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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

JS 83. Dienstag den 9» April 1850»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- tergZchen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die österreichische Nniversalmonarchie.

Deutschland. Wiesbaden (Brand in Sonnenberg). Darmstadt . (Der Stausfsche Prozeß). Erfurt (Parlament).Aus dem Bückc- burgischen (Rücktritt des Fürstenthums Schaumburg - Lippe von der Union). Berlin (Vermischtes). Hamburg (Die Postschild- Angclegenheit). Schwerin (Note der Bundes-Zentralkommission).

Kroatien. Agram (Beendigung des Bauernaufstandes).

Frankreich. Paris (Stürmische Sitzung der Nationalversammlung). Italien. Florenz (Trauergottesdienst).

Die österreichische Nniversalmonarchie.

III.

Wiesbaden, 8. April. Wir haben im Verlaufe un­seres Artikels die Bildung einer österreichischen Universalmo, narchie als ein erfolgloses Unternehmen bezeichnet.

Wir haben nun diese Ansicht zu rechtfertigen. Die Anschauungsweise derjenigen, welche überhaupt die Berechti­gung Oesterreichs zur politischen Existenz in Zweifel ziehen, ist uns gänzlich fremd; wir bezweifeln nur die Möglichkeit , daß die österreichische Universal Monarchie bestehe und gedeihe. Oester­reich krankt mehr als jeder andere Staat an dem Uebel , daß eS Völker und kein Volk beherrscht, daß es diesen Völkern nur eine Heimath, kein Vaterland bieten kann. Die Geschichte lehrt, daß nur solche Staaten groß und mächtig geworden sind, die eine aus ganz gleichartigen Theilen bestehende Be­völkerung umschlossen, deren Grenzen mit den ethnischen, mit den Sprachgrenzen zusammenfielen. Das Streben nach mato- rieüen Gütern und das Streben nach volksthümlicher Ent­wicklung sind die beiden mächtigen Hebel, welche die That­kraft eines Volks in Bewegung setzen. Beide: Gewinnsucht und Natwnalbewußtseyn müssen jedoch vereint wirken; nur dann entwickelt sich jene belebende Eifersucht, jener vorwärts drängende Wetteifer, der die Nationen zur Selbstständigkeit und Größe führt. Staaten mit einer gemischten Bevölkerung tragen bei der Zerfahrenheit der Sonderzwecke der einzelnen Nationen den Keim der Zerstörung in sich selbst.

Die Stammvcrschicdeuheit der Bewohner ist kaum in ei­nem anderen Staate so bedeutend wie in Oesterreich.

Die Bevölkerung umfaßt sieben Völkerfamilien.

Die zahlreichste ist die slavische; sie umfaßt über 17 Millionen. Zu derselben gehören gegen 8% Millionen Eze- chen und Slovaken in Böhmen, Mähren und im nördlichen Ungarn; gegen 2V2 Millionen Polen in Galizien; mehr als 2% Millionen Ruthenen (auch Kleinreußen> in Galizien und Jm nördlichen Ungarn; gegen 3'4 Millionen Jllyro-Scrben Herben, Kroaten, Slowenzen und Wenden) in Illyrien, im Vieten Steiermark, in Ungarn, Dalmatien und in der It.lärgrenze und gegen 7000 Bulgaren in Galizien. lehDie deutsche Bevölkerung begreift gegen 8 Millionen, kuns fommen auf die eigentlich deutschen Länder 6 Millionen, heißt arn leben gegen 950,000, in Siebenbürgen 300,000,

in den italienischen und polnischen Ländern eben so viele Deutsche. In Oesterreich ob und unter der Enns, in Steyer­mark und Tyrol bilden sie zwei Drittel, in Illyrien ein Drittel, in Böhmen, Mähren und Schlesien ein Viertel der Bevölkerung.

Die griechisch-lateinische Familie umfaßt über fünf Millionen Italiener in der Lombardei, in Südtyrol, Dalmatien und im Küstenland; etwas weniger als 24 Millionen Dako- Wallachen in Siebenbürgen, Ungarn und der Militärgrenze, und endlich 2500 Albanesen.

Der finnisch,uralische Vâlkerstamm zählt über 5 Millionen, davon sind gegen 5 Millionen Magyaren in Un­garn und Siebenbürgen und gegen 300,000 Szekler in Sie­benbürgen.

Außer diesen Nationalitäten mit völkerrechtlicher Eristen; zählt der Staat noch gegen 650,000 Juden, gegen 140,000 Zigeuner und gegen 17000 Armenier. Ueberdieß steht noch der eine große Theil der Bevölkerung einem mäch­tigen Nachbarstaat in hundertfältigen Beziehungen nahe, wäh­rend ein anderer großer Theil eine allzubeveutende geschicht, liche Vergangenheit und ein allzugetreueS Gedächtniß hat, um nicht nach Selbständigkeit zu ringen. Von einer solchen Be­völkerung läßt sich kein einiges Zusammenwirken im Gesammt- interesse, um so weniger aber eine Begeisterung für die Idee der Universalmonarchie erwarten, die den Völkern den letzten Schimmer von Selbstständigkeit raubt.

So lange Ungarn und Siebenbürgen eine eigene Verfas­sung , Galizien und die Lombardei wenigstens bis zu einem gewissen Grave gesonderte Verwaltungen halten, lag in dieser Abgeschlossenheit ein wenn gleich geringer Ersatz für die Bot, Mäßigkeit, in welcher diese Länder, ungeachtet aller erzeptionel- len Bestimmungen, Oesterreich gegenüber standen.

Diese Länder waren besondere Königreiche unter Oester­reichs Szepter, eine solche Sonderstellung hätte genügt, um die volkSthümliche Entwicklung der einzelnen Nationalitäten zu begünstigen oder wenigstens daS Verlangen darnach zu be­schwichtigen; Oesterreich wäre stark geworden dadurch, daß seine einzelnen Theile stark und kräftig wurden. Durch die Ge- fammtverfaffung vom 4. März 1849 wurden diese Königreiche zu bloßen Departements; in dieser Allgemeinheit werden sich die einzelnen partikularen Elemente nicht zurecht finden. Jahrhunderte reichen nicht hin, um die einzelnen Natio­nalitäten zu verschmelzen, die schroff einander cntgegenstehen« den Spitzen der Eigenthümlichkeiten abzuschleisen. Die Um­wandlung dieses Völkcrkonglomerates in ein österreichisches Volk mit nationalem Selbstbewußtsein gehört in M5 Reich der frommen Wünsche und der politischen Unmöglichkeiten. Dazu mangelt cs Oesterreich an geschichtlicher, an geo­graphischer Berechtigung, an einem innern nationalen Kern, der die übrigen Nationalitäten absorbire. So lange ein öster­reichisches Volk nicht geschaffen werden kann, und dieses ist unmöglich, so lange ist das Bestehen, das Gedeihen einer österreichischen Universalmonarchie nicht denkbar. Oesterreich wird seine Kräfte zersplittern, wird sich aufreiben , um den gegenwärtigen Stand der Dinge aufrecht zu halten; von einem Vorwärtsschreiten, von einem innern Erstarken kann aber nicht die Rede seyn.