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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^N GL Freitag -en 15* Marz 1850*

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume« rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Staffan, des GrvßberzvqtpumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Franlsurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 80 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Briefe über die dermalige» Zustände in Nassau.

Deutschland. Frankfurt (Ersuchen des englischen Gesandten, die Fort­dauer des dänischen Waffenstillstands betreffend). Darmstadt (Der Görlitzische Prozeß). Kassel (Die Wahlen ^ür. Erfurt) Karls­ruhe (Antwortsadresse der ersten Kammer). Stuttgart (Programm für die Eröffnung der Ständeversammlung). ^M,ü nch'e n (Die München- Salzburger Eisenbahn. Studentenverbindungeir. ^Strafprozeß gegen die Mörder des Kanonikus Schwarz). Be rlln (SqchfenS Unentschlossen­heit. General Rauch. Vollpracht). Wien (Die Zeremonie der Fuß- waschilng).

Griechenland. Athen (Aufhebung der Blokade).

Briefe über die dermaligen nassauischen

Zustände.

II.

Surdis narratur fabula!

3 Vom Taunus im März. Sie haben sicherlich öfters schon den AusdruckLummrich" gehört; in Wiesbaden wenig, stens ist derselbe jetzt gang und gäbe. In unserer Gegend hört man ihn nur von Leuten, die dessen Sinn in Wiesbaden haben kennen gelernt, obgleich auch wir hier recht vieleLumm- ridje" aufzuweisej, haben. Da ich mich dieses Ausdrucks in Briefen öfters bedienen werde und er nicht allgemein verständ- lich ist; so erlaube ich mir, denselben geschichtlich zu beschrei­ben. Er stammt aus Baden. Nicht nur dort, sondern auch am Rheine kommt in der Volkssprache das Wortlummer" stattlocker" vor. Es ist bekannt, daß dieglorreiche badische Revolution zur Durchführung der envgiliig beschlossenen Reichs­verfassung" hauptsächlich dem Mangel an Energie, der Feigheit, dem süßen Säuseln nichtssagender, kraftloser Worte, dem Buhlen um Bolksgunst und der Kopflosigkeit abseiten der höhern badischen Staatsdiener und Offiziere ihren Ursprung verdankt.

Einen solchen Allerweltsfreund und süßlichen Volksbe- glücker nennen die Badener jetzt einenLummrich". Der nassauischeLummrich" datirt vom 29. März, an welchem die berühmte Regiminalvcrordnung erlassen wurde, wodurch die Schultheißen , ihre Dicnstschränkc, die Förster, die Hebam­men , die Jndustrielehererinnen, die Nachtwächter und das Faselvieh der Laune des souveränen Volkes Preiß gegeben wurden. Man mußte den Unfug mit eigenen Augen gesehen haben, um sogleich sagen zu müssen, diese Verfügung lößt alle Bande der Ordnung auf. Unsere Bauern begriffen sich am schnellsten wieder und sagten selber:daS Ding geht nicht mehr, wir müssen wieder Orlsregenlen haben, sonst kommen wlr^ um Hab und Gut." Kaum hatten die Schultheißen- schranke wieder ihre Ruhe, so ging das souveraine Volk in den Landstadtchen an Die Beamten. Wenn eine Fluth von Suppliken einen mißliebigen Beamten nicht wegschwemmen konnte, so halfen die Sicherheilökomödien und einige mit ih­

rem Amtmanne auf gespanntem Fuße lebende Amtssekretäre und Amtsakzessisten mit allerhand Miiteln nach. Zur Ehre des nassauischen AmlspersonalS muß cs jedoch gesagt werden, daß nur ganz wenige Subjekte unter ihnen waren, die gegen ihren Chef inlriguircn halfen.

Unter dem Ministerium Hergenhahn hörte dasWeg, Märzen" der Beamten auf. ES konnte sich in einem kleinen Lande, wie das unserige ist, nicht fehlen, baß der nassauische Lummrich aus der Hauptstadt sich sehr schnell in die Provinz verbreitete und hier so ansteckend und schnell wirkte, daß wir ihn auf dem Lanke noch lange in allen Gliedern spüren wer­den, wenn auch bei Ihnen in Wiesbaden wieder etwas männ­licher Muth sich zeigen sollte. Konnte vor dem 4. März häufig nur eine nahe oder entfernte Verwandtschaft mit dem einen oder dem andern Direktor ober Präsidenten, daS Hineinheirathen in eine angesehene s. g.regierende" Familie, eine gemeine Delation ober etwas Der Art eine Beförderung zu Wege brin­gen, so glaubte man sich in Denschönen" Tagen des Mârr und einiger folgenden Monate die Sache leichter machen zu können. Man warf sich dem Volke in Die Arme! Und häufig waS für einem Volke? Waren eS Die besseren Bauern und Burger? Rem! Fast immer die ordinärsten Subjekte der Städte, die ihre Mitbürger terrorisirten und was ihnen an Verstand abging, durch Schreien ersetzen zu können glaubten. Wenn wir nun auch in unserer Gegend kein so berüchtigtes Beispiel erlebt haben, wie Sie in Wiesbaden, wo, wie ich bei meiner letzten Anwesenheit daselbst erfahren habe, daß ein ade- Itßer Rath auf Den 48er Nikolausmarkt im grünen Wald zur Durchführung Der Volksgunst" mit Mägden getanzt, während er früher nur mit Glacehandschuhen in ebenbürtigen Salons Thee getrunken haben soll, so ist es bei uns immer noch sehr traurig in dieser Beziehung, während man bei Ihnen doch wieder in die richtige Spur gekommen zu seyn scheint. Ich habe nicht nur Gelegenheit, das verschiedene Dienstpersonal unseres Städtchens genau zu beobachten, sondern auch das vieler andern Orte des ganzen Landes. Hier an diesem Orte erdrückt ein Kreisamissekretär beinahe aus lauter zudringlicher Zärtlichkeit einen ganz ordinären demokratischen Schwätzer; an jenen Orten spielen evangelische Geistliche und Justizamisange- stellte offen unD verbotst bie 5)emotrcitie nuf, entere un| Volksabgeordneten und gerade solche, welche nicht zu Den Siaaisbienern zählen, haben Dieselben Beobachtungen gemacht und mir manche derselben mit Indignation mitgbtheilt. Ber­echnen Sie mich übrigens in dieser Beziehung nur nicht. Ich bin durchaus dagegen, daß der Kirchen- und StaatSdiener sich von feinen übrigen Mitbürgern abscheiden soll. Es hat sich vielleicht keiner im Lande in den vormärzlichen Zeiten mehr darüber geärgert, als ich, wenn ich gesehen habe, daß man den Bürger und Bauern über Die Achsel ansah und sich von ihm abschloß, wie man eS fast in allen unsern Landstädtchen that. Slber der Kirchen - und StaatSdiener soll seinem Mitbürger nicht den Hof machen, nicht kriechen. Das entehrt ihn unk den Dienst.

DaS Volk sieht nur leider in der Regel gar nicht ein, waS diese Menschen für Kreaturen sind und früherhin waren, und hält die für volkSihümlich, die ihrer inneren Natur zu.