karl Balzer gefundenen Kugelform gegossene Kugel.

Jäger Wagner gibt nachträglich an, er erinnere sich mehrmal nach dem 24. Juni 1849 bei der Ehefrau des Karl Balzer gewesen zu seyn. Ob es wegen einer Flinte war, wisse er nicht. -

Posthalter Dreßler, ein Schwager deS Angeklagten, übergibt die ihm als Stellvertreter des Bürgermeisters von EmS vom Amte zugekommenen Verhaftsbefehle gegen Philipp Bayer (der wegen lebensgefährlicher Bedrohung zu zwei­monatlicher Korrcktionshausstrafe verurtheilt ist) und äußert sich sodann über Philipp MaurerS Behauptung, die er als unwahr erklärt; über den Charakter dieses Mannes; über den angeblich betrügerischen Bankerott BayerS, und über He rr- mannS Ruf.

Ein in Diensten Dreßlers stehender Postillon gibt an, zugegen gewesen zu seyn, als Philipp Maurer auf Dreß­lers Befragen ausdrücklich erklärte, es sey nicht wahr, daß