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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^U 56» Donnerstag den 7» Marz

1850»

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- ratiouspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebietes S fl. 1O fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle»» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

U e b e,r s i ch r.

Die Schnäuzler im Kanton Bern.

Deutschland. Eltville (Einsturz eines Wohnhauses). D i e z (Kaplan Künstler). Mainz (Der Prinz von Preußen). Fran kfurt (Hr. von Schmerling. Fürst Gortschakoff). Kassel (Berichtigung). Koblenz (Gestohlene Gewehre). Stuttgart (Einberufung des Landtags). Hvhenzvllern (Herstellung einer militärisch festen Po­sition). Berlin (Aus dem Bcrwaltungsrathe. Gutzkow). M c in e l (Die Wiedertäufer). Wien (Militärerlaß. Unruhen in Palma nuova.

Erzeffe in Cervignavo. Eintritt ungarischer Flüchtlinge unter die tür­kischen Truppen in Bosnien)

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Türkei. Sch um la (DieGäste der Sultans").

Die Schnänzler im Kanton Bern.

(Nach Schweizer-Blättern.)

Der drohende ökonomische und finanzielle Verfall des Kan­tons Bern ist die erste Quelle und Veranlassung der jetzigen Bewegung in demselben. DerMsser gefliMle Theil des- Volkes ist aber noch viel tiefer bekümmert über den Geist der Entsitt­lichung und Irreligiosität, welcher mit schnellen Schritten bei uns einzureißen droht. Das Berner Volk ist seiner Natur und Gewohnheit nach ein haushälterisches, arbeitsames, häus­liches, christliches Volk. Es fühlt sich nun aber immer mehr abgestoßen von dem Geiste und Wesen derjenigen Klasse, welche gegenwärtig den Kanton ausschließlich regiert. Es bezeichnet diese Klasse charakteristisch mit dem Namen derSchnäuz­ler." Es fühlt weder Liebe noch Achtung für diese; cs scheut sie, traut ihnen gar nichts Guies mehr zu; im Gegentheil, cs gehen ihm die Augen immer mehr darüber aus, daß das Schnäuzlerregiment den Kanton ins tiefste Unglück führe.

Unter die Schnäuzler zählt das Volk vor Allem diejeni­gen jüngeren Landjuristen, welche in der Hauptstadt sich der studentischen Kneiperei ergaben, selbst eine sehr oberflächliche Bildung geholt hatten, und von ihrem Kneipgenossen, Pro­fessor Wilhelm Snell, zu modernen Demokraten herangebildet worden waren. Es zählt zu den Schnäuzlern überdies noch alle Andern aus der weiten Kaste ländlicher Advokaten und Schreiber, welche sich an die sich selbst so nennende Schule vom Lande, mit andern Worten an den Bärcnklubb mit Leib und Seele verkauften. Wenn man weiß, daß der Kanton Bern mehr als hundert Advokaten, mehr als hundert Rechlsagenten, und gegen vierhundert Notarien und Schreiber aller Art besitzt, so begreift man, daß diese, wenn sie in ihrer Mehrzahl zusam­menhalten, eine eigentliche Kaste bilden können.

Das Volk zählt aber mit richtigem Instinkte zu den Schnäuzlern auch noch die modernen Schulmeister, weil sie, auch ohne Schnurrbärte, dem Geiste nach zu den Schnäuzlern gehören. Es zählt endlich noch zu diesen alle Die, welche durch Eitelkeit, ober Ehrsucht, oder Kneipgenossenschaft, oder Beamtenverhältnisse der- Kaste der Schnäuzler sich beigesellt und verschrieben haben. Es ist nun allerdings so weit gekommen, daß zwischen der ganzen Klasse der Radikalen oder Schnäuzler

und Dem übrigen bessern Theile des Volkes ein Riß entstund der täglich größer wird.

Es hat die Zellergeschichte*) dem Volke zuerst die Augen geöffnet. Es hatten damals die Radikalen bewiesen, daß ih, neu der wahre bessere Geist des Volkes, obschon sie auch auS dem Volke hervorgegangen sind, nicht bekannt sey, und daS Volk hatte der Regierung mit offener Entschiedenheit gesagt, das Christenthum lasse cs sich nicht nehmen. Dem Volke hatte ferner derGuckkasten" **) mit seinem zynischen Wesen und seiner wüsten Religionsspötterei, und die offene Sympa­thie der Schnäuzler mit dem Geiste des Blattes die Augen geöffnet. Es gefällt dem Volke nicht, daß die Kirche immerfort befehdet wird. Es gefällt ihm nicht, daß die Schule allmählig eine unchristliche werden soll, und die auf eingebildete Wissenschaft eiteln und radikalen und unchrist­lichen Schnäuzler-Schulmeister gefallen ebenfalls nicht. DaS Volk hegt großes Mißtrauen gegen die Hochschule, welche den Schnäuzlergeist, einen widrigen Bildungsübermuth, Kneiplust, verderbliche Grundsätze und Unglaube über das Land verbreite. Es hegt eben so großes Mißtrauen gegen die aufgeblasene Verstandeskultur ohne Religiosität, welche das Seminar nach und nach auf alle Landschulen einwirken läßt. Es gefällt ihm nicht, v.rft man überall, die Schnâuzlcr aller Stufen so fleißig in Wn Wirthshäusern und Pinten, und selten oder nie in den Kirchen erblickt. Und mit tiefer Bekümmcrniß sehen die besseren Hausväter auf dem Lande, wie ihnen ihre Söhne verlockt werden durch Singvereine***), durch frühe Zulassung zu den Wahlen, durch Militärcitclkcit, durch Kneiperei, durch zynische Reden und leichtfertiges Wesen, durch Erregung von Ehrgeiz, bis sie, dem Haus, der Arbeit, der Zucht, der Kirche entfremdet , dem Schnäuzlerthum ganz verfallen.

So steht es im Kanton Bern. Die Radikalen gehen so­gar planmäßig dabei zu Werke, das Volk zu einem ganz an­dern zu machen. Der verderbliche Geist, die schlechten Grund­sätze und die Irreligiosität werden durch alle möglichen Ka, näle verbreitet, um die Jugend des Volkes in dem Geschmacke moderner Demokratie zuzurichten. Ja, es wird nicht nur der Kirche, sondern aller höher» Bildung der Krieg erklärt, indem man den Grundsatz aufstellt, alle Staatsbürger müssen gleich­mäßig erzogen werden, und um Dieses zu erreichen ein Schul- gesetz entworfen hat, welches alle höhere Bildung, selbst in der Hauptstadt, ins Bereich gewöhnlicher flacher Sekundarbil, dung herunterzicht und nivellirt. Wer den Geist und die Pläne des bereiften ultra-radikalen SchnäuzlerthumS kennt und durchschaut, ist von der entmutigenden Ueberzeugung durch­drungen, daß, wenn nicht durch das Erwachen und einen ent­schiedenen Kampf des bessern Volksgeistes der Radikalismus gestürzt wird, der Kanton der schlechtesten und gottlosesten modernen Kulturbarbarei verfällt, vor welcher Golt uns gnä, dig bewahren wolle.

*) Die Berufung des als Unchrist im Volke angesehenen Dr. Zeller zum Professor der Theologie.

**) Das verrufene Blättchen eines Berner Buchhändlers.

***) Insofern sie die schöne und veredelnde Kunst der Töne nicht allein pflegten.