Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^L £7.

Sonntag den. Februar

1850.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großher^ogthums und KurfürstcnthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebiete« 8 fl. IO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« derg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Oie Kriegsbefürchtungen.

Deutschland. Mainz (Asstsen). Darmstadt (H. Kattmann. Die deutschkatholische Synode), Dresden (Interpellation). Leipzig (Sächsische Justiz unter Ueberwachuna). Berlin (Die dänische Thron­rede und die Nervenschwäche des Königs, Die Steuerverweigerer frei- gesprochen. Die Prinzessin Marianne. Die schweizer Jnterventionsfragc).

Wien (Der Kaiser. Telegraphische Depesche).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Amerika. San Franzisko (Brand).

* Die Kriegsbefürchtungen.

Eine diplomatische Verwickelung folgt der andern. Wir sind zwar seit langen Jahren daran gewöhnt worden, dergleichen Knoten nur auf friedlichem Wege entwirrt, oder auch unentwirrt bei Seite geworfen zu sehen. Allein man muß bekennen, ein so verworrenes Jntriguenstück, wie es jetzt von der Gesammt­heit der europäischen Staaten aufgeführt wird, ist auch in langen Jahren nicht dagewesen. So viele Mächte unseres Welttheils, so viele Keime eines Krieges, oder gar in run­der Summe der Keim eines Weltkrieges. Rußland und Eng­land und zwischen beiden als Zankapfel Griechenland die Türkei mit ihrer gefährlichen Flüchtlingserbschaft die Schweiz mit ihrer zweideutigen Neutralität Oesterreich und Preußen Deutschland und Dänemark und endlich Frank­reich, welches fast in jeder dieser Verwickelungen mit drein steckt! -

Es scheint fast wie eine naturgemäße und selbstverständ­liche Folge, daß, nachdem sich die inneren Kämpfe der Völ­ker ein wenig ausgetobt, nun auch der äußere Hader der Na­tionen gegen Nationen zum Ausbruch komme. Denn in diesen leidigenFragen" der äußeren Politik hat sich in den faulen Friedensjahren vor der Revolution gewiß ebenso viel ver­derblicher Zündstoff angchâuft, als in den inneren sozialen und politischen Zuständen der Völker. Dieser Zündstoff will brennen. Doch mag er immerhin leichter zu ersticken seyn, als der Kampf der einzelnen Schichten des Volkes und der Ge­sellschaft gegen einander.

An allen größeren Börsenplätzen Europa's, schreibt die Weserzeitung, ist in den letzten Tagen der Thermometer des öffentlichen Vertrauens um einige Grade gefallen; die Kourse der Staatspapiere und anderer öffentlicher Effekten haben eine starke rückgängige Bewegung gemacht, ohne daß mit Bestimmt­heit ein Grund für diese Erscheinung angegeben würde. Es ist mehr ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit, eine dunkle Ahnung, daß.etwas in der Luft stecken müsse", als eine aus­gesprochene Furcht vor einer klar erkannten Gefahr. Eine solche bange Spannung, welche die Gemüther peinigt, das Vertrauen erschüttert, die Industrie und den Handel lähmt, ist, wenn sie länger anhält, fast eben so schlimm wie die Ge- -' fahr selbst.

In einem längeren Artikel spricht sich die zu Berlin er# s scheinende Deutsche Reform über die Anforderung eines außer­

ordentlichen Kredits von Seiten des Preußischen Kriegsministers aus und kommt dabei auf die kritische Lage Europa's zu sprechen. Sie sagt:An Wolken übler oder wenigstens zwei­felhafter Vorbedeutung hat es in den letzten Wochen nicht ge­fehlt. Wir legen keiner der schwebenden Fragen an und für sich die Bedeutung eines unvermeidlichen oder nur wahrschein­lichen Kriegsfalls bei, aber jedenfalls zeigt die Lebhaftigkeit und Vielseitigkeit, mit welcher jetzt wieder die auswärtigen Fragen behandelt werden, daß die Angelegenheiten Europa's in ein neues Stadium getreten sind.

Wir sehen in dieser Beziehung verschiedene Gruppen diplomatischer Fragen und Konflikte vor uns; es scheint uns, daß dieselben von dreierlei Natur sind. Zunächst sind diejeni­gen Streitfragen zu lösen, welche auf dem Boden der deut­schen National-Bewegung enstanden sind." Die Re­form stellt diese Bewegung dar, als eine solche, welche neben der Revolution zum Ausbruch gekommen sey. Während Preu­ßen, heißt es weiter, zur Verwirklichung der Wünsche des deut­schen Volks einen Schritt weiter nach Deutschland hineingethan habe, sey Oesterreich durch die Gewalt seiner verwickelten in­nern Bedürfnisse dazu getrieben worden, faktisch einen Schritt aus Deutschland hinauSzuthun. Den Folgen dieser Nothwen­digkeit aber in Bezug auf seinen Einfluß in Deutschland wolle eS sich jetzt nach der Wiederherstellung der inneren Ruhe ent, ziehen. Oesterreich stelle sich deshalb schroff auf den Boden der alten Thatsachen, wiewohl derselbe durch die eigenen öster­reichischen Einrichtungen zu einem völligen unhaltbaren ge­worden sey. Daher die frü h eren Drohungen und die jetzigen ziemlich deutlichen Demonstrationen an Sachsens Grenze gegen das b evorstehende Erfur­ter Werk. So unverkennbar jedoch Oesterreichs Absichken bei diesen Demonstrationen seyn mögen, so halten wir doch für undenkbar, daß denselben ohne eine' ganz außeror­dentliche V e r a n l a f s u n g irgend eine Folge gegeben werde. Preußen wird sein Recht, innerhalb des weitern Bundes einen engern politischen Verband deutscher Staaten zu bilden, auf Grund der Stipulationen von 1815 sich durch keine Drohung verkümmern lassen, und Oesterreich scheint uns nicht in der Lage zu seyn, seine Vcrstimmnng über das Zustandekommen des engern Bundes anders als durch Demonstrationen zu äußern. .Die Erfurter Politik wird hoffentlich bei allem Ernst für den engeren Bundesstaat doch auch zur Befestigung des BandeS, welches alle Theilnehmer des alten StaatenbundeS auch fer­ner umschließen soll, das Ihrige beitragen; sie wird für die Einigung Deutschlands das Eine thun und das Andere nicht unterlassen. Oesterreich kann dabei noch immer eine ehren­volle und einflußreiche Stellung in Deutschland einnehmen, aber nimmermehr darf es beanspruchen, daß die eigentlich deutschen Interessen sich denen seiner gemischten Sonderstellung unterordnen.

Wir haben nach dieser Hindeutung auf die erste Gruppt der politischen Streitfragen nunmehr noch eine zweite und eine dritte in Kürze zzr betrachten; die eine umfaßt diejenigen Staa­ten, in welchen die Revolution noch nicht mit beruhigendem Erfolg bewältigt worden, die andere diejenigen, welche von der Revolution nicht berührt worden sind.