Nassauische Allgemeine Zeitung
M lO^ Freitag den L. Mai 18S«.
Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährigePränume- »«tionspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariâfchen BerwaltungSgebieteS 3 fl. IO fr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Französische Zustände.
Deutschland. Wiesbaden (Asstsen.) — Bingen (Brand). — Frank- furt (Interim). — Köln (Freilichrath). — Dresden (Urtheil gegen den Hauptmann Teutscher). — Berlin (Das Tragen der deutschen Kokarden verboten). — Oldenburg (Vertagung des Landtags). — Wien (Postvertrag mit Preußen. Nachrichten aus Griechenland).
Frankreich. Paris (Die Wahl).
Dänemark. Kopenhagen (Die Revolution auf Island).
Französische Zustände.
Die BaSler Zeitung erhält von ihrem wohlunterrichteten Loire-Korrespondenten eine Reihe von Aufsätzen, die über die gegenwärtige Lage Frankreichs außerhalb der Hauptstadt beson- Lers in den nordwestlichen und Zentral -Departementen , sehr viel Licht verbreiten, und um so mehr zu beachten sind, da sie von einem Manne herrühren, der mitten im Volke steht und die Dinge mit unbefangenem Auge betrachtet. Derselbe berichtet:
Auch in unserm Departement hat bei den jüngsten Wahlen der sozialistische Kandidat mit 26,000 Stimmen auf 56,000 den Sieg davon getragen. Auf seiner Seile hatte er nur etliche Zeitungsartikel, kaum zehn Freunde, die für ihn warben , und auch von diesen hatte der Präfekt etliche einsetzen lassen. Hingegen dem Kandidaten der Regierung stunden alle Beamten, alle Gensd'armen, alle Dorfwächter zu Gebote, die seine Empfehlungen von Haus zu Haus trugen; Maires und Schulmeister waren mit Absetzung bedroht, wenn es ihnen nicht gelänge ihre Gemeinde für ihn günstig stimmen zu lassen, und dennoch hatte er unterliegen müssen. Mit dergleichen Mitteln verfährt man heul zu Tage in denjenigen Departe- menten, welche zweifelhaft find; aber gerade dieses hat die von der Regierung vorgeschlagenen Männer nur um so verhaßter gemacht, und auch in Zukunft wird man bei der Landbevölkerung damit nicht durchdringen und eher dem Sozialismus einen Wahlsieg nach dem andern verschaffen.
Aber ist denn unser Bauer so sozialistisch, als man nach dem AuSgange der Wahlen wohl annehmen möchte? Ich glaube eS nicht, und auch die einsichtigeren Sozialisten rühmen dies keineswegs. Die gegenwärtige Stimmung oder vielmehr Mißstimmung der Landleute hat ihren Grund zum Theil in den willkürlichen Absetzungen von Maires und Schullehrern, welche ihr Zutrauen genossen, hauptsächlich aber in der gleichen Ursache, warum sie vor 16 Monaten so massenhaft für Louis Napoleon und gegen die Republik gestimmt haben. Damals geschah es aus Haß gegen die 45 Zusatzcentimes der rothen Republik, und auf die vielen Versprechungen hin von Erleichterungen in Abgaben, die man in Napoleons Namen ru machen für gut fand. Jetzt, wo alle diese Versprechungen nicht erfüllt wurden, wo der Abgabendruck der gleiche ist,
während die Landesprodukte, aus welchen Steuern und Zinse bezahlt werden sollen, fast keinen Werth haben, leiht man wieder bereitwillig Jedem sein Ohr, der für die materiellen Be» dürfnisse eine bessere Zukunft verspricht. Unsere kleinern Grundbesitzer haben für nichts Anderes Sinn, als was Geld kostet und waS Geld einträgt. Wohl vier Fünftheile sind tief verschuldet, und für diese üben die Lehren von Proudhon und andern Sozialisten über Kapital und Zins den größten Einfluß, der sich eben an vielen Orten bei den Wahlen schon geltend gemacht hat. DaS Erste, was unsere Regierung hätte thun sollen, und womit sich auch LouiS Philipps Regierung zuletzt ernstlich zu beschäftigen anfing, wäre eine bessere Gesetzgebung zur Erleichterung deS Landvolkes, häuptsächlich im Hypothekenwesen, und zur Beschränkung der vielen Blutsauger, die unter den Rubriken von Delreibungs- und Gerichtskosten, von Pro, Visionen, den kleinen Grundbesitzer zu Grunde richten, ganz eigentlich zu den Sozialisten hintreiben und noch zu weit grö, fterem verführen können, wenn man nicht baldigst hierin Er, leichterung schaffen wird. Allein zu diesem Allem findet unsere gesetzgebende Versammlung keine Zeit und vergeudet die meiste der ihrigen in nutzlosen Diskussionen über Ainge, die mehr als neun Zehntheilen der arbeitenden Bevölkerung ganz gleichgültig sind.
Dieses kommt aber den Häuptern der Sozialisten gerade recht und auch die Linke in der Versammlung thut das Mög, lichste, um Alles aufzuhalten und nichts Nützliches aujkommen zu lassen. Letzthin rühmte mit einer der einflußreichsten So, zialisten selbst den Gang der Verhandlungen: „Unsere Lehren haben guten Fortgang; wenn dieses Regieren noch zwei Jahre so fortgeht, so haben wir bald alle Landleule für uns, und weil diese bei den Wahlen den Ausschlag geben, ganz Frankreich".
Die gleichen wichtigen Interessen, welche Regierung und Nationalversammlung versäumen zum Besten der Nation zu behandeln, werden nun von den Sozialisten um so mehr ausgebeutet, um die Leute in ihrem Sinne zu bearbeiten. Unaufhörlich belehren sie das Volk in ihren Blättern, wie man eS anfangen müsse um weniger zu zahlen, ja um am Ende gar nichts zu bezahlen, und bekümmern sich gar nicht darum, ob dabei alle zu Grunde gehen mögen, wenn nur ihr Zweck, der kein anderer ist als der Sturz jeder Regierung, die nicht aus ihren Leuten zusammengesetzt ist, damit erreicht wird. Zwar zieht die Regierung gegen diese Blätter beständig zu Felde, zieht sie vor Gericht, läßt sie strafen und verfolgen, so lange bis die Kaution erschöpft ist und das Blatt cingehen muß. Aber damit ist noch nicht alles gewonnen, eine wohlorganisirte mündliche Propaganda, die sich bereits über 43—45 Departements erstrecken soll und welcher fast nicht beizukommen ist, richtet bereits so vielen Schaden an, als die Presse und setzt durch die beständige Wachsamkeit, die man ihr entgegensetzen muß, alle Behörden in Aufregung und Verzweiflung. Diefes geschieht dadurch, wie man seit einiger Zeit wahrnimmt, baß eine nicht unbedeutende Zahl von Männern, die in allen Volksberedungskünsten wohlerfahren sind, die aber Niemand kennt, und die dennoch nicht als Reisende auftreten, sich in ent« feinten Städten und Dörfern sehen lassen, in die besuchter» Kaffee- und Wirthshäuser gehen, den Gesprächen der Leute zu«