Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^U L6 Samstag den 23. Februar 1850.
Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prünume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzoqthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 2 fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der è. Schellers ierg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Zur Charakteristik der Wahlbewegung in Frankreich. Preußen und die auswärtige Politik.
Deutschland. Mainz (Asfisen). — Frankfurt (Der Prinz von
Preußen. Der Septemberprozeß. Die österreichischen Berfassungsvorschläge). — Aus Baden (Widerruf des Dr. Hirscher). — Von der würtem bergischen Gränze (Die hohenzollerschen Fürstenthümer).
— Dresden (Kammerbeschluß). — Berlin (Angebliche Protestnoten gegen den Erfurter Reichstag. Eine Urchristenversammlung). — Wien (Anekdoten von dem Könige von Preußen).
Schweiz. Bern (Der Bundesrath über die Jnterventionsgecüchte).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Ungarn. Pesth (Eine Adresse aus Jazygien).
* 3»r Charakteristik der Wahlbewegung in Frankreich.
Wenn wir sehen, wie Frankreich jetzt wieder durch die bc« vorstehenden Wahlen in eine fieberhafte Aufregung zu gerathen beginnt, wie die Hetzjagd der Parteien von Neuem losbricht, mit welcher zugleich alle Plane des Umsturzes zu verhüllen und zu fördern gesucht werden, dann kann Einen wohl ein kleiner Schauer erfassen über die Schwäche der schwanken Grundpfeiler, auf welche das ganze StaatSleben deS Frankreichs gebaut ist, wie eS aus der Februarrevolution hervorgegangen. Dieser Schauer aber wird zu einem tiefen moralischen Ekel, wenn man vollends sieht, mit welchen Hebeln die Wahlagitation in Gang gesetzt wird. Auch in Deutschland spielt auf beiden Seiten die im Verborgenen schleichende Niederträchtigkeit und Verderbniß gewiß keine kleine Rolle bei den politi, schen Krämpfen und Zuckungen dieser Tage, doch muß man zugestehcn, daß eine Wahlbewegung von der Art, wie sie jetzt in Frankreich beginnt, in Deutschland nicht möglich wäre.
Die demokratischen Wahlversammlungen in Paris hallen wider von unerschöpflichen Deklamationen, gemäßigt durch die unbequeme Anwesenheit eines Polizcikommiffärs; meistenteils setzen die Redner auseinander, daß alle Republikaner ihre Meinungsverschiedenheiten vergessen und wie ein Mann stimmen müssen, unbekümmert, ob die Wahl auf Sozialisten oder reine Demokraten fallen mag. Die Partei deS „National" sogar, welche sich durch ihre Theilnahme an der Kartätschenschlacht des Juni's 1848 einen unauslöschlichen Mäckel zugezogen hat, findet in den meisten Lokalen Gnade vor den Augen der Demokratie. Sie will eine Niederlage um jeden Preis vermeiden, sie zieht daher ihre Kreise so weit wie möglich, und ihre Pa- role ist jenes gewissenlose, freche Wort, welches Giradin in auszusprechen die (Stirn hatte: „Ich werde für jeden Kandidaten beS Demokratischen Zentralkomitcs stimmen, wenn er nur ein Gegner der Regierung ist!" In einigen Versammlungen wurde folgender charakteristischer Antrag gestellt : jeder Stadtkreis solle 15 Delegirte für die eigentlichen
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Wahlgeschäfte und 5 andere ernennen, welche jene beaufsichtigen und wachen sollten, daß sie nicht mit irgend einem reaktionären Blatte oder gar mit der Polizeipräfektur heimlich verkehrten. Der Antrag wurde abgelehnt, nicht aus Vertrauen zu der Tugend der Demokraten, sondern weil das Zentral- komite selbst einen Ausschuß einsetzen will, um diesen heiligen Spionirdienst wahrzunehmen. Die Frage ist nur, wer wieder diese Wächter bewachen soll; — Herr Carlier ist so schlau, und Demokraten sind am Ende doch auch nur Menschen!
Sobald die 15 Stadtbezirke ihre 210 Delegirten gewählt haben werden, wird dieses Konklave eine Liste für die Vorwahl aufstellen und über diese Liste abstimmen lassen. Von ihm hängt also Alles ab. Anfänglich wird man sich wahrscheinlich weidlich Herumbalgen, am Ende aber wird man doch alle Schattirungen der Opposition von Proudhon bis zu Armand Marrast auf die Liste zulassen. LouiS Blanc freilich predigt in seiner Londoner Zeitschrift „Le Nouveau Monde" den Wählern möglichste Erklusivität; er fürchtet einen zu rapiden Fortschritt, einen verfrühten Triumph des Sozialismus, weil alle ehrgeizigen und selbstsüchtigen Subjekte sich jetzt dieser Partei anschtießen, um ihre persönliche Zwecke zu verfolgen. Die Wähler sollen sich daher „vorwurfsfreie Candidaten" ausjuchen.
Von allen demokratischen Reunionen sind die außerhalb der Bannmeile die besuchtesten und belebtesten. Dort prägen sich die kommunistischen Tendenzen am schärfsten aus. In einer derselben fragte man den Vorsitzenden, welche Ansprüche er auf das Präsidium habe. Der Gefragte, ein Steinmetz in weißem Kittel, antwortete bescheiden: „Ich komme von Belle- Jsle, wo ich 18 Monate zugebracht habe." Und der Juni- Jnsurgent ward mit Akklamation auf seinem Ehrensitze bestätigt. —
Bedeutendes Aussehen macht eine Flugschrift des Bürgers Chenu, „Les ConspirateurS," ein neuer Beitrag zu den skandalösen Selbstbekenntnissen der Revolutionspartei, welche das verflossene Jahr in so reicher Fülle gebracht hat. Ein ehemaliger Hauptmann der Montagnards schildert in diesem Buche demokratische Orgien, deren unglaubliche Einzelheiten in ihrer Unfläthigkeit nicht weiter mittheilbar sind. Aerger und Geldgier haben diesen Indiskreten zu seinen Enthüllungen bewogen.
Preußen und die auswärtige Politik.
Ein Berliner Korrespondent der „Weser-Zeitung schreibt: Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es nothwendig, daß man eine sehr bestimmte politische Flagge aufzicht. In einem Augenblick, wo Millionen gefordert werden zur Rüstung deS Heereö, da muß das Kabinel bereits wissen, auf welcher Seite im äußersten Falle die heldenmüthigen Söhne Preußens kämpfen werden. In einem solchen Moment muß man entschieden wissen, waS man will und wie man es will. Man darf sich nicht treiben lassen durch die Verhältnisse, man muß den Ereignissen um einen Schritt voraneilen. Eine Regierung, die