Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jli LL. Samstag den 9. Februar 1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume« rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fL 10 fr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellender g' schon Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Revolutionsgerüchte.
Wie weit geht das Recht der Vertheidigung?
Wahlen in das Erfurter Volkshaus.
Deutschland. Wiesbaden (Rückkehr des Herzogs. Assisen. Für die
Wafferbeschâdigten. — Lorch (Die Uebcrschwemmung). — Frankfurt
(Die preußische Verfassung beschworen). — Köln (Die Unruhen in Paris. Die hohe Fluth). — Berlin (Steuerverweigerungsprozeß. Das Ministerium. Der Maler Bürde. Die Bordelle). — Hamburg (Aus der Thronrede des Königs von Dänemark). — Wien (Fürst Metternich).
Niederlande. (Die Negeremanzipation).
* Revolutionsgerüchte.
Schon seit längerer Zeit laufen wieder Gerüchte von einer bevorstehenden Erhebung in Frankreich und der Schweiz um. Man liest von neuen Juvasionsprojekten der in's Ausland versprengten Flüchtlingsschaar des vorigen Jahres, und wenn man bedenkt, daß Hunger und Verzweiflung zwei gar gewaltige Triebkräfte sind, gegen welche die Lehren weder der Erfahrung noch des Verstandes etwas ausrichten, dann mag man diese Projekte immerhin wahrscheinlich finden. Aber zu glauben, daß Männer wie Struve, wie Heinzen oder auch nur wie Raveaur, jetzt vom Auslande her eine neue Revolution in Deutschland anfachen könnten, das wird man keinem Vernünftigen zumuthen. Eine Revolution, wenn sie gelingen soll, muß. aus der Mitte des Volkes, unv zwar aus dem Kreise seiner! besten und intelligentesten Bürger hervorgehen, die Massen machens keine Revolution, sie geben ihr nur den Nachdruck, auch ban-s kerotte Demagogen /haben noch niemals eine Revolution gemacht, sie habest immer erst da ihre Ernte gehalten, wo eine revolutionäre Äffflöfung der staatlichen Verhältnisse bereits von anderer Seite her durchgeführt war.
Trotzdem aber sucht man, von einer gewissen Seite her die Gemüther in Spannung zu setzen, sie recht leichtgläubig zu machen und in der steten Erwartung revolutionärer Aus- brüche zu halten. Es geschieht ganz besonders auch von jener verächtlichen Heuchler-Partei, welche heute mit der Revolution liebäugelt und morgen für ruhige Bürger gelten will, welche, mag der Ausgang fallen, wie er.fällt, immer möglich bleiben möchte. . " .
So beutete man einen nichtssagenden Straßencravall, der in Paris am 4. Febr. stattfand, sofort in der Weise aus, daß man ihn gchcimnißvoll als den Beginn einer neuen Revolution hinstellte. Telegrahische Depesche — Unruhen ausgebrochen — General Lamoriciere über die Dächer geflüchtet — Große Aufregung — Daö Militär aufmarschirt — Die Ruhe scheint hergestellt — Mancher ungeduldige Demokrat sah gestern ohne Zweifel schon das tausendjährige Reich der demokratischen und sozialen Republik angebrochen und alle Reaktionäre „über die Dächer geflüchtet."
Die eben eintreffenden Pariser Blätter vom 5. Febr. bringen uns nun die Enthüllung des telegraphischen Mysteriums. Es ist am 4. Febr. wirklich und wahrhaftig nichts weiter vorgefallen , als ein Straßenkrawall, der ganz vereinzelt sich auf einen Punkt von Paris beschränkte. Auf dem Martinsplatze hatte sich eine Zusammenrottung gebildet, um das Umhauen eines Freiheitsbaumes zu verhindern. Indem die Polizeimann- schast sich bemühte, die Menge zu zerstreuen, geschah eS, daß ein Mann aus der Masse verwundet wurde. Hierauf trieb die Polizeimannschaft den Haufen auseinander und die Ruhe wurde am Abend und die Nacht auch nicht weiter gestört. Der General Lamoriciere befand sich auf dem Platze des Krawalls, wo er von der Menge allerdings nicht mit Schmeicheleien sondern mit Drohrufen begrüßt wurde und es daher gerathen hielt, sich vor dem Andrang in ein Lesekabinet zurückzuziehen. Da die drohende Stellung der Massen gegen ihn, den einzelnen Mann wuchs, so entfernte er sich durch einen geheimen Ausgang und verfügte sich in den Sitzungssaal der Nationalversammlung, wo er fein bestandenes Abenteuer erzählte.
Dies ist der einfache Hergang der in Paris „auSgebro- chenen Revolution."
*** Wie weit geht das Recht der Vertheidigung?
Wiesbaden, 8. Febr. Ueber diese Frage herrschen bei uns noch viele, die Begriffe von Recht und Gesetz verwirrende und dem Institut der Schwurgerichte zum großen Nachtheile gereichende Meinungen. Es dürfte zur Berichtigung der ver, kehrten Ansichten und zum Nutzen der Jury beitragen, die Aussprüche des berühmten französischen Juristen La cu i sine über die vorliegende Frage zu vernehmen. Wir theilen sie den Lesern dieser Zeitung in der von Schweidler gelieferten freien Uebersetzung mit und erinneren bei dieser Gelegenheit an unsere frühere Mittheilung in diesen Blättern darüber: wie der Gerichtsshof zu Versailles diese Frage kürzlich praktisch und gut zu lösen verstanden hast
Man muß — sagt Lacuisine — zwischen den Verirrungen der Vertheidigung in Bezug auf die thätsächlichsten Momente und ihre Eingriffe auf dem juristischen Gebiete, einen Unter* schied'gelten lassen. In ersterer Beziehung findet sich ein An- HÄtöpunkt in der Vorschrift, welche derart. 319 Code d’ instr. crim. als Regel aufstcllt und a fortiori auf die Diskussion Anwendung findet. Gleichwie cS also bei der mündlichen Untersuchung dem Angeklagten oder dessen Vertheidiger gestattet ist, sowohl gegen die Person des Zeugen, als gegen seine Aussage Alles anzugeben, was zur Vertheidigung nützlich seyn kann, eben so und mit noch stärkerem Rechte werden die Genannten sich dieses Befugnisses in der Diskussion in vollem Maße bedienen dürfen. Der Grund hiervon liegt darin, weil der Präsident nicht dulden könnte, daß der Vertheidiger durch zwischen die Zeugenaussagen eingeschobene Vertheidigungsreden,