Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^L 81. Samstag den 6» April 183V
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Uebersicht.
Die österreichische Universalmonarchie.
Deutschland. We i l bur g (Beisetzung des Prinzen Moriz). —Frank- furt (Blumenausstellung). — Darmstadt (Der Stausssche Prozeß).
— Crailsheim (Stimmung der Bevölkerung in Franken). — Stuttgart (Protest gegen Dislozkrung badischer Truppen nach Preußen). — Erfurt (Ankunft der HH. v Gagern und Radvwitz). — Bon der Niederelbe (Unterhandlungen der Statthalterschaft). — Kiel (Geheime Sitzung der Landesversammlung). — Schwerin (Veranlassung des MinistcrwechselS).
Italien. Neapel (Der Graf von Chambord). Nachschrift.
Die österreichische Univerfalmonarchie.
II.
□ Wiesbaden, 5. April. So lange das deutsche Ele. ment in Oesterreich blos darnach strebte, sich jene Suprematie zu wahren, auf welche ihm größere geistige Bildung, höhere industrielle Befähigung ein unbestreitbares Anrecht verliehen; solange konnte dieses Streben der Regierung nur willkommen seyn. Sie fand darin das beste und natürlichste Gegengewicht für die gleichen Bestrebungen des slavischen Elementes, und konnte dem sich entspinnenden Kampfe um so ruhiger entgegcn- sehen, als er sich auf die Gränzen der Monarchie beschränkte, und die Blicke der Völker von Außen ablenkic. Es blieb eine Sache der inneren Politik, den Hebelgriffen dieser Bewegungen zu wehren, wie es blos eine Sache der häuslichen Zucht war, den Losreißungsgelüsten des jungen Italiens, des jungen Polens, den Unabhängigkeitskämpfen Ungarns entgegen zu treten. In keiner dieser beiden Beziehungen war cs nöthig, denStand- Punkt der äußeren Politik zu ändern, oder überhaupt durch materielle oder geistige Einflüsse von Außen her nach Innen zu wirken. Die österreichische Regierung konnte ruhig die Germanisirungspolitik Joseph II. verfolgen, und konnte bis zu einem gewissen Zeitpunkt dem langsamen aber sicheren Erobc- rungSgangc deutscher Gesittung, deutscher Bildung, deutschen Fleißes zusehen und die Realisirung ihres LieblingSprojcktes — einer Universalmonarchie auf diesem Wege erwarten.
AlS aber im März deS JahreS 1848 das deutsche Element in Oesterreich von der großen deutsch-nationalen Bewegung ergriffen, alö die deutsche Sache mit der Sache der Freiheit gleichbedeutend wurde; als dadurch (wir verweisen auf die viel besprochenen §. 2 und 3 der Reichsverfassung) der Bestand der Monarchie gefährdet, und die Durchführung des bis dahin so glücklich beibehaltenen Regierungsprinzipö in
Frage gestellt wurde, da galt eS, sich vor dem Ueberfluthen des deutschen Elementes durch mächtige Dämme zu schützen.
Die Revolution war wohl bald niedergekämpft; der aufflammende Brand der Begeisterung bald gelöscht; eS mußte aber auch der in der Asche fortglimmende Funke erstickt werden. In Galizien ging die Erhebung vom Adel, vom großen Grundbesitzer aus; dort setzte man ihr das Landvolk, die Dienstbaren entgegen. In Ungarn hatte die Erhebung eine nationale, magyarisch-egoistische Färbung; dort rief man die nicht magyarischen, die unterdrückten Elemente zu Hülfe. In Italien, wo die Erhebung eine allgemeine war, wo kein Bundesgenosse in irgend einer unterdrückten Nationalität, in irgend einer gedrückten Klasse der Bevölkerung zu finden war; dort war man auf die HeereSmacht allein angewiesen. Hebernd waren eS aber nur materielle Größen, gegen die man anzukämpfen hatte, und die daher auch durch die Gewalt allein niedergeworfen werden konnten. Die deutsche Bewegung hatte einen tiefer liegenden Grund. Sie ging aus einer Idee hervor. Diese Bewegung konnte nur mit gleichen Waffen bekämpft werden. Demnach wurde das Nationalitätsgefühl der einzelnen Stämme genährt, gepflegt; wurden Nationalitäten improvisirt, aus ihrem Scheinleben geweckt; längst verschollene Sprachen aus ihrer Vergessenheit wieder hervorge- holt, und mit juridischen Terminologien im Wege von Sprachkommissionen versehen, um ihnen nur die Möglichkeit einer staatlichen Eristenz zu sichern. In Kurzem sahen wir um die deutsche Riescneichc ein Dickicht gleichberechtigten Gestrüppes emporwuchern, das in künstlicher Treibhauswärme großgezogen wird, und der Eiche Säfte und Kräfte verkümmern soll. Die deutsche Eiche würde wohl dieses Gestrüppes spotten, eS mußte daher dafür gesorgt werden, daß die Eiche nicht in den Himmel wachse und zuletzt daS ganze Treibhaus mit sich nehme. Es mußte also der deutsch-nationalen Bewegung eine Grenze, ein schwarz-gelbes „Bis hierher und nicht weiter" gesetzt werden, um die ungebundene, unzähmbare Kraft in einen bestimmten Kreis zu bannen, um Mittel und Gegenmittel berechnen zu können.
Diese Betrachtung hat die Idee der Univerfalmonarchie gereift.
DaS slavische Element hingegen hat einen doppelten Strebepunkt. Der eine ist ein blos nationaler, um slavische Sprache und Gesittung von der Herrschaft der Deutschen loszuringen, unversehrt zu erhalten und fortzubilden; der andere, der traditionelle deS Kampfes um die Suprematie. Die slavische Bewegung hat sich in dieser letzteren Beziehung, um deS Sieges gewisser zu seyn, ein erreichbares Ziel gesetzt; sie ringt um die Suprematie in Oesterreich. Ihr Glaubensbekenntnis ist die historische und politische Nothwendigkeit eines slavischen Oesterreichs , ihr Vertrauen, ihre Hauptbcrechtigung — die numerische Ueberzahl. Die slavische Bewegung hat auch die Eigenthümlichkeit , daß sie in ihrer Richtung nicht mit der