Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 27. Freitag den 1. Februar 1850*
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Präname- rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthnmS Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. io fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 8 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
MBmmaa?e»yzaMatmare3«KMa«a«MiaaaMMt»MHas'»»™r™»i»j»»»-.^™!ra’sam=mgm'jii»^.»imaM»«g«^^
Uebersicht.
Europa und das Germaneuthum.
Deutschland. Wiesbaden (Asstsen. Erwiderung). — Mainz (Die Bischofsangelegenheit). — Frankfurt (Telegraphische Depesche). — München (Interpellation des Fürsten Wallerstein). — Aus Hohen- zollern (Dr. Würth).— Berlin (Der VerwaltungSrath. Schadow t). Wien (Die Bewegungen in Dalmatien). — Triest (Eisenbahn nach Wien).
Schweiz. N eu enburg (Brand).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Nachschrift.
Sprechsaal für Stadt und Land.
Europa und das Germanenthum.
V.
O* Vom 29. Januar. Wir haben in den vergehenden Nummern die eigenen Worte und Schilderungen bewährter neuester Forscher gebracht, um unseren Lesern darzuthun, wie Männer, welche auf ganz verschiedenen Standpunkten der Grundanschauungen stehen, dennoch darin übereinstimmen, daß sie in den Abweichungen der Diplom ten - Politik von den Grundsätzen der nationalen Natur- und Kultur Politik, in dem Mangel der Einheit für Führung und Regierung Deutschlands, in der neueren unnatürlichen Verbindung verschiedener Stämme nach Innen und in der durch Zufall der erblichen Herrscherhäuser getheilten Richtung des Ganzen nach Außen den Hauptgrund des Unglücks und der Machtlosigkeit der deutschen Nation von jeher bis zu unserer Zeit ohne Widerspruch erkennen.
Ll. Grimm gehet weit in der deutschen Geschichte zum Ursprung zurück und behauptet: „Ward durch die Thaten Er- manarichs, Alarichs, Theodorichs, Chlodowigs und Karl's der deutsche" Ruhm mächtig erhoben, so geschah ihm große Minderung durch den Untergang des gothischen, longobardischen und die Theilung des karolingischen Reichs, nach welcher die Franken fast ganz dem romanischen Elemente heimfielen, bis ihn die sächsischen Könige glücklich wieder ^erstellten."
Was Grimm in der Widmung seiner „Geschichte der deutschen Sprache" an GervinuS vom Juni 1848 schreibt, bringt uns auf den Punkt zurück, von.welchem wir ausgingen: '„Unser Volk hat nach dem abgeschüttelten Joch der Römer, seinen Namen und seine frische Freiheit zu den Romanen in Gallien, Italien, Spanien und Britannien getragen, mit seiner vollen Kraft allein den Sieg des Christenthums entschieden und sich als undurchbrechlichen Damm gegen die ungestüm nachrückenden Slaven in E u r o p a 's M i t t e ausgestellt. Von ihm zumal gelenkt wurden die ganzen Schicksale des MittelalterS; aber welche Hohe der Macht wäre ihm be- schieden gewesen, hätten Franken, Burgunder, Longobarden und Westgolhen, gleich den Angelsachsen, ihre angestammte Sprache behauptet. Mit deren Aufgeben gingen sie uns und großentheilS sich selbst verloren; Lothringen,-, Elsaß, die Schweiz, Belgien und Holland sind unserm Râ> wir sagen
noch nicht unwiederbringlich, entfremdet. Viel zäher auf ihre Muttersprache hielten die Slaven, und darum kann unS heute ein übermüthiger Slavismus bedrohen; in unserer innersten Art lag je etwas Nachgiebiges, der ausländischen Sitte sich Anschmiegendes; sollen wir von dem Fehler bis zuletzt nicht genesen?"
„Der sich zunächst dem Forscher in der Sprache enthül, lende Grundsatz, daß zwischen großen und waltenden Völkern (neben welchen es jederzeit unterwürfige und bewältigte gab) auf die Dauer allein s i e scheide, und anders redende nicht erobert werden sollen, scheint endlich die Welt zu durchdringen. Aber auch die innern Glieder eines Volkes müssen nach Dialekt und Mundart zusammenlreten oder gesondert bleiben; in unserm widernatürlich gespaltenen Vaterlande kann dieß kein fernes, nur ein nahes, keinen Zwist, sondern Ruhe und Frieben bringendes Ercigniß seyn, das unsere Zeit, wenn irgend eine andere, mit leichter Hand heranzuführen berufen ist. Dann mag, was unbefugte Theilung der Fürsten, die ihre Leute, glâh ftchrender.Habe zu vererben wähnten, zersplittert, wicder.ver, wachsen, und auS vier Stücken ein neues Thüringen, âüS zwei Hälften ein starkes Hessen erblühen, jeder Stamm aber, dessen Ehre die Geschichte uns vorhält, dem großen Deutschland freudige Opfer bringen."
„Mein Blick sucht in lichter Zukunft einzudringen, wie auch noch über unS schwer ein wolkenbcdcckter Himmel stehet, und nur am Saum der Berge die Helle vorbricht. Vielleicht, bevor einige Menschenalter vergangen sind, werden sich nur drei europäische Völker in die Herrschaft theilen: Romanen, Germanen, S l a v e n."
Ursprünglich findet Grimm nämlich in Europa zehn verschiedene Sprach-Nationen, von denen eben alle, bis auf die drei, bereits theils verschwanden, theils vermischt wurden, in dem großen Völkerzuge, welcher aus Asien von Osten hervor nach Westen bis zum äußersten Europa gehet, unhemm- bar und unerklärbar. Dahin gehören: 1) die Griechen, deren Reste neuen Sproß treiben; 2) die Römer, welche in den romanischen Mischstämmcn aufgingen; 3) die Kelten, deren Sprach-Ueberreste diesseits und jenseits des Kanals in Frankreich und England sich finden; 4) die Deutschen; 5) die Litthauer, „davon die Geschichte fast geschwelgt; die niemals Einfluß auf die Wellbegebenheiten gewonnen, sich stets unter dem Druck mächtiger Nachbarn befanden; denen aber ihre kostbare Sprache Gewähr leistet, mit 3 Zweigen, wovon 2 nur noch leben, unter allen Sprachen Europa's dem Sanskrit am nächsten stehend, und mit der deutschen und slavischen verwandt 6) die Slaven, ehedem Wenden von unsern Vorfahren genannt; 7) die Finnen, deren Sprachstamm noch heute über wn Ural nach Asien reicht und merkwürdige Spuren in der kandinavischen und sogar südlich in der ungarischen Sprache Mt; 8) die Ibe rcr, deren Sprache erlosch bis auf die baskische in Spanien; 9) Traker; 10) Skythen.
Im „Germanenthum" bauet auch Grimm seine Aussich- en für die Zukunft auf die innere Einheit der Sprache. „ES laben sich bis auf heute nur fünf deutsche Sprachen auf dem Platze behauptet: die hochdeutsche, niederländische, englische, schwedische und dänische, deren künftige Schicksale nicht vor-