Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 42. Dienstag den 19» Februar 1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige PrLnume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der tzandgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebieteS 8 fL iO fr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Eindrücke des 6. Februar.
Deutschland. Hadamar (Berathung über die Westerwälder Eisenbahn).
— Frankfurt (Der Prinz von Preußen). — Darm st adt (Die freien Gemeinden. Die Wirren zu Kirchbrombach). — Altenburg (Erzeß).
Münch en (Rüstungen, Eisenbahnanlage). — Be r lin (Eine Ansicht über die griechische Angelegenheit. Kammerbeschlüffe. Ein Diebstahl). — Wien (Entgegnung).
Schweiz. (Neuer Unfall auf dem Simplon).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Amerika. Neu-Dork (Brentano und Hecker).
* Eindrücke des 6 Februar.
Der Redaktion liegt nachfolgender Brief aus Berlin vor, welcher, von befreundeter Hand geschrieben, die denkwürdigen Vorgänge des 6. Februar in der Frische einer individuellen Auffassung wiederspiegelt, und darum trotz der vielen über den Beschwörungsakt bereits mitgetheilten Zeitungsberichte, der Sache doch eine neue und interessante Seite abgewinnt. Wir theilen diese Skizze in Folgendem mit.
„Berlins Physiognomie war im Allgemeinen durchaus indifferent. Ganz bezeichnend sagte mir ein mephistophelischer Freund: Berlin langweilt sich heute nicht einmal, — es verhält sich rein passiv! — So war es. — Mir, von meinem ärztlichen Standpunkte aus, erschien Berlin wie ein Kranker, der ein schweres Nervenfieber kaum eben erst überstanden hat — ja der noch nicht ganz vor allen Wechselfällen der Krankheit — vor allen Rückfällen — gesichert ist, den aber doch der Arzt kein Bedenken tragen darf, mit einigen guten Lehren versehen — sich selbst zu überlassen, d. h. ohne Medizin zu behandeln! — Wie ein solcher Kranker bei allen seinen Lebensverrichtungen daS Bild eines Erschöpften bietet — so Berlin! — Nur ein Konstabler — aber nicht einmal ein Gardeoffizier, denn der wird schon st i l l ertragen, kann Berlin gegenwärtig zu einigen gelegentlichen schwachen, blinden (terminus technicus) Nachdelirien bringen; Freude und Leid, Verdruß — ja selbst Langeweile, kann Berlin jetzt nicht aufbringen: alle seine politischen Lebensverrichtungen sind matt!
Nichts destoweniger bildete übrigens das heutige Ereigniß das natürliche Tagesgespräch, und Vorsicht (wie bekannt Geschwisterkind mit Feigheit!) oder Indifferenz ließ die Menschen leichthin, ohne bedenkliche Reflexionen das einfache Faktum berühren. — Das hat übrigens Alles nichts zu sagen, wenn man dem Kranken jetzt nur den rechten konftititutionellen, herzstärkenden Wein reicht, und ihm derbe „BeefsteakS"-Kost gestattet, dann wird er „die innere schaffende Gewalt" auch bald wieder in seinem Marke fühlen, und Blatt und Blüthe werden dann aus dem bedeutungsvollen Keime, der heute in die tief aufgewühlte preußische Erde gelegt ward, prächtig emporsproßen. Die Frucht freilich wird immerhin erst später reisen, allein der Alte in der Fabel lehrt ja, wie der Mensch Bäume
J
pflanzen soll, deren Früchte nicht er, sondern seine Kindeskinder pflücken! ES ist ein schönes menschliches Vorrecht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben zu können: Möge Preußen davon Gebrauch machen.
Der König hielt, wie die Deputirten einstimmig versichern, eine lange und schöne Rede, aus der Uebelwollende freilich ebenfalls wieder Gift saugen werden — allein was verwandelt sich im Leibe der Giftschlangen nicht in Gift? Auf Un* befangene machte die Rede des Königs einen entschieden günstigen Eindruck. — Am Eingang machte er einige Anspielungen auf die Huldigungsrede vom Jahre des Heiles 1840, and welcher jedoch zur größten Satisfaktion vieler aufrichtigen Freunde des Königs und des Königthums die fatale Erinnerung an jenes ominöse „Blatt Papier" wegblieb. Nur daS „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen" ward mit einigen obligaten Sentenzen gedacht. Dann kam die Aeußerung: „Ich habe keine verantwortlichen Minister" — und: „Preußen muß durch seinen König regiert werden." — — Es ist unvermeidlich, diese Worte werden vom verschiedenen Standpunkte der Parteien gedeutet, und vielfach mißdeutet werden: von dem rein menschlichen — priv â l-menschlichen Standpunkt, von dem sie billiger Weise auch aufgefaßt werden sollten, wird sie kaum Einers der vielen berufenen und unberufenen Kritiker, die sich darüber hermachen werden, auffassen. — Mir sagten mehrere Männer, die Ohrenzeugen waren unb auf deren gutes Urtheil ich mich verlassen kann, daß die angebeuteten Worte, sowie die ganze Rede, eben Nichts enthielt, als was wir Alle längst wissen: — daß es dem Könige sehr schwer wird, ans seiner persönlichen Königsivee und aus dem königlichen Gouvernement heraus, und in die konstitutionelle Königsidee und in das demokratische selfgovernement hiueinzukemmen. — Jener Aeußerung folgte übrigens der einfache und rückhaltslose Schwur auf die Verfassung. — Nachdem dann auch die Deputirten nach alphabetischer Ordnung geschworen hatten, gieng der König (der allein in Garde du corps Uniform war, während Alle Uebrigen im Frack, mit Ausnahme eines unglücklichen Landrathes aus der Eifel, der als Gespenst des vereinigten Landtags , in der damaligen Uniform cinhcrschritt) mit den Ministern in ein Nebenzimmer, die Deputirten unterhielten sich eine kurze Zeit, und dann schritt man zur Tafel. — Den ersten Trinkspruch brachte der König: „Meine Herren! daS Vaterland bringt den Männern, die das große Werk, an dem wir heute den Schlußstein legten, vollbrachten, seinen Dank dar, durch den Mund ihres Königs!" — dann: den Männern , die mich in den Tagen der Gefahr treu als Helfer und Rather umstanden. — Endlich etwas spät, wiewohl noch nicht „zu spät," sprach Auerswald (der Kammerpräsident) „den Dank des Volkes dem Könige durch den Mund seiner Vertreter!" — der König war sehr bewegt, umarmte und küßte Herrn Auerswald. Die Engländer werden darüber wieder ihre eigene Glossen machen, denn bekanntlich erscheint es ihnen im höchsten Grade anstößig, wenn zwei Männer sich küssen — und die Frau des englischen Gesandten war in der Diplomaten-Loge! — sie und die Frau des russischen Gesandten , die einzigen Frauen unter den, des beschränkten Ran*