Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jl£ SS . Dienstag den 23. April 1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme der Sonntags. — Der vierteljährigePränum«- rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fL 1O fr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle»« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die politischen Kämmerchen und die deutsche Einheit. Eröffnung der Assiseurerhandlungen in Wiesbaden am SS. April 1S5O.
Deutschland. Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder von AuerSwald'S und Lichnowsky's). — Aachen (Beraubung der Postkaffe), — Trier (Der Prinz von Preußen). — Magdeburg (Die Cholera). — Berlin (Die Konvention vom 30. September). — Schwerin /Neues Ministerium). — Wien (Annahme des deutschen Zollvereinsgewichts für die Briefpost).
Frankreich. Paris (Die Ausgaben für geheime Polizei). Türkei. Konstantinopel (Ferman über die Erbauung eines jüdischen Tempels auf dem Berge Zion). — Zara (Der bosnische Aufstand).
â Die politischen Kämmerchen und die deutsche Einheit.
Wir haben mit Bedauern wahrnehmen müssen, daß unsere Schilderungen in dem Aufsatze „Auch über nassauische Zustände" von einer Seite mißverstanden worden sind, mit der wir gerne Hand in Hand gehen möchten. Wir wollten weder verdächti- gen, noch beleidigen und haben uns auch als wenig unterrichtete Landbewohner nicht angemaßt, in die tieferen Motive einzudringen, welche dem Räderwerk der Märzbewegung die Triebkraft gegeben haben. Auch sind wir weit entfernt davon, zu meinen, daß unsere Ansichten nicht aus Irrthum beruhen könnten. Wer indessen unsern Aussatz unbefangen würdigt, wird die Beschuldigungen nicht gerechtfertigt finden, welche unS der Verfasser des Arlikels (Ö* Wiesbaden, 15. April) angedeihen läßt. Daß wir •. B. der Märzregenlichaft in etwas unerfreulicher Weise gedachten, wird uns wohl Niemand verübeln, denn diese war leider nur eine durch den Zufall zusammengewürfelte, die wenig Haltbarkeit und sittlichen Ernst in sich vereinigte — und wollten wir ihre Mitglieder und deren Gehaben (unter einigen Ausnahmen, worunter wir freilich einen aus der Provinz hinzugekommenen Märzregenten , welcher durch eine öffentliche Verschollenheitserklärung erst wieder an seinen verlassenen Posten gebracht werden konnte, nicht einbegriffen wissen wollen) einer genauen Musterung unterwerfen, so würde unser Bild ein wahres bleiben müssen, wenn die Erfolge derselben auch weniger diesem Bilde entsprechend gewesen wären. Daß damals kein anderes Wahlgesetz zur Geltung kam, haben wir dieser Regentschaft nicht zum Vorwurf gemacht, sondern nur, daß sie nicht auf eine thatsächliche und den wahren Volksinteresscu angemessene Abänderung der Staatsverwaltung hingearbeitet hat, die, wir wiederholen es hier nochmals, damals zu erlangen, eine Kleinigkeit war. Wenn uns ferner in jenem Artikel vorgeworfen wird, ein Stocknassauer zu seyn, und das Ringen deö deutschen Volkes nach Einheit verhöhnt zu haben, so wissen wir nicht zu begreifen, wie wir unS dieser Sünden schuldig gemacht haben sollten. AuS unserm Aufsatze kann wenigstens so etwas
nicht herausgefunden werden, wohl aber haben wir in demselben das Prinzip der politischen Kämmerchen, welche dieser Einheit, für die keine wärmeren Herzen, als die unsrigen, schlagen können, sich täglich gefährlicher erweisen und den Ab- trünnigkeitS-Gelüsten der Regierungen als beste Stützpunkte dienen, angegriffen.
Wenn wir in unserem Aufsatze das Prinzip der Volks- souverânetât, wie eS jetzt geltend gemacht wirb, sowohl für die inneren Angelegenheiten kleiner Staaten, wie für die allgemein deutschen als ein unhaltbares und verwerfliches bezeichneten, und wenn wir für unsere inneren Angelegenheiten ein System als das richtigere gehalten haben, wie es vor dem März 1848 bestand, so sind wir von Grundsätzen geleitet worden, die wir zu vertreten keine Ursache uns zu scheuen haben. Wir gehen nämlich von der Ansicht ^ius, daß eine Gleichheit der Berechtigung zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten für Alle die größte Ungleichheit und zugleich der höchste ZensuS ist, da hierdurch Rechte geschaffen werden, denen keine Pffich- ten gegenüberstehen. In jedem menschlichen Gesellichafts-Ver- bande müssen aber die Rechte den Pflichten möglichst gleich gehalten werden, sonst kann der Verband keine Dauer haben, da nicht allein die zu stark Berechtigten immer dem natürlichen Trieb folgen, noch weitere Rechte an sich zu reißen , als auch die im Nachtheil stehenden dem Druck sich zu entziehen suchen, welcher von den Ersteren auf sie ausgeübc wird. Das ist ein ganz naturgemäßer und unvermeidlicher Prozeß. Die Gleichberechtigung kann aber auch — und wird cs sogar in vielen Fällen — zum höchsten und widerwärtigsten Zensus werden, wenn sie eS in ihrem Vortheile gelegen glaubt, als übergroße Majorität der Massen, die Minorität des Besitzes, der Jiuelli- genz und der Zivilisation von der Mitwirkung bei den öffentlichen Angelegenheiten auszuschließen, oder sie gar, wie jetzt in Frankreich, wo vielleicht an einer Wahl daS Schicksal Europas auf viele Jahre hängt, zu vernichten droht. Der einzig richtige Weg, daS Prinzip der VolkSsouveränetät ins Leben der Staaten einzuführen, scheint uns der zu seyn, daß keinem Staatsbürger durch gesetzliche oder andere Beschränkungen H i n- dernisse in den Weg gelegt iver 6 en, di e höchsten Rechte zu erwerben. Dadurch nur allein ist, unserer Meinung nach, die Idee der VolkSsouveränetät zu verwirklichen und zugleich der Entwicklungsgang zu fördern, der dem Menschengeschlecht nach höheren Gesetzen zu erfüllen vorgeschrieben ist. Wir wollen unS dabei nicht auf die Art des Moduö und Zensus einlassen, denn alle, die angewendet wurden, müssen nothwendig unvollkommen seyn, wie die Menschennatur selbst. Ungerechtigkeiten gegen Einzelne oder ganze Zweige der Gesellschaft werden dabei nie zu vermeiden seyn. Diese find eS aber, welche das unverwüstliche Ferment bilden, daS vorwärts oder rückwärts gehende Umbildungen der gesellschaftlichen Verhältnisse hervorbringt, die daS staatliche Leben begleiten müssen, wenn eS feine Bestimmung erfüllen soll.
Diese allgemeine Betrachtung führt uns auf die Vorgänge, wie wir sie seit zwei Jahren in Deutschland in bunter Wechselfolge gesehen haben. Die deutsche Bewegung ging von der politischen Einheit aus, eS machte sich aber dabei sogleich daS Prinzip einer falschen Volkssouveränität geltend, daS in feinen