Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 88. Sonntag den 11. April 1850.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme der Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in WieSbavèn, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Lansgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. 1O kr» — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen. tergZchen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Auch über nassauische Zustände.
Deutschland. Hanau (Der Prozeß gegen die Mörder von Auerswald'S und Lichnowskh's). — Darmstadt (Der Stausssche Prozeß).— Stuttgart (Der Staatsanzeiger). — Erfurt (Parlament). — H amburg (Die Verfassungâfrage).
â Auch über naffauifche Zustände.*)
Die jungst in diesen Blättern erschienenen Briefe über nassauische Zustände, die vorzüglich Ansichten brachten, wie sie in Wiesbaden vertreten seyn sollen , haben wir mit vieler Befriedigung auf dem Lande gelesen, da der Verfasser derselben mit praktischem Urtheil unter pikanter Darstellung Gebrechen zur Sprache bringt, welche dem ganzen Lande zwar mehr oder weniger bekannt, aber dennoch durch die Presse wenig behandelt worden find-. Wir freuen uns, daß es noch Leute in unserm Lande gibt, welcheMit gesundem Urtheil einen Freimuth verbinden, der energisch entwickelt nur allein vermögend ist, dem öffentlichen Bewußtseyn eine bestimmte, ersprießliche Richtung zu geben, die und bisher zur Erlangung reeller Verbesserungen in unserem StaatSleben, so sehr gefehlt hat.
Wir wissen indessen auf dem Lande recht gut aus Erfahrung, daß in Wiesbaden unsere Zustände in gewissen Regionen einer mitunter scharfen und auch wohlgemeinten Kritik unterworfen werden; dabei hat es aber auch sein Bewenden. Es folgen keine Thaten — wir bleiben immer da stehen, wo wir waren, wenn wir keine Rückschritte machen.
Da wir nun auf dem Lande die Stadt-Ansichten des wohlunterrichteten Korrespondenten gelesen, und sich während dessen die Städter in dem wohlerworbenen Bewußtseyn wiegen konnten, daß sie das Interesse unseres Landes zu würdigen wissen, können wir eS uns auch nicht versagen, den Leuten in Wiesbaden einige Ansichten vom Lande zur Beherzigung mitzutheilen. — Wenn uns auch dabei die Gabe nicht zur Seite steht, diese Ansichten in einer Aussehen erregenden Weise darzustellen, so sind sie doch von einem warmen Herzen für die Leiden des nassauischen Volkes nnd von dem Drange diktirt, ohne großes Geräusch den Samen der Erkenntniß unserer Lage über die Gemüther unserer Mitbürger auS, zustreuen.
Wenn wir in Verfolgung dieser Ansicht Verhältnisse berühren, die in Wiesbaden — vielleicht selbst bei denen, welche sonst bereilwillg in eine freisinnige Kritik unserer Zustände eingehen — keinen angenehmen Widerhall finden; wenn wir ferner dabei unserer Regierung alâ Ganzes gedenken, während unsere Bemerkungen einzelne Personen nicht treffen können,
*) Da eine allseitige und möglichst aufrichtige und freimüthige Besprechung der nassauischen Zustände, obgleich ste nicht in allen Theilen Allen gefallen wird, nur ersprießlich sein kann, so nimmt die Redaktion keinen Anstand, auch nachfolgendes Gegenstück zu den nassauischen „Briefen" abzudrucken. Es weht darin eine scharfe Westerwälder Berg lüft, die allerdings in Wiesbaden nicht angenehm empfunden werden wird. Einer Entgegnung sollen darum ebenso bereitwillig die Spalten geöffnet werden.' Die Red.
welche aufrichtig dem Gemeinwohl ergeben sind, und wenn wir dabei einen Freimuth an den Tag legen, der in der Hauptstadt nicht gangbar ist; so möge uns der Umstand zur Entschuldigung dienen, daß wir vom Lande sind, und daß wir die feinen Unterschiede, welche wir vielleicht berücksichtigen sollten, nicht kennen. Wir wollen nicht beleidigen, sondern aufrichtigen Herzens unserm hochherzigen Fürsten, unserm Lande und der guten Sache dienen, die wir vertreten.
Es sey uns zuerst ein kleiner Rückblick auf die Lage unseres Landes vor dem März 1S4S gestattet.
Wenn wir die Wahrheit gestehen sollen, so hat von dieser Zeit mit Ausnahme der Jahre 1830 und 1831 keinerlei nen# nenswerlhe politische Regung bei uns stattgefunden, nur unsere innersten Angelegenheiten fordern zuweilen eine kleine schnell vorübergehende Erörterung. Deßhalb darf man jedoch nicht annehmen, daß kein Gâhrungsstoff und keine Ursache zur Unzufriedenheit bei uns vorhanden gewesen wäre. Er war nur zu. reichlich In jedem Einzelnen, der nicht gerade zur Regierungspartei unmittelbar gehörte, aber noch nicht im Bewußtseyn der Massen angehäuft. Wir litten damals an einem großen Uebel! Bis auf Wenige, ja man könnte sagen, bis auf eine einzige Familie, war die Theilnahme und Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten dem ganzen nassauischen Volke verschlossen. — Es mußte sich ohne Presse, die als Brennpunkt der öffentlichen Meinung hätte dienen können, einer so kurzsichtigen und kleinlichen Verwaltung beugen, wie ste wohl kaum in Unkenntniß der inneren Zustände und hochmüthiger Anmaßung gedacht werden kann. Die herrschende Partei, mit der unsere Bureaukratie verkörpert war, halte in schnöder Verachtung der theuersten VolkS-Jntercsscn sich eine Sündenlast aufgeladen, die bei dem ersten Anstoß, wie cS denn auch wirklich gekommen ist, das Signal zu einer allgemeinen Auflehnung geben mußte. — Wir glauben der Wahrheit nicht fern zu seyn, wenn wir behaupten, daß unsere Bureaukratie bewußt oder unbewußt darauf auSging, alles selbstthätige Leben in unserem Lande zu ersticken und sämmtliche Kräfte desselben für sich zu monopolisiren.
Ein klares Bewußtseyn über unsere Lage ist indessen bei dem Volke bis auf den heutigen Tag nicht hervorgetreten; man war und ist nur im Allgemeinen darüber einig, daß eS anders werden müsse, wenn auch einzelne Stimmen den Versuch machten, sich mit praktischen Derbesserungsvorschlägen Eingang zu verschaffen. Deßhalb sahen wir denn auch in den Märztagen 1848 Forderungen geltend machen, die mit unseren wahren Gebrechen und Bedürfnissen wenig in Einklang stehen. Die darauf bald folgende Ueberstürzung in politische Schwärmerei lenkte das Volk vollends ab von seinen wirklichen Interessen, und jetzt irrt cs noch zum Theil in wüstem politischem Taumel rathlos umher.
Wir wollen cs unserer Regierung nicht zum Vorwurf machen, daß sie in den Märztagen dieselbe Rolle spielte, wie fast alle Regierungen — d. h. keine; denn wir erkennen cs gerne an, daß eine so plötzliche, so unerwartete Katastrophe keinen Widerstand zuläßt und erst einigermaßen in sich selbst austoben muß, bis die Menschen wieder verständiger Ueber, legung fähig sind. Aber unsere Regierung hatte auch da noch