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Nassauische

Allgemeine Zeitung

M 103

Donnerstag den 2. Mai

1850

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährigePränume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 1 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fl. IO fr. Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle«- terg'fcheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Ein weiterer Beitrag zur Charakteristik nassauischer Zu­stände.

Deutschland. Bingen (Brand).Kobl enz (Konflikt mit dem Klerus).

Stuttgart (Landesversammlung. Resultat der Vorberathung). Erfurt (Parlament, v. Rochau und v. Bismark). Schleswig- Holstein (KriegSrüstungen der Dänen). Gratz (Minister v. Schmer­ling). Wien (Justizdienst in Ungarn).

Dänemark. Kopenhagen (Empfang der Deputation).

Frankreich. Paris (Die Wahl).

Nachschrift. Wiesbaden (Assisen).

Cin weiterer Beitrag zur Charakteristik nassauischer Zustände.

Motto: Quem Deus perdere vult, dementat.

Ä Wiesbaden, 30. April. So erfreulich es ist, daß die

Spalten dieses Blattes obgleich schon von der ersten Zeit ...u w vy.lt ^clVcutluny ».»«oe«, eup

jetnee Ertchetnens an, bei der Demokratie als Regierungs« dem widerlichen Eindruck, den unS die moderne Speichelleckerei Blatt, als ministerielles Werkzeug re, stigmalisirt und ver- " ' ' ~

fehmt der freimüthigsten Besprechung über Nassauische Zustände, ja selbst der schonungslosesten Kritik über Hand­lungen der Regierung und deren Träger stets bereitwillig ge­öffnet waren, so dankenswerlh es ist, daß, namentlich in neuerer Zeit hievon der ausgedehnteste Gebrauch gemacht wurde; so entmuthigend müßte es an sich erscheinen, daß un­geachtet der n otorische n Wahrheit der dahin cinschla. genden thatsächlichen Schilderungen, ungeachtet der unbe­streitbaren Begründetheit der erhobenen vielen und gerechten Beschwerden, bisher von einem auch nur entfernten Versuche zur Umkehr von diesem verderblichen, sicher zum Abgrunde führenden Wege, nichts zu verspüren gewesen ist; vielmehr ist und bleibt die Signatur unserer Zustände immer noch die: des Kompaß- und Steuer- losen Treibens eines Schis­ses auf offener See, die, wenn auch gerade im Moment die Wogen nicht in die Augen fallend hoch gehen, nach kaum be« Ichw'.chtigtem Sturme innerlich und von Grund aus aufgewühlt, die Schiffenden zu keinem beruhigten gedeihlichen Zustande kommen läßt, die Seekrankheit bei ihnen vielmehr fortwährend

Wir fühlen uns jedoch hierdurch nichts weniger als ver­anlaßt, unsere undankbare Cassandra,Rolle aufzugeben, werden vielmehr nicht ablassen, das von uns als wahr Erkannte, so und so weit als unsere Kräfte reichen, mit männlicher Offenheit auch auszusprechen, ohne unS im Mindesten zu be# ^nken , auch Persönlichkeiten in den Kreis unserer Betrachtungen zu ziehen, wo eS unS der Sache wegen noth­wendig erscheint.

Wir kommen hier immer wieder auf den in diesen BläU tern so oft schon und unter den mannigfachsten Bariationen ausgesprochenen Satz zurück, daß die Haupt- wenn nicht ein­zige Ursache der Fortdauer unserer inneren Unbehaglichkeit

lediglich in der Haltung oder vielmehr Haltungslosigkeit un­serer Behörden und Beamten zu suchen ist.

Wenn wir irgend hoffen könnten, der seit den Märztagen so allgemein gewordenen Selbsterniedrigung der Beamten in etwas entgegentreten zu können, so möchten wir dieselben daran erinnern, wie in allen germanischen Staaten seit dem AuSgange des Mittelalters bis wohin die Geistlichkeit die­sen historischen Beruf erfüllte der Beamten st and der eigentliche Träger und Erhalter aller und namentlich politischer Bildung war, und bis auf die heutige Stunde, namentlich in einem Lande, wie Nassau, von so kleinlichen Verhältnissen und geringem Wohlstände, noch ist; wie auch in den trübsten Zeiten der Willkürherrschaft sich die doch eben auch nur aus Beamten bestehenden deutschen Gerichte stets und beinahe ohne Ausnahme ihren makellosen Ruf unbeugsamer Rechtlichkeit erhalten haben. Wenn wir daher die Staats­beamten dringend auffordern möchten, dem souveränen Pöbel gegenüber ebenso ihrer Pflicht als ihrer Würde sich bewußt zu werden, so fürchten wir dabei nicht, so ver­standen zu werden, als wollten wir hierdurch dem Wiederer»

wachendes vormärzlichen Beamtendünkels Vorschub leisten; man mag eS uns vielmehr ohne Betheuerung glauben, daß

so vieler Beamten der Demokratie gegenüber verursacht, nur der durch die vormärzlichen Abels- und Beamten-Anmaßungen unS so oft verursachte Ekel gleichkommt, eine Parallele, die um so leichter zu ziehen ist, weil beiderlei anscheinend so ent­gegengesetzte Erscheinungen derselben Quelle Mangel an innerem Gehalt und Gemeinheit der Gesinnung entsprin­gen, daher auch regelmäßig bei ein und derselben Person sich zeigen! Dieses Phänomen führt uns zu einigen Betrachtun­gen über den Unterschied zwischen treuen und servilen Beamten, einen Unterschied, den man wieder in der neuesten Zeit gerade wie in der vormärzlichen mit großem Eifer zu verwischen sich bestrebt, und waS das Wunderbarste ist,

mit dieser plumpen Eskamotage gerade da, wo man das größte Interesse unterstellen sollte, in dieser Hinsicht ganz scharf zu unterscheiden, am leichtesten Eingang findet! In der Vormärz« lichcn Zeit galten bekanntlich und natürlich die als zuverläs­sige treue Diener, welche sämmtlichen auch den absurdesten Launen und Grillen der jeweiligen Gewalthaber, unter gleich­zeitiger Anpreißung derselben alö den Ausfluß der höchsten Weisheit auf daS unbedingteste Folge leisteten, welche affektir- ten, für nichts, als was man damals Dienst zu nennen pflegte, Sinn zu haben, auf das ängstlichste jede allgemeinere, nament­lich politische Erörterung vermieden :c. Wie benahmen sich nun jene vormârzlichenTreuen" in der Zeil der Krise? Der noch am meisten achtbare Theil derselben verließ ohne auch nur den leisesten Versuch eines Widerstandes in größtmöglichster Eile den Schauplatz seines früherenWirkens", sang sein Beatus ille qui procul negotiis etc. und bemühte sich, den Leuten wie aus den Augen so auch aus dem Gedächtnisse zu kommen, welche Bemühungen denn auch in unglaublich kurzer Frist von dem vollständigsten Erfolge gekrönt waren! (Schluß f.)