Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JI" 2S.
Mittwoch den LV Januar
1850,
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume» rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen BerwaltungSgebieteS 8 fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelleu- ierg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Todesnachricht.
Nichtamtlicher Theil.
Europa und das Germancnthum.
Zur Uebersicht.
Deutschland. Wiesbaden (Die Kandidatur Bollpracht'S. Asstsen).
— Frankfurt (Postassignaten). — Gießen (Politische Prozesse). — Darmstadt (Assisenverhaudlungen). — Stuttgart (Niederschlagung politischer Untersuchungen). — Braunschweig (Die Wahlen). — Erfurt (Die Zurüstungen zum ParlamentShauS). — Berlin (Wahl- auSsichten).— Wien (Dänische Offiziere in der österreichischen Marine).
— B r ü n n (Die Presse).
Amtlicher Theil.
Am 12. Januar ist der pensionirte Elementarlehrer Bauer von Merzhausen mit Tode abgegangen.
Nichtamtlicher Theil.
Europa und das Germanenthum.
IV.
o* Vom 27. Januar. Wir haben bisher den Zug des „GermanenthumS" nach Süden betrachtet; erwägen wir nun die weiten Schritte, die cs bereits nach Norden gethan hat. Man hält uns hier entgegen, daß Preußen (Po-Russ, d. h. bei den Russen), Ost- und Wcflpreußen, weder überhaupt einen deutschen Namen besitze, noch sonst lange zu Deutschland auch nur als Nebenland gehört habe, von seiner Eroberung und Christianistrung an bis zum Abfall des hohcnzollerischenDemsch- ordenSmeisters Albrecht nicht einmal 300 Jahre. Aber soll Königsberg, die Geburtsstätte der deutschen Philosophie durch Kant, nicht jetzt zu den deutschesten Gegenden Deutschlands gezählt werden? Selbst wenn der König von Preußen diese seine beiden, bisher außerdeutschen, Provinzen nicht ausdrücklich kürzlich zum deutschen Bunde geschlagen hätte, so würden sie durch eigenen deutschen Sinn dazu gehören. — Auch dürfen wir hier die russisch-deutschen Provinzen nicht aus der Acht lassen.
Die Geschichte und der Völkerstrom stehen nicht still, sondern bewegen sich, wenn auch langsam, in ewigem Flusse. Vom Fichtelgebirge östlich bis zur Elbe und Oder haben alle Städte, Flüsse und Ortschaften meist noch jetzt slavische alte Namen, und dennoch herrscht in jenen Gegenden ein reger deutscher Geist. Schiller sagt (in den Flüssen), daß man nur in Meißen rein (grammatisch) deutsch spreche, und es (Meißen, Misnia) ist ein slavischer Name, wie Leipzig (d. h. Lindenstadt). We
nige Meilen von Dresden östlich wohnen noch jetzt die slavischen Sorben-Wenden in weitem Striche durch die Lausitz hindurch, zum Theil sogar Protestanten, aber fest an ihrer Sprache unter sich im Leben und für Schule und Kirche haltend, mitten unter Deutschen, und die Gebildeten unter ihnen sind, wie die benachbarten Böhmen (Tschechen), was sie an Bildung sind, nur durch das Germanenthum. Ja, ein Theil der gegenwärtigen Sachsen (im Königreiche und in den Herzogthümern) ist ursprünglich nur die Nachkommenschaft germanisirter Slaven, und eben deßhalb sprechen sie das Deutsche ohne dialektische Eigenthümlichkeit. Blaue Augen und blondes Haar stammen von deutscher Seile, vom Harzgebirge und der Wesergegend, wo sie noch ausschließlich herrschend sind, und wo die alten (Nieder-) Sachsen wohnten. Wo und wann wollen wir die Gränze des deutschen Vaterlandes jetzt festsetzen?
Nicht das ist jetzt etwa allein Deutschland, was ehe- d e m irgendwann zum heiligen römischen Reiche deutscher Nation gehörte, sondern für die K u ltu r p o l ilik gehört dazu Alles, „soweit die deutsche Zunge klingt." Der Sprachgeist allein ist der wahre Volksgeist. Mit der Sprache gehören wir zu dem Volke, oder scheiden wir von demVolke, das sie spricht: So sind französische Abkömmlinge, trotz ihres fremden NamenS, durch Geburi und Sprache sogar deutsche Nationaldichter geworden.
Gehen wir der Elbe nach, so kommen wir zur Eider. Da hält man uns entgegen, daß Schleswig nie zu Deutschland gehört habe, daß Schleswig-Holstein ein neugemachter Name sey, ohne staatliche Bedeutung, nur eine Partei in Holstein und Süd-Schleswig bezeichnend. Man verweiset uns, zur Gewinnung eines richtigen Standpunktes in dieser künstlich verworrenen Sache, kurzer Hand auf die Schrift: „Ein Wort des Rechts und der Verständigung in der schleswigschen Frage." (Mainz, 1849, bei Kupferberg.)
Aber, wo das Germanenthum mit der Sprache selbst die alten Marken schon in der Urzeit überschreitet, da müssen wir für unseren Zweck folgen, und alle rein politischen Fragen der Gegenwart für den Augenblick bei Seite lassen, als in ein anderes Gebiet gehörend. Der Kampf, der zwischen Deutschen und Dänen entbrannte und jetzt wieder entbrennen zu wollen scheint, ist für unsere ethnographische Forschung im Großen eine vorübergehende Unbedeutenheit, und die Geschichte wird richten über die, welche unleugbare Bundesgenossen gerade zu einer Zeit, wo Deutschland seine früheren innern Zwiste vergessen und zu einem großen Ganzen mit allem nachbarlichen Zubehör sich zusammenschließen wollte, in schmachvollen Krieg verwickelte.
Jak. Grimm hat so eben in der neuen litterarischen Zeitschrift (von Roß undSchwetschke zu Halle) 1850 einen Aufsatz gegeben „Der Scandinavismus," dessen Inhalt wir noch nicht kennen, aber eben derselbe hat in feiner „Geschichte der deutschen Sprache," von 1848 über das alte und neue Scandinavien sich hinreichend sür unseren Zweck ausgesprochen. Es war bisher zweifelhaft, und besonders von scaw- dinavischen Gelehrten in Abrede gestellt, ist aber von Grimm erweisen, daß nicht nur die Römer Jütland und Schweden zu Germanien zählten, sondern daß auch nach den Völkerzügen