Allgemeine
Nassauische
Zeitung.
Jü LV Samstag den LV Februar L8SV
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags.— Der vierteljährige Prânume« rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzoqthumS und KurfürstenthumS Hessen, der dandgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch elleu- )erg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachricht.
Nichtamtlicher Theil.
DieAburtheilung politischer Vergehen durch Schwurgerichte. Deutschland. Frankfurt (Telegraphische Depesche aus Berlin). — Karlsruhe (Verlängerung des Kriegszustandes).— Stuttgart (Dingelstädt. Stimmen gegen das preußische Bündniß. Die letzten Karlsschüler). — Berlin (Der Eid der Staatsbeamten. Die Pariser Symptome. Organisation der Demokratie. Amnestie in Aussicht. Neue Waffe bei den Füsilieren). — Wien (Vermischtes. Windisch-Grätz. Mordthat in Klausenburg).
Siebenbürgen. (Kriegslist eines vsterreischen Kommandanten).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Kapital-Anhäufung), Nachschrift.
Amtlicher Theil.
Am 2. Februar ist der Lehrgehülfe Hain in Westerburg mit Tod abgegangen.
Nichtamtlicher Theil.
* Die Aburtheilung politischer Vergehen durch Schwurgerichte.
II.
Indem wir an das gestern Gesagte anknüpfen, müssen wir noch auf einen weiteren Grund gegen die Aburtheilung politischer Vergehen durch Schwurgerichte zurückkommen, der uns durch einen Vorgang des gestrigen Abends an die Hand gegeben ist. Nicht genug nämlich, daß die Verhandlungen über den Idsteiner Kongreß bereits vor einigen Tagen einmal unterbrochen werden mußten, weil die Zuhörerschaft ungezogener Weise durch Scharren und Husten ihr unbefugtes Votum über den Gang des Prozesses zu erkennen gab. Gestern Abend nahm sich sogar eine große Menschenmenge vor dem Assi- sengebäude heraus, den Angeklagten Schapper, da er in's Kriminalgefängniß zurückgebracht werden sollte, mit einem donnernden Hoch zu empfangen. Solche Demonstrationen find nichts weiter, als der plumpe Versuch einer Einschüchterung der Geschworenen, und wir beklagen es im Interesse des Schwurgerichtsverfahrens, daß der Assisen-Präsident and bie, Polizeibehörde nicht mit schärferen Mitteln gegen die Störer des Gerichtes vorgeschritten sind. ES wird über Niemand leugnen, daß der wissenschaftlich Gebildete durch solche Demonstrationen sich weniger beirren läßt, als
der schlichte Bürgers- und Bauersmann. Es gehört ein gewisser Aristokratismus des Geistes dazu, um überzeugt zu seyn, daß die Masse als solche immer unvernünftig ist und nur etwa durch einen genialen Führer das Werkzeug genialer Thaten werden kann. Es fordert selbst eine nicht gar häufige Freiheit deS geistigen Blickes, um einzusehen, daß nicht jedes Gassenbuben Stimme des Volkes Stimme ist.
;34 will, daß die Aristokratie der Intelligenz im Staate herrschen und richten soll; damit aber steht die Abur, (Heilung politischer Vergehen durch Geschworene im direkten Widerspruch. Der Staatsmann wird sich nicht anmaßen, den Acker bauen oder ein Handwerk treiben zu können, ebensowenig halte ich aber auch den Bauern, den Handwerksmann für ge- nügend unterrichtet, um in staatsrechtlichen Fragen zu entscheiden. Das Geschwornenamt ist ein hohes Ehrenamt, welches ein glänzendes Vertrauen der Mitbürger voraussetzt, aber deßwegen kommt mit der Erwählung dazu doch noch nicht der heilige Geist über den Gewählten, daß er nun plötzlich alles Das wüßte, waS er vorher nicht gewußt hat.
Andererseits ist es aber auch der Idee eines politischen Prozesses zuwiderlaufend, daß Staatsbeamte so wie eS früher geschehen, denselben führen.
Man könnte sagen, ein vornehmlich auf das Prinzip der Kapazitäten gebauter WahlmoduS müsse abhelfen. Allein wer sind denn die „Kapazitäten", wie findet man sie? Wenn man etwa den blos für eine „Kapazität" erklärt, der den Doktor- Hut trägt, oder ein Staatseramen bestanden hat, dann wür, den viele der größten Geister der deutschen Nation keine Kapazitäten gewesen seyn , und für die Forderung, daß in politi, scheu Prozessen staatswissenschaftlich gebildete Männer entscheiden sollen, wäre obendrein gar nichts gewonnen. Man würde sogar noch viel schlimmer fahren, als gegenwärtig; man würde den politischen Dilettantismus, der bei studirten Leuten bei weitem widerwärtiger und rechthaberischer ist als bei unstudirten, förmlich autorisiren.
(Es bleibt also gar nichts weiteres übrig, als einen Staatsgerichtshof zu bilden, in welchem staatsre ch tS geleh rte, in ihrer Stellung unabhängige Richter auf den Geschwörenenbänken sitzen, die der Staat nach Maßgabe ihrer wissenschaftlichen Befähigung ein« für allemal ernennt. Oeffentlichkeit, Mündlichkeit, wie alle übrigen Eigenschaften des Schwurgerichtes müßten dann auch diesem Gerichtshöfe vindizirt werden, der sich bei politischen Vergehen in eben dem Maße zur allgemeinen Zufriedenheit bewähren würde, wie die gegenwärtige Einrichtung unserer Geschworenen bei gemeinen Verbrechen.
Deutschland.
Frankfurt, 14. Febr. (Fr. Bl.) Berlin, 14. Febr., Vormittags 9 Uhr. Zweite Kammer in der Abendsitzung die Einverleibung PosenS beschlossen. Anträge, welche die Zerstückelung der Provinz zur Bedingung machen, wurden verworfen. Gegen die Einverleibung sprach nie* mand.