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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 8S Dienstag den 16» April 1850,

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürkenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen DerwaltungSgebieteS 8 fl. io fr» Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle», terg'fchen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Auch über nassauische Zustände.

Deutschland. Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder von AuerSwald'S und LichnowSky'S). Karlsruhe (Antwort der Regierung, die Mün­chener Uebereinkunft betreffend). Kiel (Der gegenwärtige Stand der Dinge). Wien (DiePresse" über Haynau).

Italien. Turin (Telegraphische Depesche).

Amerika. San Franzisko (Bedarf von zirka 10,000 Frauen).

â Auch über nassauische Zustände.

(Fortsetzung und Schluß).

Wir glauben nicht weit von der Wahrheit entfernt zu seyn, wenn wir die Meinung auszusprechen uns erkühnen, daß . di« meisten Leute, welchen in unserem Lande die Geschicke des­selben anvertraut sind, durchaus noch nicht die rechte Energie gewonnen haben, wahrhafte Verbesserungen in unseren Zustän­den herbeizuführen. Auch glauben wir besonders an ein ent» , schievenes Durchgreifen der Höchstgesteüten in diesem Sinne nicht, wenn sie auch von gewissen und sogar oppositionellen Seiten tapfer hcrausgestrichen und mit Weihrauch umduftet werden, als oft noch die wichtigsten Gegenstände von unwissen­den, unerfahrenen Reskripten-Fabrikanten verpfuscht werden dürfen, deren ganzer Verdienst darin besteht, daß sie durch viel­deutige um den Brei herumgehende, die einfachste Sache zu einem Chaos verdrehende und mitunter sehr unhöfliche Ver­fügungen die Lokalbeamten in beständigem Mißmuth und Un­sicherheit halten.

Wir glauben auch nicht daran, so lange Strebsamkeit und aufrichtiger Sinn im Staatsdienste nicht gerne gesehen und redliche, thätige Beamten von unbestrittenen Fähigkeiten und Erfahrungen, die dem Herzoge, dem Lande und dem konstitu­tionellen Prinzip aufrichtig ergeben sind, mit Ungunst ange­sehen und behandelt werden können; während wühlerische und indolente Müßiggänger, Unfähige, Bummler und die Vetter aller Art und aller Grade sich jeder Berücksichtigung erfreuen und machen können, was sie wollen. Wir glauben auch nicht daran, so lange es noch s. g. StaatS- oder RegierungSmarimen gibt, die die Bureaukraten erfunden haben; wonach Niemand gegen seine Vorgesetzten Recht erhalten kann, wonach Verbesse­rungen nur von Oben auSgehen oder angeregt werden dürfen; wonach todtgeborne Reskripte mehr Gültigkeit haben als Ge­setze und lebendige Erfahrungen; wonach' dem Lande gegen­über die Lokalbeamten für alle Fehler der Regierung verant­wortlich sind; wonach diese Beamten keinen Willen und keine Selbständigkeit haben dürfen; wonach aller wissenschaftliche Fortschritt und die reichsten Erfahrungen in keinen Vergleich kommen gegen den s. g. praktischen Dienst, womit die Viel- schreiberei und Anbetung der Reskripte gemeint ist, und wonach alle Lappalien vor daS Regierungsforum gezogen werden, damit die dummen Bauern einen recht hohen Begriff erhalten von der Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit der hohen Bureaukratie.

Wir glauben auch nicht daran, ehe wir nicht eine Ver­tretung erhalten, die praktischer ist, als unsere jetzige und und

zu Einrichtungen verhilft, in denen die verschiedenen Gewalten und Elemente des StaatSlebenS in zweckmäßiger Begrenzung sich besser als jetzt daS Gleichgewicht halten können und kräf­tiger geschützt sind.

Vor Allem macht sich die Nothwendigkeit des abgekürzten mündlichen Verfahrens in Zuchtpolizeisachen, und die Errich­tung von Distrikts-Bürgermeistereien geltend, damit die vielen kleinen immer anwachsenden Erzesse baldige Aburtheilung und Bestrafung finden, wodurch der Rechts- und Ordnungssinn nur allein geweckt und rege erhalten werden kann. Durch die zahl­losen meistens unfähigen Bürgcrmcisterlein und ihre Gemeinde- räthe von Gottes Gnaden wird aber eine solche Verwirrung in daS ganze Verwaltungswesen gebracht, daß 28 KreiSämter kaum im Stand« seyn würden, diesen Augiasstall rein zu halten.

Die neuen Einrichtungen der Regierung stellen fast nur eine Veränderung der Namen aber nicht der Personen und Sache dar, und von der öffentlichen Meinung und der Presse will man schlechterdings keine Lehre annehmen. Wie können wir aber auch von unserer s. g. Volkskammer nach den bis­herigen Früchten ihrer wortreichen, kostbaren Thätigkeit, die nichts wen ger als praktische Einsicht in unsere Bedürfnisse und die Mißstände der Staatsverwaltung bekundet, gründliche Abhülfe zu erwarten hoffen. Die Kammer ist aber viel weniger Schuld an unseren -beklagenSwerlhen Zuständen als die Regie­rung, die nun einmal ihren bureaukratischen Zopf nicht ab- schneiden will. Wir würden deßhalb , wenn wir die Macht dazu hätten, die ganze Schaar der Zopfträger instand schicken, wo sie erst lernen könnten, wie regiert werden muß.

Es ist uns auf dem Lande recht gut bekannt, daß sowohl bei der Regierung als auch in der Ständekammer rechtschaffene und hcllsehcnde Männer sind, die das Uebel, woran wir lei­den, erkennen und gerne helfen möchten; sie sind aber in der Minderzahl und auch vielleicht nicht mächtig und einflußreich genug, um daS feste Eis deS Herkommens und der Privat- Interessen zu brechen. Ja cs wäre für einen allmächtigen Minister, der den Kopf und das Herz auf dem richtigen Fleck« und daS unbegränzte Verlrauen seines Fürsten hätte, nach un­serer Meinung keine kleine Aufgabe, all die vielfältig ver­schlungenen Knoten zu zerhauen, woraus daS Netz unserer Leiden geknüpft ist. Wir würden von einem solchen Manne auch nicht erwarten können, daß er tabula rasa machen sollte, da Rom nicht auf einen Tag gebaut und eS sogar nicht mög­lich ist, Uebel vollkommen zu beseitigen, die wie Nepotismus und Prolektionswesen in keinem großen Staate auSzurotten sind, vielweniger in einem kleinen. Auch wissen wir, daß zu heftiges Reformiren selten gute Früchte trägt. Wenn wir aber sehen, daß unsere StaatS-Verwaltung nach einem augenblick­lichen Aufleben anstatt vorwärts zu schreiten immer Kiefer in die alten verrotteten Zustände zurück sinkt, so mühen wir Trauer anlegen über daS harte Geschick unseres schönen Landes.

Auf dem Lande ist eS nicht sehr bekannt, welchen süßen Träumen sich die Leute in Wiesbaden hingeben; wenn wir aber die Briefe über nassauische Zustände recht verstehen, so scheint man daselbst eben nicht sehr tief in dieselben cinzugchen und sich damit zu begnügen, einige auffallende Vorkommnisse