Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 88. Donnerstag den 21» Mârz 1S5O*
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Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume» rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogtbumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Jnfera te werden die dreispaltige Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen belieb« man in Wiesbaden in der L. Schellen- derg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Randglossen zur würtombergischen Thronrede.
Deutschland. Von der Höbe (Die Waldsteuer). — Aus d e M Saynthale (Straßenbau. Die Diätenstraße). — Mannheim (Prcß- polijei).— Stuttgart (Beschuß der Landcsversammlung Ein Mörder).
— Gotha (Die Verschärfung der Paßkontrole). — Erfurt (Radowitz und Manteuffel. Die Parlamentslokalitäten. Die Eröffnung des Reichstags). — Berlin (Die Prinzessin von Preußen. Hannover. Professor Zimmermann. Polizeiliche Maßregeln für den 18. März).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Lucca (Politische Gleichgültigkeit).
Randglossen zur würtembergifchen Thronrede.
□ Wiesbaden, 20. März. Der Kreis des menschlichen Wissens ist einer fortwährenden Erweiterung fähig. Mit der Fortbildung und Weikerentwickelung ändern sich auch die festesten Begriffe, und für jedes noch so unumstößliche Axiom findet sich ein neuer Gallilei, der sein E pur si muöve spricht. Einer solchen Erweiterungsfähigkeit, um nicht zu sagen Elasti. zilät der Begriffe begegnen, wir namentlich in unserem konstitutionellem Staalsleben. Der KonstitutionaliSmuö ist, wie wir nun erfahren, kein feststehender Begriff, welcher bestimmte Normen für die beiden Faktoren des konstitutionellen StaalcS: Regierung und Volk gibt; der KonstitutionaliSmuS hat, wie es scheint, neben seiner rotirenden Bewegung um die eigene Achse der Slaatsgeschäfte, auch die progressive der Geschichte, um nach einer bestimmten Reihe von Phasen, die er durchzumachen hat, wieder zu seinem Ausgangspunkte: zur absoluten Monarchie zurückzukehren, und von dort aus durch den unwiderstehlichen Zwang des Zeitgeistes getrieben, seinen vorigen Kreislauf zu beginnen. Nach dem Inhalte der würtembergi- schen Thronrede zu urtheilen stehen wir jenem Ausgangspunkte nicht mehr fern. Der Grundgedanke dieser Thronrede ist so ziemlich der AuSspruch: L’etat c’est moi, und wir sind der Meinung , daß dieselbe ebenso wenig auf konstitutionellem Wege entstanden sey , als jene Rede, welche bei einer noch feierlicheren Gelegenheit den Wiederhall der Wände des weißen Saales vor Kurzem geweckt hat. Hier wie dort bekamen wir nur subfiktive Ansichten zu hören, hier wie dort war eS nicht bie Regierung, die zum Volke sprach, hier war es ein Würlemberg, dort ein Hohenzollern, die ihre höchstpersönlichen Meinungen aussprachen. Wir ehren Offenheit, wo wir sie finden. Dort gab uns diese Offenheit interessante Aufschlüsse über den Ursprung der Königsgewalt, hier gibt uns diese
Offenheit eine lehrreiche Beurtheilung unserer deutschen Zustände auS der Vogelperspektive. Von der Vogelperspektive auS betrachtet, erscheint der deutsche Einheitsstaat, d. h. der deutsche Bundesstaat als «in „Traumbild" und als das gefährlichste aller Traumbilder. Es sind kaum zwei Jahre verflossen , seitdem ganz Deutschland sich für die Einheit erhob, und schon wird dieses Streben eine Träumerei genannt. „Wahrlich, cs geschehen Zeichen am Himmel, und wer auf dem Dache ist, steige nicht herab , seinen Rock zu holen." „Alle Wege", heißt eS ferner, „welche man nach diesem verkehrten Ziele bereits eingeschlagen hat, und noch einschlagen möchte, werden immer nur zum Gegentheil , d. h. zur Spaltung und Auflösung der Gesammtheit führen." Diesen Satz scheint die Erfahrung biftirt zu haben, denn der König von Würtemberg hat den Weg, der zu diesem Traumbilde führt, fast ganz zurückgelegt, indem er vorigen Jahres die Reichsver- fassung und mit ihr den deutschen Einheitsstaat anerkannte, und durchzuführen gelobte. — Jeder Weg nach der Einheit führt aber zur Spaltung. Wenn dieser Satz sich umkehren ließe, dann wären wir bei den vielen sich kreuzenden Wegen unserer Regierungen auf dem besten Wege zur Einheit. Von der Volgelperspektive aus betrachtet, beruht ferner die wahre Stärke und Eintracht, die wahre Kultur und Freiheit der Nation im letzten Grunde auf der Erhaltung und Pflege der Eigenthümlichkeit und Selbständigkeit ihrer Hauptstämme. Wir von unserm Maulwurfshügel-Standpunkt haben in diesem Streben nach Erhaltung der Eigenthümlichkeit der einzelnen Volksstämme nur eines der größten Hindernisse für die Erlan- gung einer dauerhaften Einigkeit unseres GesammtvaterlandeS gesehen, und leider durch die Erfahrung bestätigt gesunden, daß ein solches mit Treibhauswärme gehegtes und gepflegtes Parlikularbewußtseyn niemals daS zur Erfüllung unserer weltgeschichtlichen Mission nöthige Gesammtbewußtseyn zum Durchbruch kommen ließ, und daß eben dieser Pariikularismus uns zum Spotte deS Auslandes gemacht hat. Die Eigenthümlichkeiten unserer einzelnen VolkSstâmme sollen nicht verwischt werden — zur unverkürzten Erhaltung bedarf cs aber keiner Nachhilfe, keiner Fürsorge von oben herab; dafür sorgt jeder einzelne Stamm , dafür bürgt Tradition und das mächtigere Band des Familienlebens. — Der Schluß der Thronrede gibt den besten Kommentar dieses Satzes. Unter der Pflege der Eigenthümlichkeit und Selbständigkeit der Hauptstämme, ist die Pflege der Eigenthümlichkeit und Selbständigkeit WürtembergS zu verstehen. — Der oben ausgestellte Satz wäre richtig, wenn die ethnischen Grenzen der einzelnen VolkSstämmc mit den geographischen Gren, zen der einzelnen Reiche zusammcnfielen, dann wäre daS Streben nach der Selbständigkeit des Ltaates durch daS Stre- den nach der Selbständigkeit der Volksstämme begründet und gerechtfertigt. Wir weisen in erster Reihe auf Würtemberg