Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 75» Freitag den 2S März 1850»
Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Präuume- »«tionspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes 3 fL 1O fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
' r' ' ' - —- .. ...... ...... _ ------- - —-■ - ----' : --------------
Wegen des Charfreitags erscheint morgen keine Zeitung.
Uebersicht.
Die deutsche Frage und der französische Sozialismus.
Deutschland. Marienberg (Entgegnung). — Frankfurt (Die mecklenburgische Frage). — Darmstadt (Der Stauss'sche Prozeß). — Konstanz (Preßprozeß). — Erfurt (Parlament). — Berlin (Die Verminderung des Heeres). — Wien (Telegraphische Depesche aus Griechenland).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Die deutsche Frage und der französische Sozialismus.
□ Wiesbaden, 28. März. Die Ereignisse drängen. Der Erfurter Reichstag ist eröffnet; die Annahme des Berfassungswerkes en bloc ist bei den zahlreichen Unterschriften des von Beckerath und Bodelschwingh verfaßten Programmes wohl nicht mehr zweifelhaft. Die bisherigen Bemühungen der tif« sentirenben Kabinett haben zu keinem Erfolg geführt. Der Entwurf des Vierkönigbündnisses hat den nach dem engeren Bunde hin gewendeten Strom der Bewegung von seinem Ziel nicht ablenken können. Die einzige praktische, zugleich aber tiefe Bedeutung hätte derselbe dadurch gefunden, daß Preußen sich bereit erklärt haben soll, auf Grund der Vorlagen des VierkönigbündniffeS unterhandeln zu wollen, insofern dadurch das Zustandekommen des engeren Bundes nicht ausgeschlossen würde. Oesterreich hat zu wiederholten Malen darauf hingewiesen, daß auch die übrigen Großmächte Europas bei einer Neugestaltung Deutschlands mitzusprechen haben, und bei allen den Status quo des Wiener Vertrages abändernden Bestimmungen ihr Veto einzulegen berechtigt sind. Wenn auch eine Intervention fremder Mächte nicht so nahe bevorstcht, als man glauben sollte; so viel ist gewiß, daß unsere deutsche Bewegung, ungeachtet die Stimme einer Nationalvertretung über die Richtung und die Gränzen derselben ihr Urtheil abgeben soll, lediglich dem Gutbefinden der Regierungen und der Möglichkeit, eine Einigung unter einander zu erzielen, anheim gefallen sey. Deutschland ist jetzt schon in zwei Lager getheilt, und das VierkönigSbündniß hat in den Gegnern des prcußi. scheu und jeden anderen Bündnisses dadurch Bundesgenossen gefunden, daß daS preußische Projekt um so viel Anhänger weniger zählt. Die Nation als solche ist gelähmt, sie enthält bloß divergirende Kräfte. Ein Anstoß, der von Frankreich käme, würde diese Zerfahrenheit nicht zu bewältigen im Stande seyn. Die Anzeichen vom Ueberhandnchmen des Sozialismus, wie sic sich bei den Wahlen am 10. März kund gaben, sind nicht so drohend, und nicht geschaffen, diesen Anstoß herbeizuführen. Ein Korrespondent der Kölner Zeitung schreibt darüber mit vieler Umsicht und Sachkenntniß:
Der Ausfall der Wahlen am 10. März deutet auf eine merkliche Abnahme des Sozialismus in den Provinzen. Sie waren vorzunehmen an den Pyrenäen , am Rhein und in der Nachbarschaft von Lyon, — Gegenden, die seit 1789 zu den aufgeregtesten in Frankreich gehörten. So hatten sie denn im vorigen Jahre auch die erhitztesten Köpfe als ihre Vertreter nach Paris gesandt, Männer, die drei Wochen nachdem sie in der gesetzgebenden Versammlung Platz genommen, die Waffen gegen das Gesetz ergriffen und ausgestoßen werden mußten. Bei den neuen Wahlen sind bie Sozialisten in 8 Depar, tements unter den fünfzehn unterlegen. Doch waren in den anderen sieben Departements mehr Abgeordnete zu erwählen, so daß sie achtzehn unter den achtundzwanzig Wahlen gewannen , manche jedoch nur mit geringer Mehrheit. Die Partei der Ordnung hat in den Provinzen zehn Stimmen gewonnen. Indeß ward dieser Sieg fast vergessen über der Niederlage, welche die Partei trotz aller Anstrengung in der Hauptstadt erlitt. Denn Frankreich wird im Grunde noch immer monarchisch regiert: Paris ist sein König!
Doch haben die Sozialisten auch in Paris keine Fortschritte gemacht; im Gegentheil, sie vermochten nicht, so viel Stimmen zusammenzubringen, wie einst für Ledru- Rollin, und die Mehrheit war ganz unbedeutend gegen die frühere. De Flotte hatte 126,982 Stimmen, Foy 125,643. Es handelte sich um ein paar Tausend Stimmen, und 93,311 Wähler hatten die ihrige nicht abgegeben. Diese waren theils Legitimisten, welche ungehalten waren, daß man ihnen keinen der Ihrigen auf der Wahlliste der gemäßigten Partei zugestanden, zum größten Theile gehörten sie aber zu der Partei, welche die Ordnung sehr liebt, aber die Bequemlichkeit noch mehr. Die Mehrheit dagegen bestand keineswegs aus lauter Sozialisten, sondern mit ihnen hatten die echten Republikaner gestimmt und eine Menge ehrsamer Bürger, welche blos der Regierung ihre Unzufriedenheit an den Tag legen wollten für.ihre fort uns fort despotischer werdenden Maßregeln.
Aber freilich die Sozialisten hatten der Partei der Opposition ihre eigenen Menschen aufgedrungen: Carnot, welcher abgesetzt war, weil er als Minister den Sozialismus befördert hatte, Vidal, LouiS Blanc'S Schreiber, der die Lehre: Jeder nach seiner Arbeit! noch verbessert hat, indem sein Lehrsatz lautet: Jeder nach seinem Bedürfnisse! endlich de Flotte, der auf seinen Titel: Juni-Transporiirter, eben so stolz ist, wie nur immer sein 1793 von den Jakobinern ermordeter Großvater auf seinen Grafent tel. Eine solche Wahl war ein Hohn für die gemäßigte Partei, die auf den Sieg gehofft hatte und bei der unerwarteten Niederlage von einem panischen Schrecken befallen ward. Aus der Börse fielen die Papiere plötzlich um 3 pCt., der Handel stockte, die Feste, welche diesen Winter Paris zum ersten Male wieder mit altem Glanz gefüllt hatten, hörten auf, als wenn plötzlich Mene tekel upharsim an die Wand geschrieben sey, die Fremden reisten ab, die gemäßigten Journale führten die ungemäßigtste Sprache, der Präsident