Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 88. Montag den 13 April 1880.
Dritte Ausgabe.
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Uebersicht.
Auch über nassauische Zustande.
Deutschland. Frankfurt (Der Herzog von Genua). — H anau (Der Prozeß gegen die Mörder von Auerswalds und Lichnowsky's). — Er furt (Parlament). — Berlin (General Willisen). — Triest (Vorderer-, tungen zum Empfang des Kaisers).
Amerikâ. New-Jork (Das deutsche KriegSdampfschiff Hansa).
â Auch über nassauische Zustände
(Fortsetzung.)
Sehen wir nur allein den traurigen Zustand unserer Finanzen , deren Zuflußquellen durch das Darniederliegen der Gewerbe und die Wcrchlosigkeit der Ackerbauprodukte täglich mehr versiegen, da aller Unternehmungsgeist durch daS Schwanken und die Unsicherheit in den öffentlichen Zuständen gelähmt ist; sehen wir ferner die kostspieligen Staatsanstalten, welche immer noch mehr anwachsen, um der leeren Fiktion der Volkssouveränität zu genügen — und die schweren Opfer für die bewaffnete Macht, welche unterhalten werden muß, so werden wir leicht begreifen können, daß es auch noch außerdem der Entfaltung kostspieliger Vorkehrungen bedarf, um die öffentliche Sicherheit und Ruhe aufrecht zu erhalten.
Die Märzerrungenschaften haben uns keine kleine Vermehrung des Beamtenwesens und keine geringe Erhöhung des Budgets überhaupt gebracht, ohne daß aucy nur die Aussicht vorhanden wäre, das öffentliche Vertrauen und den Unternehmungsgeist wieder Wurzel fassen zu sehen. Wenn das so fort geht» dann ist die Welt bald zur praktischen Ausführung radikaler sozialistischer Reformen reif — eS wird dann Alles werthlos und leicht zu verlheilen seyn.
Wir halten in Nassau schon in den vormärzlichen Zeiten über ungebührliche Vermehrung der Angestellten, die das unselige Papierregiment und die Aktenreiterei nöthig machten, zu klagen, und nun geht diese Vermehrung mit immer stärkeren Progressionen voran. Durch diesen großen Mißstand wird der StaatSelat nicht allein über Vermögen belastet, sondern dem Lande auch seine beste produktive Kraft entzogen, und fast voll, ständig brach gelegt.
Schon oft haben wir von vielen Seiten darüber klagen gehört, daß wir in unserem Nassau nicht von der Omnipotenz der Juristen befreit werden können, und viele patriotische, unterrichtete Männer in unserem Lande sind der Ansicht, daß wir erst dann auf erfolgreiche Reformen in unserer Staatsverwaltung hoffen könnten, wenn diese unter Beihülfe von praktischen Rechlsverständigen durch Männer verwirklicht würden, welche die Schule des Lebens burchgemacht und sich eine richtige Beschauung über die Bedürfnisse und Gebrechen der Staatsverwaltung erworben hätten. Die Juristen, welche mit ihren abstrakten Schulbegriffen und ohne sich in der Wirklichkeit umgesehen zu haben, inS praktische Verwaltungsfach übergehen — und deshalb in ihrem ganzen Leben die Form nicht von dem Wesen unterscheiden lernen, können, wie leicht einzusehen ist, nur selten dahin gelangen, sich den richtigen Blick anzueignen,
welcher zur Beurtheilung von Vorgän^n erforderlich ist, wie sie daS Leben einer Staatsgesellschaft fortwährend in veränderter Gestalt hervorbringt.
Eine Vereinfachung des Gerichtsverfahrens und aller Zweige der Verwaltung thut uns dringend Noth — und dennoch werden diese täglich komplizirter und schwerer zu bewältigen.
Sehen wir nur auf die Anzahl der GeschäftSnummern, die bei dem Ministerium deS Innern , unserer umgetauften Regierung, zur Erledigung kommen! Es wird doch wohl Nie, mand glauben, daß in Nassau jedes Jahr 70,000 wichtige Sachen vorkommen können, welche einer Entscheidung durch daS Ministerium bedürfen. Diese Nummern, welche nicht allein das Personal des Ministeriums, sondern auch die Lokalver, waliungsbehörden, sowie zu ihrem eigenen großen Schaden die Supplikanten selbst nebst ihren Rathgebern in Athem erhalten, sind zur großen Mehrzahl das Ergebniß der ins Klein- artige gehenden Vielregiererei, die bei uns in nie gesehenem Flor steht. Diese Nummern sind das tägliche Brod unserer Bureaukraten! Durch sie erlangen sie den enormen Einfluß und die ungebührliche Macht, welche sie haben — und durch sie allein machen sie sich zur wichtigsten, aber auch zugleich zur unfruchtbarsten Potenz unseres Staatslebens.
Da die Kompetenz der Verwaltungsbehörden fast nirgends gehörig begränzt ist und die Urtheile der Richter in kleinen UnteriuchungSsachen nach Ueberwindung der endlosen Schreiberei nicht sogleich in Rechtskraft treten, ist dem maßlosen Unfuge des Supplikantenwesens Thor und Thür geöffnet. Hierdurch werden nicht allein eine Menge Privatzänkereien in den partikulärsten Beziehungen auf Kosten des Staates ausgetra- gen, sondern es wird auch der Vollzug richterlicher Verfügungen unter den nachtheiligsten Folgen gehemmt: das Ansehen der richterlichen und verwaltenden Behörden wird untergraben und die Letzteren namentlich schmählich mißbraucht, indem ihr Interesse von dem des Gemeinwohls getrennt wird und sie zu Werkzeugen bureaukracischer Launen herabgewürdigt wer, den. — Die grenzenlose Mißachtung, wie sie sich nach dem März 1848 gegen die Verwaltungsbeamten kundgab und vielleicht eine der richtigsten Grundlagen damaliger Volksstimmung hatte, sollte ein ernster Fingerzeig seyn , diesen Beamten eine größere Garantie der Regierungswillkühr gegenüber zu geben.
Würden unsere Volkshelden, wenn sie es redlich meinten, einmal das Wasser klären, das sie so immer trüb halten, da- mit die Bureaukraten desto sicherer fischen können, wofür diese sich gelegentlich erkenntlich beweisen, so würden ganz andere Verbesserungen für zeitgemäß beliebt werden, als die, welche sie mit unermüdlichem Eifer den bethörten Massen anpreisen.
(Fortsetzung folgt.)
Deutschland
Frankfurt, 12. April. (D. Z.) Man erwartet hier den Herzog von Genua, der auf seiner Reise durch'S südliche Frankreich über Kehl hier eintrifft, um sich zu seiner sâchstchen Braut, nach Dresden, zu begeben.