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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

Sonntag den 3. Februar

ISSOt

Zweite Ausgabe.

Uebersicht.

Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.

Deutschland. Aus dem Amte Hochheim (Die Blattern). Renne­rod (Wahl). Berlin (Vermischtes).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Ungarn. Pesth (Die Hinrichtungen).

Sprechsaal für Stadt und Land.

Die deutschen Ostfeeprovinzen Rußlands»

(Schluß.)

Wen mag es wundern, daß unter solchen Verhältnissen zuweilen ein wildes Rachegefühl zum Ausbruche kam, obschon es den Letten und Esthen an geistiger wie physischer Kraft gebricht. So erhoben sich z. B. vor etlichen fünfzig Jahren die Geknechteten, und einer ihrer Anführer erklärte: Recht- mäßige Herren sind nicht die Edelleute, sondern die im Him­mel und in Petersburg. Die übrigen verdienten, daß man sie mit Keulen todtschlägt, und am Wege von Hunden auf­fressen läßt.

Allerdings sind in den letzten Jahrzehnten die Zustände besser geworden; Leibeigenschaft und Menschenverkauf haben aufgehört, aber noch immer trennt eine weite Kluft den Bauer vom Edelmann, dem er zinspflichtig ist. Hat man es doch für einegefährliche und chimärische Neuerung" erklärt, als Baron Schoulz auf Ascheraden auch dem Bauer Menschenrechte zusprach!

Und zum Unglück hatte der Bauer nicht einmal an seinem Prediger eine Stütze; er war rathloS im Himmel wie auf Erden. Denn der Geistliche hing und hängt doch meist vom Gutsherrn ab, und geht gewöhnlich mit demselben Hand in Hand. Jedes Pastorat war ein Gut, das ganz so wie der Edelhof feine Leibeignen hatte. Der Prediger warKirchen­herr, oder gnädiger Kirchenherr," viele Geistliche machten sich derselben Bedrückungen schuldig wie der Adel, und um den Jugendunterricht kümmerten sich die wenigsten, während sie die Abgaben mit aller Strenge eintrieben. Begreiflicherweise konnte von Vertrauen zu solchen Seelsorgern, die gar keine waren, nicht die Rede seyn, und wenn in der letzten Zeit sich auch in dieser Beziehung Manches günstiger gestaltet, so ist beim Bauer doch die alte Abneigung und das seit Jahrhunderten überkommene Mißtrauen geblieben. Hat sich doch auch noch Manches vom Heidenthume erhalten in diesem Lande, in wel­chem die Eroberer zugleich das Land, den Leib und die Seele nahmen.

Was die Bauern an Erleichterungen jetzt haben, das ver­danken sie den Russen, welche dafür als Gegenlohn Lämmer in die Hürde ihrer Kirche treiben. Bekanntlich duldet der Kaiser-Papst an der Newa nicht, daß ein Bekenner seiner Kirche zu einer andern übertrete: Auch muß Jeder, der lutherisch, katholisch 2c. ist, und seine Religion wechseln will, zur russi­schen Kirche übertreten. Wer einmal, gleichviel wo und unter

welchen Umständen, das Abendmahl aus den Händen eines Popen genommen hat, wird ohne weiteres als Mitglied der russischen Kirche betrachtet. Alle Kinder aus Mischehen mit Russen müssen der Kirche des Czars angehören. So sind schon viele deutsche Adelsfamilien russisch geworden. Rußlanv begeht auch in kirchlicher Hinsicht einen Wortbruch, da der Nystavter Friede ihm ausdrücklich verbietet, seine orientalische Kirche in den Ostseeprovinzen einzuführen. ES hat einen Bischof zu Riga eingesetzt, und ruhig gestattet, daß nun wohl schon an 100,000 Eingeborne Massenweis zur russischen Kirche übertraten. Vor zwei Jahren wurden allein aus der Insel Oesel binnen einigen Monaten 8000 Esthen von den Popen zu Proselyten gemacht. So wird das Lutherthum nach unv nach beseitigt. Freilich haben die Prediger nichts gethan, es dem armen Volke theuer und werth zu machen. Die Kirche galt den meisten nur für eine Anstalt, Abgaben zu erheben.

Der deutschredende Adel in Kurland, Livland und Esth­land ist im Allgemeinen durch und durch verderbt. Er macht unserm Namen keine Ehre und hat keine Anhänglichkeit an unS. Der deutsche Geist ist ein wesentlich freier Geist. Der baltische Adel haßt unv fürchtet denselben, denn dieser ganze Adel steht auf Vorrechten und Eremtionen; er steht noch zu drei Vierthcilen im Mittelalter, ist frei vom Kriegsdienste, zahlt keine Steuern, und ist noch völlig im Partikularismus der Kaste befangen. Die Bildung betrachtet er als ein aristo­kratisches Privilegium, und Bürger und Bauer gelten ihm für untergeordnete Wesen.

Es wird noch lange Zeit vergehen, bevor die Sonne der wahren Gesittung ihren belebenden Strahl in die Köpfe dieser mittelalterlichenHerren" sendet. (D. R.)

D e u t f ch l a u d

A Aus dem Amte Hochheim, 31. Jan. In ven Orten Norden st adt und Massenheim liegen viele Familien an den natürlichen Blattern darnieder, auch in Breckenheim und Wallau sollen sich dieselben neuerdings gezeigt haben und in Hochheim ist ein lediger Mann an denselben gestor­ben, ohne daß indessen in letzterem Orte diese Krankheit weiter um sich gegriffen hätte. Alle Aussagen der Landleute stimmen darin überein, daß die zuerst Befallenen diese Krankheit bei Besuchen in Nordenstadt von da in die andern Orte gebracht hätten. Zu bedauern ist nur, daß die Stellen des'verstorbenen Medizinal-Assistenten Dr. Kraier in Hochheim unv jene des in Nordenstadt stationirc gewesenen Arztes noch nicht wieder besetzt sind, indem es für den Herrn Medizinalrath Rotwitt ein Werk der Unmöglichkeit ist, bei der größten Anstrengung, allen Anforderungen zu entsprechen. Laute Klagen der Land­leute über die Verzögerung der Besetzung genannter Dienst­stellen kann man täglich hören.

* Rennerod, 31. Jan. Bei ver heute dahier vorgenom­menen Wahl für daö Erfurter Volkshaus fielen im ersten Skrutinium von 79 Stimmen 34 auf Präsiv ent Vollpracht, 31 auf Präs. Wirth und 14 auf Medizinale. Heydenreich.