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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^U AL. * Dienstag den A. Marz 1S5O*

Die Nass. A!lg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fi. 1O fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelle«» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

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Uebersicht.

Am vierten März.

Deutschland. Wiesbaden (Die Verlegung der Rechnungskammer). Frankfurt (Die Main-Weserbahn). Köln (Schiffbruch auf dem Rheine). Kassel (Herr Vilmar), Berlin (DaS Befinden des Königs. Die hannoversche Angelegenheit. G. Julius). Schleswig- Holstein (Vollpracht).

Schweiz. Zürich (Frau von Struve. Rother Schnee).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Amerika. (Eisenbahn).

Am vierten März

Ein vortrefflicher leitender Artikel der neuesten Nummer der Weser-Zeitung gibt einen Rückblick auf die deutsche Be­wegung der letzten zwei Jahre und sucht dabei den eigen­thümlichen Charakter derselben, durch welche sie sich von der gleichzeitigen französischen Revolution abscheidet, festzustellen. Wir glauben dem Jahrestage des entscheidenden 4. März kein besseres Andenken widmen zu können, als durch Mittheilung jenes gediegenen Artikels. Er lautet:

Die Tage einer ernsten Rückerinnerung sind wiedergekehrt. Deutschland braucht weder in die Trauer- noch in die Tedcums- gesänge des Pariser 24. Februar einzustimmen, welcher Tag nur der äußere Anlaß für eine Bewegung in Deutschland ge­worden ist, die längst vorbereitet in den Geistern und in der Lage der äußeren Verhältnisse auch ohne diesen Anstoß früher oder später zum Ausbruch gekommen wäre: Aber wer vermag in dieser Zeit, wo nun zum zweiten Male die letzten Februar­lage und die ersten Märztage sich erneuern, seiner eigenen rückwärtsschauenden und vorwärtsstrebenden deutschen Erinne- rungSgevankcn sich zu erwehren? Es sind diese Tage wieder- gekehrt, ohne auch dieses Mal weder unser Vaterland noch auch Europa in die Fugen wieder eingerichtet zu finden, aus denen es vor zwei Jahren herausgerissen wurde. Deutschland wie Europa, die größcsten Verhältnisse, wie die kleinsten befin­den sich noch heute in einem Zustande des Provisoriums, wel­cher auch dem kundigsten Auguren keine Vorherbestimmung der Zukunft erlaubt. Die Revolution ist äußerlich niedergeworfen. Wir hätten Nichts mehr zu fürchten, wenn die Revolution Nichts als ein bewaffneter Aufstand eines größeren oder gerin­geren Haufens gewesen wäre, und wir hätten wiederum Nichts mehr zu fürchten, wenn die Revolution nur unrechtmäßige For­derungen an das Ohr der Mächtigen gebracht, wenn nirgend dem Volke sein Recht vorenthalten wäre. Aber wie heute die Dinge stehen, ist die Furcht, das Gefühl der Unsicherheit, der Unberechenbarkeit der Zukunft überall gerechtfertigt. Wenn die Grundvesten tausendjähriger Reiche gewankt haben, so endet daS Schwanken nicht so bald. Und eS hat in dem Sturme dieser beiden letzten Jahre mehr gewankt als der Grund dieses oder jenes einzelnen StaateS. Der Grund aller Staaten, der Staat überhaupt, die wichtigste Institution für das äußere Daseyn der Menschheit wurde in der Bewegung dieser letzten Jahre in Frage gestellt. Wie die Reformation in daS kirch­

liche Gebäude einen nicht ausgefüllten Riß gebracht hat, indem sie das Irdische in ein neues Verhältniß zu dem Ueberirdischen stellte, so ringt jetzt auf der Höhe des neunzehnten Jahrhunderts der Geist der europäischen Völker nach einer neuen Form für ihr staatliches Daseyn, nach einem neuen Bande für ihr Ver­hältniß unter einander.

Es ist ein als wahr angenommener Satz, daß eine Zeit sich selbst nicht ganz verstehe. Man verweist auf das Urtheil der Geschichte, man überläßt dem Geschichtschreiber der Zukunft das letzte Wort zu sagen, den vollen Zusammenhang zu er­gründen und der Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Es möge dahin gestellt bleiben, ob diese Aufgabe schon in Bezug auf irgend eine Periode von einem Geschichtschreiber gelöst worden ist, aber am wenigsten darf der angeführte Satz als eine Ent­schuldigung für die in der Gegenwart Lebenden dienen, als ob sic sich damit des Strebens nach dem Verständniß ihrer Zeit überheben könnten. Der Parteigeist wirkt diesem Verständniß der Zeit entgegen. Er spaltet die Welt auseinander, er fragt allein nach dèm, was die Partei will oder nicht will, er reißt die Einen zu ungemessenen und »»begriffenen Forderungen fort, während er die Andern nur zu oft zum blinden Widerstand gegen alle Neuerungen, zur Negation und zum erbitterten Verkennen der Zettrichtung führt. Der Streit mit Worten, mit den Stichwörtern des Tages, denen die Begriffe fehlen, kommt hinzu, um die Wahrheit immer weiter in den Hinter­grund zu drängen. Man hält an gewissen Kategorien fest: Die Reaktion verfolgt jede Bewegung in jedem Volke, unter jedem Himmelsstrich, um jeder Ursache willen, als Revolution; Der Radikalismus achtet keinen Widerspruch des Bestehenden gegen die Forderungen seiner Schulpolitik. So kommt es, daß die Macht der stärkeren Partei jetzt überall das Recht für daS Geschehende bildet, daß überall in kleinen wie in großen Verhältnissen Verwirrung der Rechtsbegriffe, Unsicherheit deS Bestehenden und eine grenzenlose Erbitterung der unterliegenden Partei wahrzunehmen ist.

Diese Stellung und Stimmung der Parteien gegen einan­der mag in Frankreich und in Deutschland, im Allgemeinen gegenwärtig sehr ähnlich seyn; im Uebrigen hat nichts mehr als die Vermischung des Charakters der Revolution in Frank­reich mit dem Charakter der deutschen Bewegung dazu bekge­tragen, um die Verwirrung in den Köpfen zu vermehren und uns von den ursprügliche» Zielpunkten unseres deutschen Wollens zn entfernen. Man kann denen gegenüber, welche den 24. Februar als den Geburtstag des neuen Deutschlands bezeichnen, nicht oft genug daran erinnern, daß Bassermann seinen Antrag auf die Berufung eines deutschen Nationalpar- lamentö schon am 12. Fcbr. in der badischen Kammer begrün­det hatte, daß also der Gedanke der deutschen Erhebung schon ausgesprochen war, ehe der Umsturz deS französischen StaateS erfolgte. Die Einwirkung der Pariser Ereignisse machte sich aber nicht nur darin für Deutschland geltend, daß jener Ge­danke die Form einer bestimmten, von allen deutschen Staa­ten sanktionirten Sturmpetition annahm, sondern noch viel mehr dadurch, daß sobalv die Bewegung in Lauf gesetzt war, eine Menge neuer Ideen und neuer Forderungen mit der Aufregung über den Rhein kamen, wodurch der ursprüngliche Gedanke der