Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N SO Donnerstag den 28. Februar 1830.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationSpreiS ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der liandgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fl. IO fr. — Inserate werden' die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen, berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die äußersten Parteien.
Die moralische Wirkung der Schwurgerichte.
Deutschland. Kassel (Die neuen Minister), — Lauterbach (Erstickung). — Bonn (Die Universität). — Altenburg (Douai und die freien Gemeinden). — Leipzig (Flucht). — Magdeburg (Eine Aeußerung des Minister Manteuffel). — Berlin (Vollpracht. Die Kommission beim Reichstag. Hr. Haffenpflug. Das Ministerium des königlichen Hauses. Nebertritt zum Judenthum. Fest für die Erfurter Abgeordneten). — Wien (Prozeßführung in 4 Sprachen. Ueberschwemmung mit russischen Orden. Telegraphische Depesche).
Schweiz. Zürich (Ausweisung).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Lombardei (Fürchterliche Begnadigung).
Dänemark. Ko p en h a g e n (Der König).
* Die äußersten Parteien
Die Ernennung eines Ministeriums Haffenpflug in Kurhessen kann uns durchaus nicht überraschen. Wir halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß bald genug in andern Ländern ähnliche Ministcrkombinalionen auflauchen werden. / Und wenn selbst in Berlin die Partei Gerlach-Stahl zuletzt doch noch den Sieg davon tragen würde, so wäre das gar nicht zu verwundern.
In dieser Partei herrscht nämlich Entschlossenheit und äußerste Konsequenz. Sie wühlt und wühlt, bis sie sich zur Herrschaft durchgewühlt hat. / Zeit und Gelegenheit ist günstig. 'Wer behauptet jetzt das Feld? Die Schwarzweißen, die Schwarzgelben, die Ultramontanen, die Demokraten. Auch bei scheinbarer Niederlage sind diese doch volle und ganze Parteien geblieben. Die Gemäßigten, Vermittelnden schweben stets zwi, schen Leben und Tod, wenn sie auch scheinbar einen Sieg er, rungen haben. In der Politik gehört nicht immer den Muthi, gen, wohl aber immer dem Rücksichtslosen die Welt. •
Die klassische Rücksichtslosigkeit der Kreuzzeitung muß bei der Masse unter den gegenwärtigen Konstellationen eben so gut ihre Früchte tragen, wie weiland die radikale Presse. Die konstitutionelle Publizistik schlägt höchstens bei den Gebildeten durch. Welche ungeheuere Fortschritte hat in den letzten Jahren der Katholizismus gemacht, weil er entschieden auf- trat, welche Rückschritte der Protestantismus, weil er indifferent blieb. Nur eine Fraktion der Protestanten hat gewon, nen, wiederum weil sie entschlossen vorandrang: die Orthodoxen und die sog. Pietisten. Es steht viel eher zu gewärtigen, daß die ganze protestantische Welt zum Altlutherthum zurückkehrt, als daß sie sich in „freie Gemeinden" auflös'te - Wir glauben auch, daß sich das Ministerium Hassenpflug länger halten wird als sein Vorgänger und bekennen daS offen, so sehr eS eine Trauerkunde unserer eigenen Partei ist. Die Welt ist noch nicht reif für Mäßigung und rohe Stoffe geben huben und drüben den Ausschlag. Darum kommt Bildung,' Maaß, abwägende Gerechtigkeit, innere Harmonie überall v- zu kurz. —
Die moralische Wirkung der Schwur- Gerichte.
So sehr das Institut der Schwurgerichte und zwar in Manchem wohl nicht ohne Grund, namentlich bei Aburthei- lung politischer Verbrecher, angefochten worden ist, seine mächtige moralische Wirkung läßt sich nicht verkennen. Das Gespenst der Oeffentlichkeit steht mahnend und drohend dem Menschen gegenüber, und hält ihn ab von Thaten, wozu ihn sonst leicht das böse Gelüste getrieben hätte. Hingestellt vor die Augen der Welt muß er Rechenschaft geben von dem, was er heimlich verübt, und was wohl auch für Viele ein Geheimniß geblieben wäre, wenn es nach altem Brauch im Dunkel der heimlichen Gerichtsbarkeit abgeurtheilt worden wäre. Aber jetzt 5 schleppt ihn die Nemesis unerbittlich vor die Schranken der I Oeffentlichkeit, schonungslos streift sie die papierne Hülle des Aktenverfahrens von ihm herunter und zeigt ihn in der nackten Blöße seiner verbrecherischen Thaten. Das ist es, was den Sünder mehr schreckt als jede andere Strafe, die sonst seinen Verbrechen drohte. Je höher die Stufe, die er auf der Leiter der Menschheit einnimmt, um so tiefer fühlt er sich herabgezerrt und der öffentlichen Schmach preisgegeben, und ch' er sich einer solchen Erniedrigung aussctzt, besinnt er sich wohl und unterläßt, was er trotz aller Strafen des früheren Gerichtsver- fahrens vielleicht begangen hätte. Diese moralische Wirkung allein muß uns mit dem Schwurgerichte aussöhnen, so mangelhaft es auch sonst noch seyn möge. Selbst die politischen Verbrecher, mögen sie vor dem Schwurgerichte frei ausgehen, sie sind dennoch gerichtet, die öffentliche Meinung richtet sie und der Triumph ihrer Freisprechung ist nur ein Purpurmantel der Schmach, der wohl die Wunden bedecken aber nicht heilen kann, die ihnen die Geisel der öffentlichen Meinung der unparteiischen Mitwelt geschlagen hat. (Darmfl. Z.)
Deutschland.
Mainz, 25. Febr. Heute wurde im Gemeinderath den Mitgliedern die ministerielle Verordnung vorgelegt, die Wahlen nach Erfurt zu veranlassen. Durch das Loos wurden die dazu zu Beauftragenden gezogen. Die Getroffenen lehnten aber ab, und 11 Mitglieder gaben die folgende Erklärung: „daß sie jede Betheiligung bei den Wahloperationen zum Erfurter Parlament als eine Verfassungsverletzung betrachten, demnach ebensowohl der vorbereitenden Schritte zur Bildung der Wahlkommission ic. sich enthalten, als auch, wenn das Loos sie zu dieser Kommission bestimmen sollte, jede Mitwirkung zu solchem gesetzwidrigen Beginnen verweigern würden." (M. Z.)
Kassel, 23. Febr. Minister Haffenpflug ist gestern Abend um 7 Uhr hier eingetroffen; um 9 Uhr hatte der Hr. Minister Audienz bei dem Kurfürsten. Heute Morgen 9 Uhr wurden die bisherigen Ministerialvorstânde zur Abschiedsaudienz ins kurfürstliche Palais entboten, begaben sich sodann ins Mi«