Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^L SS. Montag den 11» Februar 1850»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Deutschland. Wiesbaden (Das Ungewohnte konstitutioneller Zustände.
Berichtigung). — Mannheim (Glücksfall). — Erfurt (Das Parlamentsgebäude). — Oldenburg (Verwarnung der Hofdienerschaft). —
Wien (Telegraphische Depesche aus Triest).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (Prinz Joui»ille).
Z e i t n n g s sch a u.
Wir lesen in der Allgemeinen Zeitung: Die beiden mini* steriellen Organe die „Oesterrcichische Reichszeitung" wie der „Correspondent" enthalten sich jedweden Urtheils über die Vor- gânge in Griechenland, sie beschränken sich einfach darauf nach dem „Osservatore Triestino" die bekannten Thatsachen ihren Lesern niitzutheilen, und die „Austria" nimmt nur insoweit Akt davon, als sie die feste Haltung der Börse diesem Kano- nenschusse gegenüber anzcigt, der wieder alles Pulver Europa'S zu entzünden droht. „Lloyd" und „Ostdeutsche Post" verfehlen dagegen nicht die Heldenthat deS Admiral Parker in den sala- minischen Gewässern in ihrer ganzen Nacktheit darzustellen. Mußte eS doch auch ein Parker seyn, der 1807 vor Kopenhagen der britischen Flagge einen Schmutzflecken einfügte, welcher in aller Ewigkeit nicht zu einer Sonne zu werden ver- mag. Die kontinentale Presse kann jetzt ihrer Kollegin jenseits des Kanals alle jene moralischen Reden mit dem besten Rechte wieder zu verschlucken geben, in welchen in den letzten Jahren die britischen Fabrikate bei uns importirt wurden. Wir wol- len diese neue Thatsache in dem großen Register aufnotiren, daS Büsch über die Erzesse der englischen Marine mit Admi- ralitätSgerichte geführt hat; Admiral ParkerS Platz ist unmittelbar neben Morriet, dem bekannten Richter am Anfang un- serS Jahrhunderts. Und dieses England sollte über den recht- lichen Besitz der „Gefion" entscheiden!
Demokratische Gründlichkeit. Die „Westdeutsche Zeitung" sagt über dieselbe in ihrem Leitartikel vom 5. Febr.: »Man schmeichelt unS mit der Eigenschaft der Gründlichkeit; möchten wir dieser Eigenschaft keine Schande machen. Unsere Feinde wenden jedes Mittel gegen unS an, sie suchen die Demokratie gründlich zu vernichten, und wir sollten nicht Gleiches mit Gleichem vergelten? Wenn wir daS nicht wollen, dürfen wir nicht um die politische Herrschaft kämpfen, welche mit christ- liefen Phrasen wahrlich nicht herbeigezaubert wird. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Wer unS verfolgte, muß für jede seiner Handlungen büßen; jedes richterliche Urtheil muß seine Strafe finden. Denn unsere heutigen Richter sind unsere politischen Feinde, unsere Henker, die Satelliten der bestehenden Ordnung. Dann wird euch euer Zahmthun, eure plötzliche Sanftmuth nichts helfen; ihr seyd die Wölfe in Schafskleidern, so gut wie die geistlichen Hirten."
Der „Napoleon" äußert sich über die neuesten Nachrichten auS Griechenland: „Wir sind geneigt zu glauben, daß der englische Gesandte zu Athen seine Instruktionen überschritten hat; denn wir würden nicht begreifen können, daß die Regierung von Großbritannien die französische Regierung von den ergriffenen gewaltsamen Maßregeln nicht im Voraus in Kenntniß gesetzt haben sollte, besonders nach dem „imposanten Einvernehmen," das (in den Mißhelligkeiten zwischen Rußland und Oesterreich und der Türkei wegen der Flüchtlingsfrage) durch das gleichzeitige Erscheinen der englischen und der französischen Flotte im Orient an den Tag gelegt wurde." DaS Ganze beweist weiter nichts, als daß Frankreich wieder einmal, wie schon so oft, von England an der Nase herumgeführt worden ist.
Deutschland.
(T) Wiesbaden, im Febr. In allen Staaten, wo die Volksvertretung zu einer wohlverstandenen Wahrheit geworden, müssen die, welchen man die höhere Leitung der Verwaltung anvertraut, von der öffentlichen Meinung getragen werden. Wer daS Schmeichelhafte und Ehrenvolle eines hohen Postens erstrebt, wird eS deßhalb nie umgehen können, sich zuerst der öffentlichen Beurtheilung zu unterwerfen, die, wenn günstig, ihn unfehlbar über seine Mitbewerber den Sieg davon tragen läßt. Daß dieser Weg oft ein höchst beschwerlicher ist, haben Englands und Nordamerikas Staatsmänner seit langer Zeit in Erfahrung gebracht, nichtsdestoweniger haben sich alle diese hineingefügt. Denn im Grunde ist eS leichter für einen Mann von Geist und Herz, das Vertrauen der großen Mehrzahl zu gewinnen, als dem Volke das Zutrauen und die Achtung für eine bestimmte Persönlichkeit aufzuoktroyi- ren. Gerade darin besteht einer der Hauptunterschiede zwischen der neuen konstitutionellen und der alten bureaukratischen StaatSeinrichtung.
Dieses sollen ja alle Diejenigen beherzigen, welche sich noch nicht in den unvermeidlichen Uebergang unseres früheren staatlichen Lebens zur konstitutionellen Form hinein finden können, obschon eS ganz verzeihlich und natürlich ist, daß alte, ererbte, behagliche Gewohnheiten sich nicht plötzlich durch den Aufschwung einer kurzen Begeisterung abstreifen lassen. Die Menschen bleiben überall Menschen, und der Spruch: „heiliger St. Florian, bewahr' mein HauS, zünd' andre an," hat in der allerneuesten Zeit durch unsere Patrioten vielfache Nutzanwendung gefunden.
Es gibt eine große Anzahl von Vaterlandsfreunden, welche Deutschlands Macht und Einheit und Gott weiß noch waS alles von ganzem Herzen wünschen, aber alle damit verbundenen Mühen und Entbehrungen gerne Anderen überlassen, — welche für das Wohl Aller schwärmen, aber von der eigenen Sonberbehaglichkeit nicht daS Geringste vermissen wollen, — welche ein öffentliches Leben Hochanpreisen, aber selber wie ein Kräutchen „rühr mich nicht an" von der öffentlichen Meinung nicht berührt zu werden verlangen.
Solche Gedanken mußten den unbefangenen Beobachter bei den Zorneöausbrüchen unwillkührlich überkommen, welche