Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J2 70»
Samstag den 2L Marz
1850»
Bestellungen auf das mit dem 1. April beginnende neue Quartal der „Aassauischen Allgemeinen Zeitung" werden baldigst erbeten, damit die Expedition in den Stand gesetzt ist, von vornherein vollständige Exemplare zu liefern.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährig^Prünume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellente rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Für die Lahneisenbahn.
Deutschland. Wiesbaden (Der Herzog nach Wien). — Darmstadt (Der Stausssche Prozeß). — Erfurt (Eröffnung des Parlaments). — Berlin (Vermischtes). — Wien (Fürst Windisch-Grätz).
Frankreich. Paris (Das Ministerium. Bermischtes).
V. M. K. Für die Lahneisenbahn
(Schluß.)
Was aber hat der Wcsterwälder auSzuführen? Vieh und Braunkohlen. Das erstere bedarf der Niederrhein, aber eine Eisenbahn rentirt sich dadurch nicht, letzteren aber werde auch in Zukunft, wenn man (woran wir nicht zweifeln) gelernt haben wird, sie zu verkoaken und zu mehr als bloßem Stubenheizen und Kartoffelsieden zu verwenden — ihren Absatz nie und nimmer am Niederrhein und an der Ruhr, sondern immer nur an der Bahn, auf dem Taunus, vielleicht auch im benachbarten Hessischen finden. Wir haben daher längst eine Pferdebahn von den Kohlenrevieren des Westerwaldes an die Lahn vorgeschlagen. Jeder Unbefangene wird es so zweckmäßig finden. Eine solche Bahn genügt, und für das Geld zu einer Wegstunde Lokomotivbahu können 8—10 Stunden zweckmäßiger Pferdebahnen gebaut werden.
Der Westerwald bedarf aber auch mehrerer Einfuhrartikel und zwar (von massigen Produkten) GypS und Kalk; diese aber kommen von der Mosel und ihr Weg geht fürwahr nicht nach Köln und von da zurück, sondern von Koblenz lahnaufwärts und von da an den Bestimmungsort.
Die Lahnbahn ist ganz unzweifelhaft diejenige Linie, welche der im Argen liegenden nassauischen Industrie, dem nassauischen Berg- (und Acker-) bau Noth thut, keine andere kann uns daS bieten. Am wenigsten die Rheingauer Bahn. Sie geht an der Gränze her, dem Binnenland?, d. h. dem ganzen Lande, kann sie nichts nützen; haben wir unsere Produkte einmal in Lahnstei >, so sind sie „über dem Berg", es gilt eben von und nach dem Rhein zu kommen. Aber auch die Westerwälder Bahn leistet unserer Industrie nicht den nöthigen Vorschub, denn 1) müßten die Produkte des Lahngaues dann erst nach Limburg geschafft werden, wir wären also wenig besser daran als zuvor, 2) hätten sie von da noch einen weiten Weg zum Rhein, den sie auf der Lahnbahn rasch erreichten, 3) verbände uns die Westerwälderbahn nur mit Oder- und Niederrhein, vom mittleren aber, von der Mosel und Saar, woher und wohin wir viel beziehen und versenden, von dem inneren Deutschland, mit dem wir doch auch Verbindung haben und
haben müssen, blieben wir vor wie nach abgeschnitten. Freilich reden wir hier von uns, vom Lahngau und seinen Seitenthälern , und sind uns dessen wohl bewußt; aber daß da unsere Produkte und unsere Hüttenwerke u. s. w. liegen, daß letztere sich immer noch mehr an der Lahn konzentriren müssen, daß nur im Lahngau Industrie erblühen kann und wird— das find, wie schon bemerkt, gegebene Verhältnisse die kein Räsonnement wegschaffen kann. Wäre der Westerwald unser goldener Grund, unsere Schatzkammer, unser Jndustriesitz, dann würden wir für ihn den Vorzug in Anspruch nehmen. Gebt uns eine Lahnbahn zum bequemen und sichern Transport, und zu den Braunkohlen (wir werden sie schon benutzen lernen) gut auS- gezweigle Pferdebahnen — und wir werden im Lahngau nicht nur eine nassauische Grafschaft Mark, sondern ein deutsches Birmingham und Sheffield entstehen sehen. Das sind keine, patriotischen Phantasien, denn dann werden wir Eisen und Kohlen so nahe beisammen haben, wie die jetzt von uns Beneideten, ja zum Theil noch näher, und unser Eisen ist nicht nächst, sondern neben dem schwedischen das Beste auf der Erbe!
Was sollen uns diese kleinen Eifersüchteleien von Hadamar, Westerburg re. Was werden diese Orte mehr seyn als jetzt, wenn sie eine Eisenbahn haben, was können sie werden, welche Hoffnungen knüpfen sich an sic und an den ganzen Streifen des WesterwaldeS den jene Bahn durchziehen würde? welchen Segen kann cs ihnen und uns bringen, wenn Dampfzüge an ihnen vorübersausen?
„Aber soll das ganze Land für die Lahn, die schon Geld genug kostet, neue Opfer bringen?" sagt der Korrespondent von der Elb. Er steht auch damit isolirt, kein anderer unserer zahlreichen Widersacher hat mit so kleinlichen, dem Kirchthurms- Patriotismus schmeichelnden Gründen gegen uns gekämpft. Ein Staat soll jeden seiner Theile berücksichtigen, jedem etwas zu Gute kommen lassen, aber Nutzen, nachhaltigen Erfolg muß er von dem erwarten können, waS er verwendet; wir ordern nicht für uns eine Eisenbahn, nicht für Wnlburg oder Aumenau, Nassau oder Kalkofen, sondern für Nassaus Jndu- 'trie und Wohlstand, damit von der Lahn, die des Landes Le, bensader ist, Kraft und Segen sich in die fernsten Glieder verbreite.
Deutschland.
* Wiesbaden, 22. März. Auf telegraphischem Wege ist die Nachricht auS Wien hier eingelaufen, daß sich das Befinden deS Prinzen Moriz bedeutend verschlimmert habe. Se. jofj. der Herzog wird im Laufe des heutigen Tages deßhalb nochmals nach Wien abreisen.