Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^§ 60, Dienstag den L2 März 1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Briefe über die dermaligen Zustände in Nassau.
Deutschland. Wiesbaden (Die Kompetenz der Regierung in Verwaltungssachen. Neuestes Verordnungsblatt). — Gießen (Der Prozeß Görlitz). — Sigmaringen (Ende). — Berlin (Der Prozeß Haffen- pflug'S. Schluß der Sitzungen des Verwaltungsraths. Die verschollene Frau des Obersten Schmidt). —Prag (Bücherpolizei). — Triest (Aus Griechenland).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Die griechische Frage).
Briefe über die dermaligen nassauischen Zustände.*)
I.
Ut sementem feceris, ita et metes!
K Vom Taunus , 10. März. In der Volksschichte, zu welcher ich zähle, bin ich von vielen treuen Unterthanen des Herzogs schon öfters befragt worden, welches politische System unser dermaliges Ministerium denn eigentlich befolge. Mit dem besten Willen konnte ich ihnen keine Auskunft geben, so sehr ich mich auch anstrengie, die hier und da wahrgenommenen Regierungshandlungen einem System zu subsumiren. Ein aufrichtiger Anhänger der Monarchie aus wissenschaftlichen Grün- den und ein treuer Unterthan des Herzogs ohne Eigennutz und Selbstsucht, sie dürfen meinetwegen auch sagen, ein Blauoranger, machte ich mich den Tag vor Fastnacht aus die Beine, um meinen Zweifel durch eigenes Schauen in Wiesbaden los zu werden. Ich war kaum dem Postwagen entstiegen und hatte im Gasthause zum Adler etwas zu mir > enommen, als ein unangenehm süßer, schon ziemlich abgelebter Herr mit einer schwarz gelockten Persicke unv einem Berliner Dialekte mich an der Tafel fragte, ob ich heute bin berühmten nassauischen Juristen, den penstonirten Herrn Hofgerich, spräsidenlen Raht aus Dillenburg nicht hören wolle. Um 3 Uhr fingen die Assisenverhandlungen — so fuhr dieser Herr fort — wieder an und da lasse sich der Herr Raht mit seiner Verlhci« gigungSrede hören; der setze die Regierung wieder auf die Armensünverbank, das Ding werde wunderschön; Herr Raht habe schon Wochen lang, Tag und Nacht an seiner Rede auswendig gelernt, wie ein Doktor, der bei ihm im Hause gewohnt, auSgeplaudert habe. Da ich nun von Herrn Raht schon vor seiner politischen Laufbahn gar Vieles und die verschiedensten Ansichten gehört und ich über sein politisches Leben und Treiben, wie ich eö bei öfterer Anwesenheit
•) Diese Briefe gehen uns aus dem Lande von sehr geschätzter Hand zu. Obgleich sie in etwas zwangloser Form abgefaßt sind, wie man dieselbe für Artikel eines politischen BlatteS nicht zu wählen pflegt, so spiegelt sich doch gerade darin der gesunde Sinn der praktische Scharf- bUck und der ächte Freimuth des Verfassers so charakteristisch ab, daß wir die Briefe ganz in der ungebundenen Form, in welcher sie uns zugegangen sind, abdrucken zu müssen glauben. Die Red.
in Wiesbaden in der Kammer selbst beobachtet und in den verschiedensten Zeitungen gelesen hatte, nicht recht klug werden konnte, wenn ich es mit seinen Antezedentien verglich; so dachte ich an den muß du noch einmal einen Gang wenden und hören, wie er denn eigentlich seine Sache als Jurist macht. Gedacht gethan ! Um 4 Uhr schritt ich durch die Langgasse in den Assisensaal. Derselbe war im wörtlichen Sinn gestopft voll. Herr Slaatsprokurator Reichmann entwickelte gerade die Gründe der Anklage, als ich eintrat. Er soll schon lange vor meinem Eintreten mit seinem Vortrage begonnen haben und war nach solchem bald damit zu Ende. Um 5 Uhr AbendS fing nun Herr Raht mit seiner Rede an und las sie zum großen Erstaunen des Publikums 4 Stunden lang bis 9 Uhr Abends in einem unangenehmen, meistens kreischendem Tone ab und war immer noch nicht damit fertig. Er soll den folgenden Tag noch ein Stück davon vorgelesen und auch eine Zeit lang gesprochen haben. Die Rede ist seitdem im Drucke erschienen und Jeder kann sich ein Urtheil je nach seinen Der- stanveS- und sonstigen Kräften darüber bilden. Ich will eS nicht versuchen, eine kurze Kritik darüber in diesem Briefe und eine Nutzanwendung daraus für die Nassauische Regierung nieverzulegen, sonst könnten sie es mir geehrtester Herr Redakteur machen, wie Sie es neulich einem Ihrer früheren Korrespondenten gemacht und Sie selber in No. 38 der Nass. Allz. Zeitung deren Lesern mitgelheilt haben.
Um 9 Uhr Abends verließ ich, durch die verlesene Rahri, sche Rede an Körper und Geist ermüdet und mit Ekel und Abscheu im Innersten meiner Seele erfüllt wegen der Jnvek, tiven, die darin gegen den Anklagesenat, den Kassationshof, den Staatsanwalt und die Regierung, zum größten Theile vom Zaune gebrochen, geschlendert wurden, den Assisensaal und ging in das Kasino. Hier in der s. g. Schwarzkatzenstube angekommen, war man schon mit der Rahti schen Rede oder vielmehr vorgelesenen Vertheidigungsschrift krilisirend beschäftiget. Sie ward von einigen anwesenden Juristen und Offizieren scharf mitgenommen, während einige Subaltern- Beamtcn mit ziemlich hohen Titeln darüber piepmeierten, von den ersteren aber mit einem Zuruf, dessen Sinn ich erst später erfahren habe, zum Stillschweigen gebracht wurden und darauf das Zimmer verließen. Man sagt, jener Zuruf erinnere an Leute, welche unter dem alten Regime ihren verschiedenen Chefs Neuigkeiten hinterbracht und mitunter auch die Delatoren gegen freisinnige Slaatsdiencr gespielt hätten, während sie nicht nur im Jahre 1848 und 49 mit der Demokratie gebuhlt, sondern noch damit buhlen aus Furcht, sie könne doch noch zur Herrschaft kommen, und seien daher besonders verachtet. Der Eint.itt eines Anverwandten des Präsidenten Raht, den die ganze Gesellschaft gerne zu haben schien, machte der gedachten Kritik offenbar auS Delikatesse ein Ende. Von Politik, na, menilich der Nassauischen war wenig die Rede und ich konnte ihr deßhalb an diesem ersten Abend nicht den Puls fühlen.
Den folgenden Tag besuchte ich verschiedene Wiesbadener demokratische Wirthschaften. Die Freisprechung deS Idsteiner LanveSkongreffeS durch die Geschworenen wurde überall als eine ganz ausgemachte Sache angesehen. Von politischen Aeußerungen habe ich darin weiter keine vernommen, als solche,