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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^N O» Sonntag den 17 Februar 1S5O»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthnmS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämter« zu machen.

Uebersicht.

Die Pläne der Sozialisten.

Deutschland. Wiesbaden (Ein Fest für die Freigesprochenen. Szene aus dem Prozeß). Mainz (Der Gouverneur. Der Fasching). Homburg (Die Wintersäison. Das Spiel). Köln (Die Elber­felder Maiangeklagten). Berlin (Berichtigung. Brief des Prinzen von Preußen).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Rußland. Von der russischen Gränze (Die Uebertrittc zur grie­chischen Kirche und das Sektenwesen.

Die Plane der Sozialisten.

Um die Gefahren, welche die menschliche Gesellschaft und die Zivilisation bedrohen, ganz kennen zu lernen und ihnen kräf­tig entgegen wirken zu können, muß man von den Planen und den Umtrieben der Feinde der Staatsgesellschaft wohl unter­richtet seyn. Von Interesse ist es deßhalb auch, diese selbst spre­chen zu hören. Vernehmen wir darum einen Brief aus Pa­ris, welchen dieNeue Oder-Zeitung" veröffentlicht und der ein schlagendes Licht darauf wirft, wie man die Ar­beiter in inniger Verbindung zu den strafbarsten Zwecken er­hält und sie zu ihrem eignen Verderben durch unausführbare Irrlehren zu blenden und zu verführen weiß.

Meinem Versprechen gemäß", so lautet der fragliche Brief, und behufs der Nachahmung durch unsere Partei in Deutschland, theile ich Ihnen wenigstens einige Züge aus dem großen Bilde der hiesigen propagandistischen Thätigkeit der Sozialdemokratie mit. Unsere Partei hat hier, trotz der Niederlage der beiden Junimonate und trotz der Hemmnisse, immer noch eine festgegliederte Organisation, die von hier aus über daS ganze Land sich erstreckt. Ihre Hauptthätigkeit ist auf die Aufklärung der Geister, auf die Vorbereitungen zu einer besseren, reiferen Benutzung der un­ausbleiblichen neuen Revolution gerichtet. Die Presse und ihre Wirksamkeit ist es daher, die ihr zunächst am Herzen liegt und sie verwendet den bei weitem größten Theil ihrer intellektuellen wie materiellen Kräfte auf die Propaganda durch Journale und Broschüren. Die Geldmittel dazu fließen zum Theil auS den Taschen der Repräsentanten vom Berge, züm Theil werden sie durch Sammlungen unter den Arbeitern aufgebracht. Na, mentlich hat die Partei in neuester Zeit, wo die sozialdemo­kratischen Blätter Liberte, Reforme und TempS in Folge von Werurtheilungen zu Geldstrafen in ihren pekuniären Mitteln so schwer angegriffen wurden, daß sie ihr Erscheinen theils ganz einstellen, theils zeitweise unterbrechen mußten, zu einem dringenden Aufruf an die Arbeiter sich entschließen müssen. DaS Zentral-Komite der Arbeiter-Assoziationen hat diesen Aufruf unterzeichnet und fordert darin die Arbeiter zu Bei­trägen auf, selbst wenn sie nur 10 Centimes geben könnten. Die ganze arbeitende Welt und was mit ihr zusammenhängt, Fabrikarbeiter sowohl, als die Anhänger deö GesellenthumS,

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Mitglieder der Arbeiter.Assoziationen und Mitglieder der poli­tischen Vereine, kurz Alles, was zur Partei gehört, wird in Anspruch genommen und überall und immer, wo und wann Arbeiter zusammenkommen, wird gesammelt. Es ist wahrhaft rüh­rend und erhebend, den Eifer und die Bereitwilligkeit zu sehen, mit der selbst die Aermsten ihre Spende reichen und man braucht nur einige Male solchen Szenen beigewohnt zu haben, um in diesem trefflichen Geiste unserer aufopferungsfähigen Proleta- tarier ein kräftiges Stärkungsmittel gegen den Ekel und Ueberdruß zu finden, von dem man unwiderstehlich ergriffen wird, wenn man den Egoismus und die Erbärmlichkeit der überwiegenden sozial und politisch herrschenden Bevölkerungs­klassen ansehen muß.

Und diese reichlichen Spenden für die Presse der Partei sind zudem nicht die einzigen, weiche der Arbeiter darbringt. Es giebt in ganz Paris vielleicht nicht eine Werkstätte, in der nichts Listen behufs Unterstützung der durch den Gnadenakt deS Präsiventen von Belle-Jsle entlassenen Juni-Insurgenten zir- kuliren, und so wie fast kein Meister oder Fabrikherr den Muth hat, vas Umläufen dieser Listen zu verbieten (ein so großer Dorn im Auge ihnen auch diesesiegenven Geschla­genen" sinv) so giebt es fast auch keinen Arbeiter, der nicht auf Unkosten seines Vergnügens, ja oft sogar auf Ko­sten seiner eigenen Bedürfniß» und selbst mit einiger Beein- trächtigung seiner Familie, so reichlich als möglich znr Unter­stützung der Begnadigten beitrüge.

Unsere Arbeiter sind eben von der Ueberzeugung durchdrun­gen, die Ihrem Freiligrath seine herrlichen Verse über die Julikämpfer von Paris diktirte; unsere Arbeiter wissen, daß der Kampf um die soziale Gleichheit und Gerechtigkeit, dessen erstes Scharmützel die Juni-Jnsurrektion war, noch auszukämpfen ist, und wie sie die gefallenen Insurgentendes lorbeerreichsten Grabes werth" erachten, so halten sie es für ihre Pflicht, die Überlebenden jener viertägigen Heldenschlacht aus allen Kräf­ten zu unterstützen.

So leben denn die bei Weitem meisten dieser Begnadigten, als eine Art aufWartcgeld gesetz­ter und jeden Moment zum Losschlagen bereiter Insurrektions-Soldaten,*) vor den Barrieren von Paris, wo man sie in den Lokalen der vereinigten Köche häufig antrifft; sie sind gewissermaßen die Wächter und Hüter des revolutionären Feuers in der Brust der Arbeiter, die aus dem Anblicke und aus der Unterhaltung dieser Märtyrer der Sache deS Proletariats Muth und Kraft und Ausdauer schöpfen.

Es wird aber auch andrerseits von den Führern der Partei und namentlich von den Repräsentanten, wie diese selbst entschlossen sind, einem präsidentiellen Attentate auf die Natio­nalversammlung, daS man immer noch für möglich hält, ein ruhiges Verbleiben in dem Saale der Legislativen entgegenzu- setzen, so auch auf die Arbeiter dahin gewirkt, den Provo­kationen der Polizei und den Aufforderungen ihres eigenen Zornes eine gleich beharrliche Geduld entgegenzustellen, und

) Also das sind die Früchte der Amnestie!!