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bet Blick auf diese beiden Städte Mäßigung und Entsagung lehrt: Verschweigen dürfen und wollen wir nicht den stolpern Gedanken, der schon wieder knospend sich nachdrängt, (denn ohne ein großes Ziel müßte Muth und Kraft versiegen), den Gedanken: Daß Erfurt nicht immer das Werk, das sich jetzt dort bereitet, fassen und umschließen werde. DaS dort ge­borene Kind wird heranwachsen und wandern, eS wird auf­suchen die deutsche KaiserkrönungSstadt Frankfurt oder eine ihr ebenbürtige, und die bescheidenen Symbole der Union mit dem RcichSscepter vertauschen. Wenn jetzt Erfurt, d. H. Deutsch­land, es davonträgt über Frankfurt, d. h. die österreichische Herrschsucht ober den Dualismus, so wird später Frankfurt wieder sich erheben über Erfurt , d. h. aus der deutschen Union, dem Bundesstaat, wird noch daS deutsche Reich her­vorgehen.

Briefe über die dermaligen nassauischen Zustände

IV.

An tempori serviendum?

$ Vom Taunus, 19. März. Wenn Ihnen dieser Brief verspätet zugehen wirb, so ist lediglich die Saumseligkeit des Boten Jhrers Hrn. Verlegers schuld. Was den Inhalt dessel­ben anlangt, so muß ich Sie bitten, denselben mit dem letz­ten Briefe in Verbindung zu setzen. Nach diesem Eingang lassen Sie mich zur Sache selber übergehen.

In Den letzten Jahren vor dem 4. März kamen die s. g. Konbuitenberichte wieder auf. Leute, die höchstens nur befähiget waren, einen Haufen Ehausseesteine zu versteigern und eine Nußbaumallee mit schweren Kosten anpflanzen zu lassen, sollten über die wissenschaftliche und praktische Befähi­gung unserer nassauischen Amtsjuristen ihre Gutachten abgeben. Sie haben sie auch abgegeben! Aber wie? Wer diele Be­richte liest und die Personen, welche sie erstattet haben und die welche darin beurtheilt werden und ihre Leistungen genau kennt, der kann sich bei recht Vielen entweder nicht des Lach­krampfes oder der tiefsten Wemulh erwehren. Ein so behan- deltes und mißhandeltes Dienstpersonal mußte nach aller Er­fahrung auch seine Fruchte trägen. So kam es denn auchs daß ein Theil desselben Augendiener und Heuchler, ein ande­rer Theil geisteslose Schreib- und Aktenmafchinen und ein dritter Theil s. g. vormârzliche Krawaller wurde. Aber kön­nen Sie mich fragen, was haben denn diese Lokaldiener mit den politischen Parteien in unserem Lande zu thun? Ich antworte Ihnen weit mehr, als man in Wiesbaden versteht und glaubt. In Den meisten Städten unseres Landes besaßen mit nicht zu großer Ausnahme, nur diejenigen Staalsdicner, welche in den letzten zwei Jahrzehenden die Hochschule verlassen hatten, das Bischen der vorräthigen politischen Bildung. Der Politik dieser Leute huldigten auch mit Verstand und Unver­stand diejenigen Bürger, welche mit ihnen in Kasinos zusam­men und sonst in gesellige Berührung kamen. Limburg und nur wenige andere Orte des Landes machten eine Ausnahme hiervon. Die Stadt Limburg hatte von jeher ein fleißiges, munte­res, aufgewecktes und freisinniges Völkchen in ihren Mauern. Der große Wohlstand, welcher darin früherhin fast allgemein herrschte und jetzt noch vielfältig zu finden ist, gab den Einwohnern Lim­burgs nicht nur die Mittel zu einer bessern Bildung, sondern ein gewisses Gefühl der Unabhängigkeit und des Freimuths, welches auf ihren Charakter sehr vortheilhaft einwirkte. Ob­gleich man sich auch in Limburg von jeher recht gut aufgeho­ben fand, so traf man hier doch niemals das serviele Beneh­men, welches man in manchen andern Städtchen des Landes den StaatSdienern gegenüber einhielt oder aus irgend einem Grunde erheuchelte. Daraus läßt es sich ohne viel Scharfsinn erklären, warum gerade die freisinnigen und früherhin oft mit Unrecht verschrieenen Bewohner Limburgs in der f. g. März- zeit die besonnensten und loyalsten Bürger fast im ganzen Lande waren. Ein gebildetes und wahrhaft freisinniges Volk läßt sich zum Unfuge und zur Anarchie nicht leicht Hinreißen.

Die Heuchler und Augendiener unter den Lokaldienern vor dem März blieben nach demjelben das Nämliche, waS sie früherhin waren; sie wechselten nur nach der Natur der La, säten ihren Herrn. Diejenigen, welche früher einen faden Witz ihres vorgesetzten Beamten oder ein verschrobenes Reskript für die höchste Weisheit hielten, dachten bei sich im Stillen: seit

dem März seyen in der alten Manier keine Geschäfte mehr zu machen. Ersparen sie mir eine ausführlichere Beschreibung der Jammerszenen, die ich theils mit eigenen Augen gesehen, theils von zuverlässigen Männern habe schildern hören. Em­pörung und Dcham über das hündische Benehmen von Men­schen, die mir mitunter im Leben nicht ferne gestanden hatten, haben mir mehr als einmal fast Die Brust zusammengeschnürt. Ein alter Justizbeamter dem es, wie ich von mehreren, die unter ihm gedient , vernommen habe, früher viel zu gering war, in geselligen Kreisen mit seinen Akzessisten sich nur zu unterhalten, besuchte in Den glorreichen März- und Apriltagen Die Lokale, worin Sackträger und Turnerjungen darüber (und zwar in seiner Gegenwart) abstimmten, ob man dulden solle, daß er in ihrer Gesellschaft auS seinem silberbeschlagenen Holz- oder Oelköpfchen Taback rauche. Wir haben in unserem Lande zu dieser Zeit die große Schmach erlebt, daß Beamte sich durch von ihnen abhängige Schreiber theils in der Freien Zeitung, theils mündlich bei dem souveränen Volke zu vakant geworde­nen Stellen anbieten ließen. Eine andere Sorte dieser Men­schen ging herum und benahm sich, als wenn sie ihr böses Gewissen drücke. Diese armen Schelme, die eigentlich nichts begangen hatten, waren froh, wenn ihnen der gemeinste und schmutzigste Schreier nur die souveräne Hand zum Drucke hinreichte.

Es gab aber auch eine Masse Lokaldiener, welche in den März- und Apriltagen persönlichen Muth zeigten und dem Wahnsinn und Der Anarchie mit kräftiger Hand entgegentra- len und selbst nicht einmal den reskribirlen Wiesbadener Lum­merich in ihren Bezirken ganz aufkommen ließen. Diese Leute, Die früherhin zum größten Theile zu den vormärzlichen Miß­liebigen gehörten, kennt man so ziemlich im Lande und ich will sie nicht näher bezeichnen. In psygologischer Beziehung ist cs jedenfalls interessant, zu erwähnen, daß gerade Die Leute sich am erbärmlichsten und feigsten im März benommen haben, welche früherhin in unserem Lande Die s. g. privilegirten Pa- scha's spielten.

/ Zu einer solchen Lokaldienerschaft kam nun noch das Heer der Nassauischen Schulmeister hinzu. Sie werden wissen, daß auch fast in jedem kleinen Neste ein Lehrgehülfe wenigstens mit Ein­hundert Thalern angestellt ist. Diese Männer mit halber, oft verschrobener Bildung, wurden von dem Wahn ergriffen, der wie eine Seuche im März sich verbreitete, daß Jeder jetzt etwas Gr-oßes werden könne, gleichviel möge er Befähigung dazuchaben oder nicht. Daß solche Einflüsse auch auf die Bauern übergingen wo dieselben nicht allenfalls gescheiter waren, als Der be­treffende Lehrer begreift sich leicht.

Rechnen Sie zu den aufgezählten Leuten noch einige- derliche Geometer, einige gesinnungstüchtige Mediziner und Apothekergesellen, einige lateinische Schulmeister und evange, lische Pfarrer, so haben Sie auf dem Lande die hauptsächlich­sten Führer des souveränen Volkes deS Märzes./ Wenn Sie glauben, daß solche Führer einem größtentheils politisch unge­bildeten Volke in wenigen Monaten auch nur einen kleinen Ansatz von politischer Bildung beizn bringen vermochten, so muß ich das auS eigener Erfahrung bestreiten. Diejenigen, welche mit mir auf dem Lande leben, und denen ein politisches Urtheil zusteht , werden mir darin beistimmen müssen. So mußte cs in unserem schönen Lande kommen, daß seit dem 4. März statt einer vernünftigen Politik fast lauter Unsinn ge­trieben wurde. Ein großes Glück für unser Land war eS, daß Die dermalige Kammer der Abgeordneten nicht sogleich nach Dem März gewählt wurde. Unsere nach kurzer Zeit zur Besinnung und wieder zum Verstände gekommenen Bauern sahen bald ein, daß dieGesinnungStüchtigen", welche sich ihnen zu Abge­ordneten und allerhand Aemtern aufdrängen wollten, meisten» theils nur unfähige Subjekte und Egoisten der gemeinsten Natur wären. Diese vernünftigen Bauern wurden nach ihrem Erwachen aus dem Märzrausche auch noch von gebildeten Bür­gern auS Den Städten und vom Lande, sowie von denjenigen Lokalbienern, welche Kopf und Muth nicht verloren hatten, in . ihrem Entschlusse, nur zuverlässigen und verständigen Männern ihr Zutrauen schenken und ihre Stimmen zu geben, bestärkt. Von dieser Zeit an schlug Der KonstitutionalismuS bei uns wieder Wurzeln, welche sich nicht nur in den Boden der Städte, sondern auch in den des platten Landes versenkten. Auf demselben Boden schlug aber auch bald daS Unkraut der modernen Demokratie aus und ist so stark geworden, daß cs den ausreißenben Händen eines geschickten und muthigen Gärtners bedarf, wenn es nicht die konstitutionelle Monarchie überwuchern und ersticken soll. Daß dieses demokratische Un-