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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M S6. Mittwoch den 24. April 1850*

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Präuume- »ationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. io fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle«» »erg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die politische» Kämmerchen und die deutsche Einheit.

Deutschland. Wiesbaden (Asstseu). Hanau (Der Prozeß die,Mörder von Auerswalds und Lichnowsky's). Freiburg

gegen (Bor-

>»ten einer Amnestie). München (Raubmord). Berlin (Die gedrückte Stimmung und die Hoffnungen der Demokratie). Wien (Das Plaret. Telegraphische Depesche).

Nußland, (25jährige Regierungsjubelfeier des Kaisers).

Afrika. Marokko (Aufstand gegen den Kaiser),

â Die politischen Kämmerchen und die deutsche Cinheit

(Schluß.)

Während deS großen politischen Streites, der in der. Paulskirche zu Frankfurt vergeblich geführt wurde, der uns Mm eine traurige Erfahrung reicher gemacht hat, entstanden

in vielen deutschen Staaten Volksvertretungen, welche aus . pur d demselben Prinzip, wie das Parlament chërvvrgingen. Diese möglichst«» spielten fast alle dieselbe Rolle im Kleinen, wie jenes im Gro- ^.n' ßen, sie stritten sich um unfruchtbare Theorien und legten nicht , zur richtigen Zeit Hand an zu tüchtigen Reformen. Dabei gaben hunvmtopsi

sie sich aber nicht einmal zufrieden, und der Souveränitäts- Schwindel wurde sogar bei manchen so arg, daß sie es nicht verschmähten, die Verfügungen des Parlaments in ihrem Lande unwirksam und gegen dasselbe mit ihren Regierungen gemein­schaftliche Sache zu machen. Wir sind deßhalb, wir müssen es nochmals wiederholen, diesen politischen Körperschäftchen von Herzen gram und zwar um so mehr, als sie sich immer mehr als ein großes Hinderniß der Einheit Herausstellen und durch den Duodez-Konstitutionalismus, den sie vertreten, den Regierungen einen sichern Rückhalt bieten zu ihren einhcils- feindlichen Bestrebungen.

Wir haben zwar in Nassau noch nicht viel über die ein­heitswidrigen Beschlüsse der Kammer von unserem Stand­punkte aus, der wenig Mögliches vielem Unmöglichen vorzieht, zu klagen gehabt, wer bürgt aber dafür, dass nicht bald ein anderer Wind weht und wer weiß, ob es dann die Regie­rung nicht für angemessen hält, dem konstitutionellen Prinzip sein Recht zu geben, das sicherlich keine Regierung in Deutsch, land dann außer Acht läßt, wenn es ihre Zwecke fördert.

Bei dem Verfassungswerke, wie es gegenwärtig in Erfurt angegriffen worden ist, sehen wir die ganze Ungereimtheit und Unhaltbarkeit der kleinen politischen Kämmerchen gegenüber einer größern Einheit deutlich hervortreten , indem sie entwe­der dem guten Willen der Regierungen hindernd in den Weg treten, oder diese in ihren Absonderungsbestrebungen unter­stützen. Dieses Spiel wird auch ohne Zweifel noch so lange fortgetrieben werden, bis entweder jede Vereinigung unmög­lich gemacht ist, oder die politischen Attributionen den einzel­nen Landesvertretungen entzogen werden.

Wir haben deßhalb auch mit gutem Vorbedacht für unser nd eine Vertretung zur Sprache gebracht, der der politische

Stachel genommen ist, und wenn wir dabei das Zweikammer­system bevorzugten, so geschah es, um diesem Stachel voll­ständig sein Gift zu nehmen; wobei wir wohl erwogen haben, daß hierdurch die Einheit nur befestigt und der Regierung je­der Vorwand genommen wird, sich von derselben zu entfernen. Auch wird dieser Apparat bei zweckmäßiger Einrichtung schwer­lich so große Uebelstände mit sich führen, wie unsere jetzige Vertretung.

Wir sind daher nicht allein weit entfernt davon, der Be­schuldigung eines nassauischen PartikulariSmuS zu verfallen; sondern wir wollen vielmehr die Einheit kräftigen. Zugleich wollen wir aber für unsere innersten Angelegenheiten uns auch noch die mögliche Selbständigkeit erhalten, die in einem größe­ren Verbände gegen Regierungswillkür besser durch die allge­meine Vertretung geschützt ist, als die freisinnigen Institutio­nen, wie wir sie jetzt besitzen, unter Verhältnissen, wie sie sicher kommen werden, wenn keine größere Einheit zu Stande kommt. Daß wir dabei das technische Prinzip vorziehen, ist sehr na­türlich, da der Vertretung vorzugsweise Fragen technischer Natur zur Entscheidung zukommen werden.

Für die zu schaffende Einheit sprechen wir indessen den GzrsL^âjschLr Rechte in der Gesammt-Vertretung it sie sich auch segensreich entfalten Und" Wirten---- Werden die Beschlüsse dieser Vertretung wieder der hundertköpfigen Zustimmung der Regierungen und der einzel­nen Kämmerchen unterlegt, so kann daS Problem einer deut-

schen Einheit nie und nimmer gelöst werden. Es ist deß­halb die Aufgabe aller wahren deutschen Patrioten, ihre Meinungs-Schattirungen dem hohen Zwecke unterzuordnen, welcher in einem größeren staatlichen Verbände, wenn auch nur nach und nach zu erreichen ist, und alle Kräfte aufzubie­ten , um dem Partikularismus der Stände und Regierungen entgegen zu treten. Wir unseres Theils sind gerne bereit. Allen die Hand zu bieten, welche es ehrlich mit unserem en­geren nnd weiteren Vaterlande meinen, und wenn ihre An­sichten über die zu treffenden Einrichtungen auch von den unsrigen abweichen sollten. Im Laufe der Zeit wird sich wohl der richtige Weg finden. Wir wünschten aber auch aufrichtig, daß so viele gute Männer, wie sie in Deutschland und in Nassau sind, eben so wenig hartnäckig auf Ausführung ihrer Ideen beständen; znm Gedeihen des Ganzen nachgiebiger wä­ren und weniger Geneigtheit zeigten, ein offenes freies Wort, das durch Thatsache gerechtfertigt ist, sogleich in den Kreis der Reaktion und sonstiger Verdächtigungen zu ziehen. Die Freiheit der Presse ist bis jetzt die beste der Märzerrun­genschaften ! _________________

Wiesbaden, 22. April. (Asfisenverhandlung. Fort­setzung und Schluß.) Auf die in dem Memorandum geschil­derten persönlichen Verhältnisse gründet der Angeklagte in seiner Anrede an die Geschwornen die Beweisführung, daß die Be­schuldigung eines Diebstahles gegen ihn nicht Platz greifen könne. Er hebt den Wohlthätigkeitssinn seiner Familie her­vor, dieser Sinn sey auf ihn übergegangen; eS wäre ihm deß-