Wafsatnfdje
Allgemeine Zeitung.
JVi 65.
Sonntag den 17 Marz
1850.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen VerwaltungSgebieteS 8 fl. 1O fr. — Insera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellen- »crg'scheii Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Eine Stimme vom Lande über die religiösen Zustande.
Deutschland. Wiesbaden (Die „nassauischen Briefe"). — Vom Westerwald (Straßenbau im Amte Selters). — Frankfurt (Mord. Reichsfinanzen). — Kassel (Kampf gegen das Ministerium Haffenpflug). — Hannover (Zimmermanns Uebertritt in österreichische Dienste). — Sondershausen (Militärkoiwentlon mit Preußen). — Berlin (Festsetzung der Eröffnung des Erfurter Reichstags auf den 20. März. Berichte des General Rauch). — Kiel (Widerlegung des Gerüchts über Vollprachts Ausweisung. Konferenz zwischen General Rauch, General Bonin, Präsident Vollpracht und der Statthalterschaft).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Erpedition zur Aufsuchung des Sir John Franklin. Verwerfung eines Antrages auf Reduktion der RegierunqS- abgaben).
Sprechsaal für Stadt und Land.
A Eine Stimme vom Lande über die religiöser» Zustände
Der politische Wirrwarr, in welchem sich unser Vaterland seit den Märztagen 1848 befindet, und für dessen Beseitigung bis jetzt noch kein Erlöser erschienen ist, konnte beinahe eine verderbliche Rückwirkung auf die Religion nicht verfehlen. Denn durch eine übelverstandene Freiheit wurden seither schlummernde Leidenschaften entfesselt, und Mancher, welchen bis dahin noch eine heilige Scheu und die Furcht vor bürgerlicher Verachtung abhielt, seine tief begrabenen Gedanken von sich zu geben, trat jetzt in seiner wahren Gestalt als ein Bild der Verdorbenheit auf. Kein Wunder daher, wenn sich die Spalten der Zeitungen mit religiösen Glaubensbekenntnissen von sogenannten freien Gemeinden füllen. Die Motive, welche Manchen seine seitherige religiöse Ueberzeugung so schnell wechseln lassen, sind nicht schwer zu erlernten. Man gehe nur unter das Volk, höre, und beobachte. In dem einen Orte droht ein Theil der Gemeinde zu einer freien Gemeinde über, zugehen, weil der Pfarrer mit dem Preise nicht zufrieden ist, welchen ihm der hohe Rath für den bisher in natura bezogenen Zehnten bietet ; in einer zweiten Gemeinde müssen, wegen der Armuth des KüchenfondS, Kirchensteuern erhoben werden; hiergegen sträubt sich, um recht populär zu werden, der Gemeinderath, und hat in diesem Falle — wenn auch nicht das Recht — doch die Mehrzahl der Gemeindeglieber auf seiner Seite, wie dies schon die Stcuervcrweigcrung in andern Fällen gezeigt hat. Der Pfarrer dringt mit dem Gesetze durch, und die Schreier rufen: Wir brauchen keinen Pfarrer! u. s. w. In einer beitten Gemeinde gefällt der Vortrag des Pfarrers nicht — und so könnte man mit kleinlichen Ursachen, welche eine verderbliche Wirkung äußern, sorifahren. Das meiste Verderben stiften indessen unstreitig die Demokraten und deren Organe, welche im Sinne Vogt's und Struve's wirken, welch letzteren die Narrheit so weit treibt, daß er in seinem republikanischen Kalender einen Monat und Genossen zu seinen Hei ligen erkoren hat.
Deutschland.
Der, den es trifft, war nicht gemeint, So ähnlich das Porträt dem Urbild scheint.
Aus dem „Urbild des Tartüffe" von Gutzkow.
* Wiesbaden, 16. März. Die in der Nass. Allg. Ztg. mitgetheillen „Briefe über nassauische Zustände" scheinen nicht geringes Aufsehen zu erregen, dafür bürgt uns besonders der Umstand, daß man sich im Publikum so viel eitle Mühe gibt, den Namen deS Verfassers auszukundschasten. Daß die „Briefe" außerdem auch in ihrer ganzen Tendenz mißverstanden werden, geht der Redaktion recht einleuchtend aus einer ihr zugegangenen anonymen Denunziation hervor, die uns die Bornirtheit, mit welcher ein großer Theil des Publikums politische Dinge aufzufassen pflegt, wieder einmal recht anschaulich gemacht hat. In bin „Briefen" war von einer Klasse von Leuten die Rede, welche zu den Zeiten, da die Demokratie Chancen für sich hatte, nicht einmal auf das Ministerium gehen wollten, weil man dort kriechen müsse, später aber, als sich bas Blatt gewendet, sich gar sehr beeilten, sogar der ganz vormarzUchen Hvfcükelte wieder ihren Tribut zu zollen. Na. men sind nicht genannt, es ist nicht einmal auf einen Einzel n e n hliigedeulet, es ist nur eine ganze Klasse poli. tilcher TarlüffeS geschildert, und wenn sich Einzelne getroffen fühlen, dann mögen sie bas mit sich selber abmachen. So faßt man aber die Sache in Krähwinkel nicht auf. Hier schürft man nur nach Namen, nur nach Persönlichkeiten und schickt flugs Der Redaktion einen anonymen Beitrag zu den „Briefen" worin man sagt, dieser oder jener mit Namen genannte Dffi« jier habe auch vor dem ersten Ausmarsch nach Baden geäußert er werde nicht gegen Hecker fechten, wohl gar seine Kameraden ermuntert, nid)t zu voreilig gegen die Freischärler zu handeln, und erst nachträglich sey ihm der Kopf zurecht gesetzt worden rc Dergleichen Enthüllungen mögen in der Kreuzzettung ober in ge- wissen demokratischen Organen an ihrem Orte seyn, wir unsererseits bedauern, daß man in Nassau noch immer nicht begreifen kann, wo sich die Sache von der Persönlichkeit scheidet. Das eben ist das glänzendste Zeugniß für die totale Unreife einer guten Hälfte des Publikums, daß es überall persönliche Motive unterschieben muß und nur da sich wohl fühlt, wo es sich im Schlamme persönlichen Skandales wälzen kann. Gerade deßhalb aber möchten wir den Verfasser der „Briefe ersuchen, recht unverdrossen fortzufahren in seinem Derben FreSkostyte, in welchem er Die Erbärmlichkeiten nassaui- fcber Zustände abschildert, und wenn jeder Tartüffe glaubt, er fei) genannt, da er doch nicht genannt, sondern nur naturhi- storisch nach Art und Gattung analysirt ist, dann finde Der geheimnißvoUe „Bricsschreiber" darin den besten Beweis, dass er mitten in's Schwarze geschossen hat.
c/ Vom Westerwalde, im März. Der untere Theil deS Amtes Wtev-Silters wird der Länge nach durch einen bewaldeten Bergrücken in zwei Theile geschieben, wovon der nördlich gelegene, von dem Ort Selters an, durch Den Sayn- dach durchströmt, der andere ebenfalls von Seilers abwärts beginnende südliche Theil aber seit den letzten Dezennien cinra gut fahrbaren, chaussirien, nach Grenzhausen führenden, die