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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 32»

Donnerstag den 7. Februar

1850»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­der gaschen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Europa und das Gcrmanenthum.

Deutschland. Wiesbaden (Asstsen. Die Polemik gegen Vollpracht).

EmS (Die Schullehrer).Mainz (Ueberschwemmung).Stutt­gart (Ueberschwemmung). Regensburg (Doppelehe), Ei se - nach (Die Herzogin von Orleans und die orleanistischen Pläne). Ans Mecklenburg (Drohung). Berlin (Der Nachfolger Schadows. Vermischtes. Kämpfe zwischen dem König und dem Ministerium). Rosenberg (Industrie der Arrestanten). Wien (Vermischtes).

Dänemark. Kopenhagen (Das Begräbniß Oehlenschlâgers).

Großbritannien. London (Die Thronrede).

Nachschrift.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Europa und das Germanenthum.

VI.

0* Vom 31, Januar. Diplomaten werden in Allem, waS wir bisher verbrachten, und noch mehr in unseren Folge­rungen nur ideologische Träume finden, deren AuSgang sie durch Bajonette, die ratio ultima reguin , am leichtesten hin­dern zu können vermeinen; aber man lauscht sich, stärker ist die Natur: sie höhlet, wie der Regen, durch allmähliges Tro­pfen das harte Gestein künstlicher Verhältnisse. Und die Ge­schichte ist der Doppelspiegel, worin man Vergangenheit und Zukunft gegenüber siehet, wenn man nur auf ihre Zeichen sich versteht.

In näherer oder weiterer Ferne der Zeit stehet dasGer­manenthum" wie durch Sprach- und Volks-Geist unbewußt innerlich verbündet, so auch äußerlich vom höchsten Norden bis zum tiefsten Süden in der Mitte Europa's bewußt gerüstet zwischenNomanenthum" undSlaventhum", wenn alle Glieder ihren Zusammenhang werden erkannt haben, und wenn das Heilsame solcher Einigung durch äußere Noth ihnen wird aufgedrungen worden seyn. Skandinavien, Deutsch­land und Oesterreich werden die drei Hauptmächte und Hauptträger des Germanenlhums seyn, wie sie schon jetzt als solche mit unverkennbarem Gepräge sich darstellcn. Jede dieser Mächte wird in sich und für sich ein geschloffenes Ganzes bil­den; aber alle drei wird eine gemeinsame weitere Union zu Schutz und Trutz gegen Osten und Westen stärken und so das Gleichgewicht Europa's feststellen. England wird, wenn auch als überseeische Macht den Dreizack weiter haltend, nicht umhin können, diesem Bündnisse, als national urverwandt, beizutreten. Nordamerika's vereinigte Staalen haben ihre germanische Abkunft noch nie verläugnet, und die Unerschöpf­lichkeit ihrer inneren HülfSguellen läßt eigentliche Eroberungs­gelüste gar nicht aufkommen, am wenigsten in Europa, wenn auch Trennungsgclüste der südlichen Staaten aus dem großen Verbände wiederholt auftauchen und im Laufe der Zeit sich ver­wirklichen sollten.

So würde dasGermanenthum" inEuropa" über Krieg und Frieden gebieten, aber zur Zivilisation seines großen Be­reiches vom Norden bis zum Süden auf lange Jahrhunderte hinaus ein würdiges Ziel haben, besonders wenn Oesterreich

fortan seine Hauptaufmerksamkeit dem eigenen Süden zu- wendete.

Wir meinen nun zwar nicht, daß schon heute und mor­gen alle Bajonette in Frucht-Sicheln und alle Kanonen in Kirchenglocken sich verwandeln werden; wir gedenken auch kein bald verwehetes Programm zum ewigen Weltfrieden als schwacher Herold auszurufen: aber dieseufzende Kreatur" der Menschheit verlangt in allen Zonen nach Ruhe, um den Zweck ihres Daseins, der nicht allein in Kampf besteht, ord, nen und erfüllen zu können, nachden Gaben," die verliehen sindin allerlei Volk." Die deutsche Nation namentlich ist eS müde, anderen Interessen zu dienen und die des eigenen Ganzen kaum dem Namen nach erscheinen zu sehen; Deutsch­land will endlich eineGeschichte" haben, welche Hr. v. Schmerling, und von seinem Standpunkte nicht mit Unrecht, ihm absprach.

Wir denken uns die drei genannten germanischen StaatS- körper nicht etwa zu einem einzigen Bundesstaate unter ein­heitlicher Führung, etwa gar Oesterreichs , eng verbunden, wie jetzt wieder die Möglichkeit einer Aufnahme aller Theile der österreichischen Monarchie, selbst der italienischen in den alten deutschen Bund in gewissen Kreisen als bevorstehend und alS heilsam besprochen wird. Wir haben zu große'Begriffe von der klimatischen und agrarischen Verschiedenheit, und dar­auf unabweislich gebaucter rechtlicher und geselliger Formen deS ganzen und bürgerlichen Verkehrs im äußersten Norden und im äußersten Süden, um allen Theilen eine nicht natur­wüchsige kahle Uniformität zu wünschen oder aufzudringen, oder auch nur für möglich zu halten. Vielmehr muß die freieste Entwickelung aller Standesverschiedenheiten in Leben, Kunst und Wissenschaft theils zu edlem Wetteifer führen, theils zur Darstellung des Wesens deutscher Nation in ihrer reichen und stufenweisen Mannigfaltigkeit, nur unbeschadet des Gan­zen in seinen Hauptrichtungen.

Darum würde jeder der genannten drei großen germani­schen Staalskörper in sich seine engere Einheit haben, und mit den beiden übrigen nur in einem weiteren nationalen Bunde stehen können. Der mittlere Theil würde das eigentliche Herz Deutschland's bilden, wie er eS bisher gewesen ist, als neuer Bundesstaat unter Preußen's Vortritt und mit konstitutionellen Formen, wie sie die Neuzeit fordert, und gewissermaßen auch schon die älteste Urzeit gewährte, nur unter andern Formen.

DieS ist kein jugendlicher Traumder Zukunft," wie unS jetzt vom Grafen Fr. v. Stollberg poetische Bruchstücke eines solchen aus dessen ungedrucktem literarischen Nachlaffe gebracht worden. ES ist auch nicht die gutmüthige oder müßige Phantasie eines einzelnen Beobachters, welcher, deS unruhigen und verworrenen Treibens der Vergangenheit und der Gegen­wart müde, nach Ruhe um jeden Preis sich sehnt; sondern vielmehr das genügsame und endliche Ergebniß der verschieden­artigsten Arbeiten unserer größten Denker, Sprachforscher und Geschichtskenner, nur zusammengedrängt in einen engen Rah­men, als Bild der Zukunft des deutschen Volkes, wenn die trüben Gewässer aller Sturmfluthen dermaleinst werden abge­laufen seyn und ihr entsprechendes ruhiges Bette gesunder» haben. (Schluß folgt.)