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sich nicht zu einem vorzeitigen, also unfruchtbaren Schlage ver­leiten zu lassen. Die Führer der Propaganda suchen vielmehr auf dem langsameren, aber sicheren Wege der Verstärkung des Berges durch die Wah- len zu wirke n und richten schon jetzt ihr emsiges Augen­merk auf die Organisation von Wahlkomites für die bevor, stehenden Ergänzungswahlen.

Jedoch darf ich auch nicht verhehlen, daß in dieser Bezie­hung eine Spaltung innerhalb der Parteien herrscht, und daß ein Theil derselben für den Jahrestag der Februarrevolution eine öffentliche Demonstration der arbeitenden Klassen veran­staltet wissen will, an die man jedoch nur die Idee einer impo- nirenden Kundgebung der Gesinnung und Stimmung des Volkes, ohne Absicht auf eine eigentlich revolutionäre That knüpft. Die Gegner dieses Planes aber bekämpfen ihn, weil sie darin eine Provokation polizeilichen Einschreitens sehen und «inen Konflikt eben vermieden wissen wollen. In letzter In­stanz soll zwar diesen Zwiespalt das Komite der Bergreprä­sentation entscheiden; doch fürchte ich, daß die unablässigen Provokationen Seitens der Polizei schon früher eine blutige Entscheidung herbeiführen.

Ich fürchte dieß um so mehr, als ein großer Theil unserer Arbeiter wieder unbeschäftigt ist und zwar in Folge von Zuständen, welche auch im übrigen Frankreich zu allge­meiner Mißstimmung und Unzufriedenheit Anlaß geben. Denn wenn auch einige Bestellungen aus Aegypten und die zahl­reichen hiesigen Bälle und Vergnügungen einen Theil unserer Arbeiter in Luxusartikeln beschäftigen , so ist doch für eine größere und bedeutendere Anzahl Industriezweige ein Zustand der stagnirenden Ruhe eingetreten. Es hat dies seinen Haupt­grund in der Unthätigkeit des inneren Marktes , namentlich für Baumwollen-, Wollen- und Seidenwaaren; der inländi­sche Verbrauch derselben hat den Erwartungen der Fabrikan­ten und Großhändler bei Weitem nicht entsprochen und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, daß diese Waaren durch die Erhöhung der Preise der Rohstoffe um 25 pCt. theuerer ge­worden sind, während die fortwährend sehr geringen Preise aller Lebensmittel, landwirthschaftlichen Produkte, Weine rc. für fast 2 Drittel der Bevölkerung Frankreichs ein Ruin sind, und sie jedenfalls in die Unmöglichkeit versetzen, Käufer indu­strieller Produkte zu seyn.

Die Rückwirkung auf den des wohlfeilen Brodes sich freuenden Fabrikarbeiter bleibt natürlich nicht aus. Die Läden bleiben mit Waaren gefüllt, die Arbeiter werden aus der Fabrik entlassen und können auch das billige Brod nicht kaufen. So empfinden alle Klassen der Bevölkerung die nachtheiligen Fol­gen der jetzigen sozialen Einrichtungen täglich schlimmer und so häuft sich , bei der täglich zunehmenden Einsicht der arbei­tenden Klassen in die Ursachen ihres Elendes, der Groll in ihrer Brust; der Zündstoff zur vulkanischen Erplosion behufs der Vernichtung der jetzigen Gesellschafts-Zustände täglich mehr. Wer aber will den Moment bestimmen, wenn der Atlas des Pro­letariats die Geduld verliert und die schwere Welt des Elends von seinen Schultern abwirft? *) Wer will bestimmen, welcher Tropfen den Becher zum Ueberlaufen bringt, welcher Funke die Mine entzündet, von der die unterhöhlte Gesellschaft in die Luft gesprengt wird?"

DasDarmstädter Journal" fügt diesem Briefe hinzu: Schauderhaft, aber nur zu wahr! Viel aber könneu wir von unseren Gegnern lernen. Handeln wir mit demselben Eifer, derselben Beharrlichkeit für die gute und erle Sache der Menschheit, wie jene für den Umsturz aller geselligen Ordnung und Herbeiführung gräulicher Barbarei, und wir werden diese nicht mehr zu fürchten haben.

Deutschland.

K Wiesbaden, 16. Febr. Gestern Abend gab die hiesige Demokratie den Freigcsprochenen des Idsteiner Kongresses eine Abendunterhaltung in den Vier Jahreszeiten, wobei eS an den gehörigen Sprüchen und Reben und an einer großen und dank­baren Zuhörerschaar nicht fehlte. Von Köln befand sich ein Abgeordneter desArbeitervereines" hier, um den Korrektor Sch apper, ehemaligen Vizepräsidenten deS Kölner Arbeiter­vereines, zu beglückwünschen.

) Damit es nur noch schwerer, viel schwerer aus dasselbe zurückfâllt, wie die Revolutionen überall so klar bewiesen haben!

Der Deutschen Zeitung wird über den Prozeß der Jdstei, ner aus Wiesbaden vom 14. Febr. geschrieben: Mit der Replik des Staatsprokurators schlossen heute Abend 6^ Uhr die langen Verhandlungen des Idsteiner Landeskongresses; da die Vertheidiger auf weitere Erwiederungen verzichtet haben, so wird morgen daS Verdikt der Geschworenen dem Resume des Präsidenten schon in den Frühstunden folgen. Die Hal­tung der Anklage war bis zum Schlüsse äußerst gemäßigt, beinche versöhnlich zu nennen; sie entsprach dem System der Regierung, die, wie es scheint, durch Langmut!) und kluges Laviren dem besseren Theil der Demokratie den Rückweg zu erleichtern strebt. Auf dem engen Schauplatz eines kleinstaat­lichen Lebens, wo sich alle Persönlichkeiten so wohlbekannt gegenüberstehen und so oft und hart berühren, mag diese men­schenfreundliche Taktik im Allgemeinen die richtige seyn; heute mir, morgen dir. Nur aus dem Gesichtspunkte der Gerechtig­keit und der Würde öffentlicher Rechtspflege läßt jene Fami­liarität sehr viel zu wünschen übrig. Wenn man auch den Richtern bei der Neuheit des Verfahrens volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, ihrem Bestreben nach Unparteilichkeit, ihrem Fleiß und guten Willen die neuen Formen gegen die alten einzutauschen, so bleibt doch der Eindruck überwiegend, daß gegenüber der verwilderten, im Zuhörerraum versammelten Volksschichte , aus welcher auch die Geschworenen unver­kennbar entsprossen sind, jene höhere, Vertrauen zugleich und Ehrfurcht gebietende, Autorität der geweihten Gesetzlichkeit durch die hier hervortretenden Persönlichkeiten und werkeltâgi- gen Formen sehr ungenügend vertreten ist.

Die höchsten Interessen der Gesellschaft erscheinen hier in moralischer Inferiorität vor der brutalen ungeduldigen Masse, die den Schluß des fünften Aufzugö längst im Voraus weiß. Unter solchen Umständen findet der unbetheiligte Zuschauer in der ängstlichen Ueberwachung der Vertheidigungsargumente von Seiten des Präsidenten einen weniger beruhigenden Rück­halt für die öffentliche Ordnung, als in der untadelhaften Haltung der Landjäger, welche von Zeit zu Zeit aus den unruhigsten Gruppen einen räuspernden Kritiker herausheben und vor den Präsidenten führen. Das stärkste Beispiel gericht­licher Formlosigkeit kam heute Abend am Schlüsse der Ver­handlungen vor. Einer der Angeklagten erhob sich und nahm ganz selbständig das Wort zu einer Frage an den Präsiden­ten,ob, wenn alle Angeklagten und Vertheidiger auf die Duplik verzichteten, die Sache nicht noch heute Abend beendigt werden könne? sie seyen von dem langen Sitzen alle so müde, daß sie eS nun auch lieber in einem Stück abgethan hätten." Hierauf erhoben sich die Geschwornen wie auf ein willkom­menes Zeichen und sprachen wie mit einem Munde den­selben Wunsch aus. Der Präsident bemerkte, daß er, nach Ordnung seiner Papiere, allein zum Resume wohl 3/4 Stun­den werde nöthig haben, die Fragestellung doch erst vor allem eingesehen werden müßte und dgl. Der Angeklagte war hier­durch nicht befriedigt:O, wenn es nur % Stunden sind, die wollen wir ja gerne noch heute Abend aushalten." Schließ­lich blieb der Präsident doch glücklich bei seiner Meinung und vertagte auf morgen. Wie von vielen Seiten versichert wird, findet zwischen den Angeklagten, welche fast sämmtlich auf freien Füßen sich befinden und einem Theil der Geschwornen in den Gasthöfen ein fortdauernder Verkehr statt. DaS Grund­übel liegt in der Wahlart der Geschwornen, welche zu einer sehr ungünstigen Zeit gesetzlich geordnet wurde; das ganze Institut wird sich deßhalb durch schwere Proben durchkämpfen müssen und die wahren Freunde desselben haben einen schweren Stand und eine schwere Verpflichtung, in der Belehrung nicht zu ermüden und zu sorgen, daß das Volk an der Gerechtig­keit nicht irre werde.

Mainz, 14. Febr. (Darmst. Ztg.) Die Nachricht, daß der Vizegouverneur der hiesigen Festung nach Wien in daS Ministerium berufen wurde, hat hier Sensation erregt, noch mehr aber, daß er durch einen Gegenbefehl in seiner jetzigen Stellung belassen wurde. Unsere Demokraten hätten ihn lieber in Wien gesehen; seine Energie ist bekannt, und das Wort noch Manchem im Andenken, das er bei den Maierzessen hier einem bekannten Advokaten mit auf den Weg gab:er würde ihn hängen lassen, hätte er hier zu befehlen."

Wie der politische Enthusiasmus hier zu Grabe gegangen ist, das zeigte deutlich der Karneval, den nur die untersten Klassen auf den Gassen feierten. Politische Anspielungen, Blum's-Geschichten nach den Inspirationen deS Bamberger oder anderer Volksbeglücker und dergleichen kamen nicht vor;