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Allgemeine Zeitung.

M SL Montag den 22. April 1850»

Dritte Ausgabe.

Uebersicht.

Die Katastrophe von Angers.

Deutschland. Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder von AuerSwald's und LichnowSky's). Erfurt (Parlament).

Die Katastrophe von Angers.

Ueber den schrecklichen Unglücksfall, welcher am 16. April zu AngerS stallhatte und einer so großen Zahl von Soldaten das Veben kostete, liest man jetzt folgende nähere Schilderung: AngerS, 16. April, Nachmittags 2 Uhr: »Ein furchtbares Unglück hat sich so eben zugetragen. Heute Morgen um 11 Uhr hatte eine Schwadron Husaren, von Nantes kommend, die Kettenbrücke über die untere Mayenne passtrt, ohne daß der geringste Unfall begegnet wäre, obschon der Westwind mit Heftigkeit wehte und der Fluß sehr bewegt war. Die letzten Pferde hatten kaum das südliche Ende der Brücke verlassen, als die Spitze des ersten Bataillons des 11. leichten Jnfanterie- Regiments auf der andern Seite erschien. Die Truppen wurden wiederholt angewiesen, ohne Tritt zu marschiren, wie dies zu gejchehen pflegt. Allein der eingetretene starke Platzregen veranlaßte bei dem Bataillon etwas schnelle Bewegungen und drängte dasselbe in eine geschlossene Ko­lonne zusammen. Gleichwohl gelangte die Spitze deS Ba­taillons wohlbehalten über die Brücke. Die Sappeurs, die Voltigeurs von der Bedeckung, die Tambours und drei Viertel der Musik hatten bereits das andere Ufer betre­ten, als plötzlich ein schreckliches Krachen gehört wurde. Die gußeisernen Säulen deS rechten (nördlichen) UferS brachen zu­sammen und zerschmetterten in ihrem Fall die Letzten der vierten Kompagnie, die allein nebst der Voltigeurkompagnie, welche hinter ihr marschirte, noch nicht auf der Brücke war. Zugleich sank die Nordseite der Brücke in den an dieser Stelle sehr tiefen Fluß hinab und riß drei Viertel deS Bataillons, die sich auf der Brücke befanden, rückwärts mit sich fort. Ganze Züge stürzten in einem furchtbaren Wirrwarr in den Fluß hinunter und erdrückten in ihrem Fall die schon im Fluß liegenden Züge. Die anderen Reihen spießten sich zum Theil auf die Bajonnete der Hinteren auf. Es ist unmöglich, daS jetzt ein- tretende schreckliche Schauspiel und herzzerreißende Geschrei zu be­schreiben. Auf die Nachricht, daß ungefähr 500 Soldaten den Tod im Flusse gefunden hätten, stürzte die ganze Stadt herbei, mehrere Stunden lang bemühte man sich, mit der aufopferndsten Thätig­keit um die Opfer. Trotz deS Sturms und drohender Ge­fahren eilen alle Kähne in den Fluß, um die armen Soldaten zu retten. Eine große Anzahl, die im Stande gewesen waren, sich anzuklammern, oder die ihre Tornister oben gehalten hat, ten, werden alsbald gerettet. Allein welches Schauspiel! Die meisten waren durch die Bajonnete ihrer Kameraden oder die auf sie gestürzten Trümmer der Brücke verwundet; von Wasser triefend und mit Vellust aller ihrer Habseligkeiten kamen sie blaß wie der Tod und mit Blut bedeckt aus den

Armen ihrer Retter. Die Einwohner stritten sich um die Ehre, die wie durch ein Wunder dem schrecklichen Tode Entrissenen zu sich nach Hause zu führen, um ihnen die Nöthige Hülfe zu gewähren. Von Augenblick zu Augenblick brachte man unter, dessen in die der Kettenbrücke benachbarten Häuser Leichname oder solche Soldaten, die zu schwer verwundet waren, um weiter gebracht werden zu können. Zwei unsrer Mitbürger sind als Opfer ihres Muthes umgekommen. Eine junge Arbeiterin hat einem Offizier das Leben gerettet, indem sie sich mit eigener Gefahr ins Wasser warf und ihn schwimmend herauszog. Die Zahl der Todten und Verwundeten ist noch nicht bekannt. 2 bis 300 Soldaten fehlten beim Appell. Der Oberstlieutenant des Regiments war mit seinem Pferde ebenfalls in den Fluß gerissen worden, wurde jedoch mit einigen Kontusionen geret­tet. Der Bataillonskommandeur ist umgekommen." Es wird erzählt, baß das Bataillon, welches wie das ganze Regiment wegen seines revolutionären Geistes nach Afrika geschickt wird, angewiesen worden war, über die Kettenbrücke und nicht über die alte steinerne Brücke zu marschiren, um unruhigen Auf­tritten in den Vorstädten der Stadt vorzubeugen. Der Kom­mandeur hatte das Versehen begangen, die Sektionen zu dicht hintereinander aufmarschiren zu lassen. Eine strenge Unter­suchung der Ursachen dieses schrecklichen Unglücks ist übrigens bereits angeordnet, und der Präsident der Republik ist persön­lich nach AngerS abgereist.

Deutschland.

Hanau, 18. April. In der Assisensitzung dieses TageS im AuerSwald-LichnowSky'schen Prozesse wurden noch mehrere Zeugen verhört. Nachdem der Bericht der Deutschen Zeitung die nichts Neues bietenden Aussagen derselben mitgetheilt, fährt er fort:

Die Wendung, welche die heute erfolgte Aufnahme deS Entlastungsbeweises gegen die Glaubwürdigkeit deS Zeugen Schwab hatte, bot ein bedeutendes Interesse und war eine für den Angeklagten Ludwig keineswegs günstige.

Der bereits vernommene Zeuge Schwab wird vorgerufen und darüber befragt, ob ihm Drohungen gemacht worden, weil er seine Aussage so abgegeben habe, wie hier vor dem Schwurgerichte. Der Zeuge erklärt, es seyen ihm allerdings, aber vorher schon in BergenAnliegenheiten" gemacht, daß er seine frühere Aussage zurücknehmen möge. (Auf näheres Be- fragen.) Den Donnerstag, ehe er hierher gekommen, sey ein Mann, den er nicht kenne, der aber, wie er glaube, auS Ha­nau sey, zu ihm gekommen, habe ihm vorgestellt,eS sey doch keine Kleinigkeit, einen Menschen auf lange Jahre inS Zucht­haus zu bringen, er könne ja leicht feine frühere Aussage zu- rücknehmcn, sagen, er wisse eS jetzt nicht mehr, jetzt sei man ja doch überhaupt in ein neues Leben getreten" u. dgl. Den Tag darauf wäre derselbe Mann wieder mit noch einem An­dern gekommen, sie hätten zweimal nach ihm geschickt,^unter dem Vorwande, eS seyen Fremde von Hanau, die sich Schuhe anmeffeil lassen wollten, hätten ihn in daS Stöffel'! che Wirths­haus rufen lassen und hier wieder dieselben Reden geführt.