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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

Jtë 8«. Freitag den 12 April 1850.

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume- rationSpreiS ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSzebieteâ 8 fl. 1O kr. Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 ft. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Ein neuer Text zu einem alten Lied.

Deutschlaud. Wiesbaden (Ueber den polemischen Artikel in Nr. 83). Frankfurt (Anschlußfrage). Hanau (Der Prozeß gegen die Mör­der von AuerSwald'S und LichnowSky'S). München (Telegraphennetz). Erfurt (Parlament). Schwerin (Vortrag und Protest gegen die Konipromißinstanz).

Frankreich. Paris (Das Budget für 1851).

Türkei. Konstantinopel (Neue Instruktion für den russischen Ge­sandten in Athen und Konstantinopel).

Ein neuer Text zu einem alten Lied.

Wiesbaden, 11. April. Es gab eine Zeit, da waren alle brieflichen Nachrichten, die auS Erfurt kamen, im Ton tiefer Entmuthigung geschrieben. Die Mittheilungen, welche von den Kommissären des VerwaltungsratHS ven Mitgliedern der Verfaffungsausschüsse gemacht wurden, mußten wohl die freudigen Erwartungen der Einzelnen herabstimmen. Der ve- primirenve Eindruck dieser Mittheilungen war um so bedeuten­der, als Hr. v. Rabowitz kurz vorher durch seine energische Rede die wohlbegründete Hoffnung erweckt hatte: Preußen werde auf dem einmal betretenen Wege mit Entschiedenheit fortgehen, unv werde seinen gegen das deutsche Volk übernom­menen Verpflichtungen Rechnung tragen. Es war nicht mehr daS Königreich Preußen, dessen Stellung gegen Oesterreich gegen die übrigen europäischen Mächte im Auge zu behalten war; es handelte sich nicht darum, ein mit Zustimmung dieser Mächte vergrößertes, und natürlich nur durch die Gnade und den guten Willen derselben mit neuen erweiterten Rechten be­gabtes Preußen zu bilden; cs galt, eine nach Außen hin mäch­tige, im Innern starke Union zu errichten, diese mit allen zur Entwickelung eines Staates nöthigen Elementen zu versehen und durch die Macht und Stärke dieser Union die kleineren und größeren Staaten zum Beitritt nicht geneigt zu machen, sondern in ihrem eigenen Interesse, im Gebote ihrer eigenen materiellen Wohlfahrt zum Anschluß zu zwingen.

Was geschieht statt dessen ? Statt dessen wird ein Lebens­element deS engeren Bundes nach dem anderen zu Gunsten des weiteren Bundes geopfert, und dann, wenn die Entmu- thigung, die Hoffnungslosigkeit der sonst doch so willigen Ab­geordneten überhand zu nehmen droht, die alte Mißverständ­nißtheorie in Anwendung gebracht, und erklärt: der Kommissar deS Verwaltungsrathes sei in seinen Aeußerungen zu weit gegangen. Die Grundrechte des deutschen Volkes sind auf die Eröffnungen des VerwaltungSratheS hin revidirt; oder besser gesagt, statt der alten Grundrechte die für Preußen an­gepaßten Grundrechte der oktroyirten preußischen Verfassung rezipirt worden.

ES hat ganz den Anschein, als sollte ein vergrößertes Preußen geschaffen werden. DaS kann, daS wird Preu­ßen nicht wollen! AuS diesem Grunde kann und darf aber auch der Artikel 10 der Additionalakte nicht geändert und

weggelassen, das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, bei Union nicht entzogen werben. Ebensowenig kann auf die Verwahrungen einzelner, dem Bündniß bisher treu geblie­bener, Regierungen Rücksicht genommen werden, welche be­gehren , daß der engere Bund die HandelS - und Seever­hältnisse nicht berühren dürfe. Der engere Bund muß sich über ein möglich großes Seegebiet erstrecken. Treten die Hansestädte; Oldenburg, Mecklenburg aus diesem Grunde vom Büntniß zurück; dann bleibt dem engeren Bunde nur die Ostseeküste; dann steht der auswärtige Handel derselben bei Den jetzigen Aussichten in der dänischen Frage unter Der Bot­mäßigkeit des SundzolleS; dann sind die beiden mächtigsten Pulsadern des Verkehrs, die Elbe und die Weser unterbun­den; dann ist Die rasche freie Zirkulation gehemmt und ge­lähmt.

Betrachten wir dagegen die eigenthümliche Stellung Preu, ßens. In Dem Augenblicke, da zur Verwirklichung sei­nes Plans mit gebieterischer Nothwendigkeit gedrängt wird, steht es ziemlich isolirt, von allen seinen Bundesgenossen ver­lassen da.

Die Hansestädte, Oldenburg und Mecklenburg haben sich mit jener Verwahrung gegen eine Aenderung ihrer Handels- und Seeverhältniffe den Weg zum Rücktritt ange­bahnt, werden sicher auch zurücktreten, da eine Aenderung dieser Verhältnisse im Interesse des engern Bundes nothwendig und unausbleiblich ist. Das Großherzoglhum Hessen hat seine Vorbehalte noch nicht ausgesprochen; die Verspätung der Wahlen läßt aber vermuthen, daß ein entscheidender Schritt bevorstehe, zu dem der Entschluß wohl gefaßt, für den der günstige Augenblick aber noch nicht gekommen ist. Im Kur­für st e n t h u m Hessen ist man mißtrauisch gegen Wien, wie gegen Berlin; jedenfalls sind Die mit dem Großherzoglhum Hessen neuerdings inniger gewordenen Beziehungen von tieferer Be­deutung. Baden wird von der österreichischen und der preu­ßischen Diplomatie gleich scharf bewacht; und ist in dieser Frage für willenlos, für neutral zu halten. Endlich aber bietet sowohl die en bloc Annahme der Verfassung, wie die Revision derselben gleich triftige Vorwände, von dem Bündniß zurückzutreten. Wir wollen weiteren Eventualitäten nicht ge­denken, eS genügt der in Aussicht gestellte Rücktritt der Staaten mit Seegebieten, und der Rücktritt der beiden Hessen, welche die Verbindung mit der Rheinprovinz und mit Westphalen, und so. mit die Kontinuität deS zu schaffenden Bundesstaats ermöglichen.

Preußens Verhalten ist nicht unbedingt zu loben aber auch nicht unbedingt zu tadeln. Die größere Schuld liegt an der Zerfahrenheit der Regierungen. Preußen thut sein Möglich­stes, um den mit Mühe gewonnenen Kern des engeren Bun­des zusamincnzuhalten. ES ist jedoch wenig Aussicht dazu vorhanden.

Kommt die Wiener Union zu Stande, so werden Oester­reich und die Staaten deS Münchener Vertrages, wie die A. A. Z. versichert, eine Gegenregierung aufstellen, und es kömmt zu einer offenen Spaltung. WaS geschieht aber dann, wenn Preußens Bemühungen mißglücken? Wird Oesterreich eben so entschieden die Münchener Uebereinkunft durchsetzen? WaS ist damit-gewonnen?