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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

JIS LOO Sonntag den 28. April 1S5O»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogtbumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fL lO fr. Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­de rg'sche» Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Heberlig L

Der neuerwachte Glaubenseifer im Volke.

Die Verfassungs - Revision.

Deutschland. Wiesbaden (Asstsen). Dillenburg (Die Besetzung der Lehrerstelle am Pädagogium). Mainz (Politischer Prozeß). Frankfurt (Die würtembergische Poststreitfrage). Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder AuerSwald's und Lichnowsky's). Heidel­berg (Winter). Elberfel d (Asstsen). Erfurt (Parlament). Dresden (Vermählungsfeier). Wien (Verlobung des Banus von Kroatien.)

Großbritannien. London (Die überschuldeten Güter in Irland. Sir John Franklin).

Spanien. Madrid (Gerücht von Bewerbung von Ludwig Bonaparte's um eine Infantin).

Nachschrift. Wiesbaden (Asstsen).

* Der neuerwachte Glaubenseifer im Volke.

Die Erfolge der Misstonäre in Süddeutschland sind nichts Auffallendes, wir gewärtigen uns vielmehr, daß sie noch viel größer werden. Denn das Hervortreten des religiösen Mo­mentes liegt jetzt in der Zeit, wie vor 56 Jahren die Un- kirchlichkeit in der Zeit lag, wie vor zwei Jahren der Demo­kratismus, wie heute daS Znrücksteuern zur politischen Auto­rität. Einem solchen Andrângen des Volksgeistes und gerade daseigentliche Volk" ist eS ja, welches jetzt den Missionen zuströmt vermag ein Einzelner nicht die Wider­part zu halten. Und wenn gleich hundert Zeitungsblätter ChoruS machen, und da sie doch gestern noch das Volk als so gescheit gepriesen, heute dasselbe Volk als gar dumm schmähen so werden sie's doch nicht ändern, und das Volk wird seinen eigenen Weg gehen. ES sollte uns gar nicht Wunder nehmen, wenn in Jahr und Tag wieder Klöster überall in deutschen Landen auserstânven , wenn die religiöse Bewegang zu einem Fanatismus sich steigerte, der in den Büßgängen der mittelalterigen Geißclbrüver seines Gleichen suchte, denn der Druck erzeugt den Gegendruck, und wo sich die Luft eine Zeitlang zum Aeußersten verdünnt hat, da strömt die dicke Lust nachher wieder um so mächtiger zu, daß man's Sturm und Orkan nennt. Es nimmt uns jetzt ja auch nicht Wunder, daß ein Fürstentag in Gotha zusammenkommt, da man so etwas doch vor Jahresfrist noch als die fürchterlichste Volksverrätherei verschrien hätte. Die Sache ist uns vielmehr recht interessant; wir haben so viele Vvlkstage gesehen, baß wir höchst gespannt darauf sind, wie sich nun auch einmal ein Fürstentag auSnehmen wird. Wie können sich denn die Leute über die Erfolge der Missionen, der Ligorianer w. wundern? Ja noch mehr; warum wundert man sich auch selbst über den immer reichlicher aufblühenden religiös-mystischen Volksaber­glauben, da man sich doch vor zwei Jahren über den poli­tisch-rationalistischen VolkSaberglauben nicht hat wundern wollen, der in noch viel größerer Blüthe stand? Wir schrieben unlängst über diesen Punkt an einem anderen Orte r

Es ist etwas ganz naturgemäßes, daß das Volk, als eS sah, wie alle Weisheit Der Schriftgelehrten durch den unbe­rechenbaren Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse zu Schan­den wurde, zu den Propheten aus seiner eigenen Mitte um« kehrte, daß cs in den Weissagungen des wandernden Spiel­manns Bernhard, der Tagelöhnerin Helene von Brügge, veS KrämerS Kunz von Eichstciten, des Schäfers Jaspars tiefere Wahrheit fand als in den Büchern und Zeitungen, die auS einer seinem Jdeenkreise fremden Bildungsschicht sich ihm auf- gedrängt hatten. Es war das auch eine Art Emanzipation. Man macht überall, selbst in den gebildetsten Sphären, heute schon die Wahrnehmung, daß die Wunder der politischen Er­eignisse Den Einzelnen religiöser, gläubiger gestimmt haben. Sollte jetzt noch der oberflächliche Schein dagegen sprechen, so wird eS doch die Zukunft bewähren, daß Die Revolution das sogenannte Freikirchenthum ruinirt , dagegen dem Pietismus und der Mystik ein unabsehbares Feld geöffnet Hal. DaS trifft zumal beim gemeinen Manne zu. Der Bauer, der in den letzten Jahren vor der Revolution vielleicht kaum mehr in den Evangelien las, greift jetzt zur Apokalypse und ihren so­zialen und politischen Auslegern. Ein mystischer Grundzug hat sich bei ihm in die Auffassung der Zeitgeschichte eingeschli­chen. Es ist das just nichts neues; es ist in allen Perioden dagewesen, wo erschütternde Weltereignisse beängstigend an die Seele deS Menschen pochten."

Die VolkSmänner von gestern, welche immer an den Volks« gcist appellirten und auf daS Verständniß und die Einsicht deS Volkes sich beriefen, halten ganz vergessen, daß der VolkSgeist nicht etwas Einseitiges ist, sondern etwas unendlich Mannich« faltiges, daß nicht immer Die trockene verständige Berechnung von Gewinn und Verlust, oder der Trieb zu herrschen h. in demselben vorwaltet, sondern zu anderen Zeiten auch wieder die gläubige Mystik des Gefühls und der Drang, sich demuthS- voll einer Autorität sey sie weltlich oder geistlich unter­zuordnen. Diese Leute schlossen von der Einseitigkeit ihres eigenen Gehirns auö, da sie den Voksgeist für so gar einseitig hielten, wie das überhaupt in der Revolutionszeit nichts sel­tenes war, daß jeder Einzelne sich selber für das Volk hielt. Jetzt können sie'S nicht begreifen, wie ganz dieselben Leute, nachdem sie blos zwei Jahre älter geworden, den Missionären zujauchzen, da sie doch, nur zwei Jahre jünger, dem Hecker zugcjauchzt haben. Wer den Gang der Weltgeschichte kennt, begreift daS ganz wohl, aber Anno 1848 wollte man überhaupt keine Geschichte gelten lassen.

Der Volksgeist, sofern man unter dem Volk im demokra­tischen Sinne nur die Ungebildeten versteht, stürzt von Er- trem zu Extrem. Den Gebildeten ist die Aufgabe gestellt, diese Ertreme zu vermitteln und zu mildern; das wird man aber nicht können, sofern man nicht diese Ertreme in ihrer Naturnothwendigkeit begreift. Wir sehen darum dem unbän­digen Glaubenseifer, wie er jetzt aufzuflammen scheint, ebenso ruhig zu, wie wir seit Jahren dem unbändigen Vordrängen deS Freikirchenthums zugesehen haben, wohl wissend, daß wir in den Ertremen und (Überstürzungen nicht stecken bleiben werden, sondern daß sich aus denselben die Versöhnung er­heben wird. ________________