Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M «4. Sonntag den 21. April 1850.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährigePränume- »ationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen DerwaltungSgebieteS S fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle«, berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Die Besitznahme der beiden Hohenzollern. Deutschland. EmS (Prinz von Preußen). — Von der Nister (Wegbau). — Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder von Auerswalds «nd Lichnowsky'S). — Nürnberg (Jahresfeier der Erstürmung der Düppeler Schanzen). — Erfurt (Parlament).
Frankreich. Paris (Trauriges Ercigniß in Angers).
-kachschrift.
Sprechsaal für Stadt und Land.
Amtlicher Theil.
Der Lehrer Kreckel zu Untershausen ist in den Ruhestand versetzt worden.
Die Schulinspektion über die Elementarschulen zu Miehlen ist dem Schulinspektor König in Nastätten übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
Die Besitznahme der beiden Hohenzollern.
ES ist eine kleine Scholle Landes, die Preußen durch die Besitznahme der hohenzollerschen Fürstenthümer erworben hat, und wer die Macht eines SlaatS nicht blos nach der Zahl der Quadratmeilen und Bewohner bemißt, wird darin eher eine Schwächung und gefährliche Zersplitterung der Macht Preußens finden können. Wer jedoch aus einem höhern Gesichtspunkt die Sache aufzufassen versteht, wird ihr eine ganz andere Bedeutung für Preußen wie für Deutschland beilegen.
Es ist die erste Veränderung, die uns auf unfern deut- schen Karten sichtbar vor Augen tritt, die erste und eS wird nicht die letzte seyn. Man weiß, wie lange sich der König von Preußen gegen diese Vergrößerung seines Gebiets gesträubt hat, und der kennt ihn schlecht, der dieses Zögern nicht für Ernst nimmt, Ehrgeiz ist sein Fehler nicht. Aber er fühlte, welche Anerkennung der Revolution auch in dieser friedlichen Mediatisirung liege, und darum diese ängstliche, fast schwächliche Scheu.
Nicht bei dem König, der von dem spröden stockpreußischen Geiste wenig in sich trägt, wohl aber bei dem Generalstab der reaktionär.preußischen Partei verbinden sich mit den angegebenen Rücksichten noch andere, mehr in die Augeu springende Bedenken gegen diesen neuen Zuwachs des preußischen SraatS. Die weiter Blickenden aber konnten sich keinen Augenblick verhehlen, daß, so unansehnlich auch die Bedeutung der Fürstenthümer an sich seyn mag, sie doch durch ihre Lage kein Gcrin-1
geS dazu beitragen müssen, Preußen mitten in die Strömungen des deutschen Lebens hineinzuführen und eS aus der Stellung eines abgeschlossenen östlichen Staals herauSzureißen.
Gerade darin aber liegt für uns , die wir auf der ent, gegengefetzten Seite stehen, die erfreuliche Bedeutung der jüngst erfolgten Gebietsveränderung. Seit Jahrhunderten schon, kann man sagen, ist die Geschichte und der Staat von Preußen vor- herbestimmt und vorgezeichnet worden durch die wie vom blin« ven Zufall überall herumgewürfelten Besitzungen. Die vom Mittelpunkt deS Staates losgetrennten schutzbedürftigen und doch fast schutzlosen Länverstrecken in Ostpreußen, am Rhein und in Westphalen, in ihnen lag die stärkste, zwingende Auf, sorverung zu erhöhter Kraftanstrengung wie zu neuem Erwerb, sie waren gleichsam die Samenkörner des jetzigen StaateS. Unser Glück hat es gewollt, und das wenigstens werben wir Metternich stets zu danken haben, daß auf dem Wiener Kongreß das Arronbirungsbestreben Preußens unterlag und eS statt mit dem ganzen Sachsen, wie es begehrte, mit den Rhein- Provinzen entschädigt wurde. Dadurch war gleich von Anfang an die Möglichkeit, ja die Nothwendigkeit für dasselbe gegeben, aus seiner besonderen Stellung als östliche, für sich bestehende Macht hcrauszutretcn, di österreichisch-russische heilige Allianz trug den Keim der Auflösung in sich. Die ganz entgegengesetzte Staatscntwicklung Preußens und Oesterreichs tritt auch hierin recht augenscheinlich hervor. Während sich das letztere damals aller seiner zerstreuten, man könnte sagen, außeröster, reichischen Gebiete entschlug und sich als ein dem Raum nach Ganzes abrundete, wurde Preußen in zwei Hälften zerschnitten. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich jetzt: Durch die neue zentralisirende Richtung seiner Politik, wie sie in der Verfassung vom 4. März seinen Ausdruck gefunden hat, schließt es sich von Deutschland vollends ab, in demselben Augenblicke, wo Preußen trotz aller Mißgriffe und allem Sträuben unwiderstehlich jenem Prozeß zugeführt wird, für welchen sich „das Aufgehen in Deutschland" immer mehr als die treffende Bezeichnung bewähren wird.
Die Besitznahme der hohenzollerschen Fürstenthümer er, scheint von diesem Gesichtspunkte auS als eine höchst beben# tungsvolle Thatsache. Seine Zwecke und Interessen hat Preußen von nun an auch am oberen Neckar und an den Quellen der Donau zu verfechten, eS tritt damit aus seiner Stellung als norddeutsche Macht heraus, eS hat sich und damit Deutschland nun auch an jener bisher bloßgestellien südwestlichen Ecke zu decken und das für die Einheit der Nation mehr alS bedenk- liche, für die südwestlichen Staaten aber unheilvolle Prinzip der Mainlinie ist thatsächlich aufgegeben. Für das preußische Preußen freilich bringt daS keine Vortheile, im Gegentheil eS erheficht neue Opfer und Kraftanstrengungcn und droht mit neuen Verwickelungen. Für unS aber, die wir ein deutsche- Preußen wollen, liegt darin eine neue und nicht gering anzuschlagende Bürgschaft einer nicht auS Laune, sondern aus Nothwendigkeit deutschen Politik Preußens. (W. Z.)