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Nassauische

Mittwoch den 23. Januar

1850.

Jtë LN.

Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prünume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzoqthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen VerwaltnngSgebietes S fl. W fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Wahlresultate in Nassau.

Deutschland. Wiesbaden (Die Asstsen). Frankfurt (Der gesetz­gebende Körper). Kassel (Wahl - Intriguen). Tri er (Der Grün'sche Prozeß), München (Judenemanzipation). Berlin (Die Friedensunterhandlungen mit Dänemark. Die Verfaffungskrists).

Aus der Provinz Preußen (Kriminalprozeß). Ratibor (Die Anklage gegen Reichenbach). Prag (Gemischte Ehen). Trient (Mord).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Großbritannien. London (Angebliches Ableben Ludwig Philipps).

Wahlresultate in Nassau

Hadamar, 20. Jan. Heute fanden dahier die Wahlen zum Volkshause für den Wahlbezirk Hadamar statu. Die erste Abtheilung wählte Herrn Regierungsrath Kreizn^r, die zweite den Herrn Hofrath Sartoriu S und die dritte den Herrn Kollaborator Heinrich Stoll von hier.

Von den 30 Stimmberechtigten der ersten Abtheilung wa­ren nur 10, von den 60 der zweiten nur 9 und von den 300 der dritten nur 16 erschienen. Die Landleute fehlten fast ohne Ausnahme.

Die Hauptursache dieser erstaunlich geringen Betheiligung liegt ohne allen Zweifel darin, daß das Volk durch jahrelanges Wählen nach verschiedenem Wahlmodus und zu verschiedenen, Zwecken deö ewigen Wählens todmüde ist und daher die außer­ordentliche Mehrheit von der gesetzlichen Freiheit, auSzubleiben, mit Vergnügen Gebrauch machte. Dazu kommt dann die in hiesiger Gegend schon seit der letzten Volkszählung verbreitete und dieser Wahl gewiß nicht günstige Meinung, man sollte preußisch werden und habe die Volkszählung nur zu dem Ende vorge­nommen, weil die in Preußen bestehende (in der That aber nicht bestehende) Kopfsteuer eingeführt werden solle, sowie weiter die unter den Katholiken sich fast durchgehends findende Be­fürchtung, durch den Anschluß an Preußen wäre die katholisches Religion gefährdet und es könnte dieser nur durch und von! Oesterreich Heil zufließen, und endlich die gegenwärtige Witterung.

Wer dagegen behauptet, die große Menge wähle nicht aus Ueberzeugung oder Befürchtung, auch die durch das Drei- königsbündniß angebahnte Vereinigung eines großen Theiles Deutschlands könne nie zu einem glücklichen Ziele führen, oder unterlasse gar die Wahl, weil ihr das Wahlgesetz nicht zusage, der kennt nicht die Masse, nicht ihren Partikularismus, nicht ihre leider zu große politische Unreife, nicht ihre jetzige Lethar­gie, nicht die wahrhaft reaktionären Gesinnungen der Mehrheit der Besitzenden, nicht den sehnlich überall auf dem Lande täg­lich ausgesprochenen Wunsch nach Ruhe und Ordnung, wie sie vor dem 4. März bestanden!

Die Menge ist ebensowenig durch die haufenweise verbrei­teten Aufrufe der Demokraten zum Nichtwählen bewogen wor­den, als sie die Bemühungen der Gegenpartei zum Wählen veranlassen konnte.

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cf Idstein, 20. Jan. Heute fand für den Wahlbezirk Idstein, Engenhahn, Wörsdorf dahier die Wahl der Wahl­männer für daö Volkshaus Statt. Von 450 Wahlberechtig­ten hatten sich für die drei Abtheilungen nur etliche 70 Wäh­ler betheiligt. Man sieht, die Demokratie hat hier bald das ganze Feld gewonnen. Rechnet man von den Erschienenen die in Idstein Angestellten, sowie die geringe Anzahl der gegen­wärtigen Bauern ab, so bleiben gar wenig Wähler aus Id­stein selbst. Sogar von Seiten des Justizamtspersonals hat Niemand an der Wahl Theil genommen. Gewählt wurden: für die erste Abtheilung Posterpeditor Schmidt, für die zweite Abtheilung Landoberschultheis Kröber von hier und für die dritte Abtheilung Karl Baum von Wörsdorf.

* Aus Dotzheim und Sonnenberg wird uns berichtet, daß sich blos die Bürgermeister aus den dorthin zusammenbe­rufenen Ortschaften zur Wahl einfanden, während alle übrigen Wähler zu Hause geblieben sind.

Zieht man den Durchschnitt aus diesen Wahlergebnissen, dann wird man zu der Ueberzeugung kommen, daß cs zwei politische Hauptrichtungen in Deutschland gibt. Die Einen treiben nur Polilik, wenn es ihnen an Hals und Kragen geht, sie sind erst Handwerker, Künstler, Gelehrte, dann Menschen und endlich auch beiläufig Staatsbürger. Die Anderen treiben Politik, weil sie nicht Gewerbe, nicht Wissenschaft, nicht Kunst treiben können oder mögen, und wenn das tauiendjäh, rige Reich der Republik kommt, ihre Existenz als blose Staats­bürger (soziale Frage!) gesichert hoffen. Das eine sind die Konstitutionellen, das andere die Demokraten.

Wer die Politik satt hat , der ist konstitutionell ich spreche von der Masse, wer seinen Schlafrock nichl aus­ziehen mag, um zu einer Wahl zu gehen, der ist konstitutio­nell; eine Staatseinrichtung, die den Einzelnen möglichst in seinem individuellen Behagen gewähren läßt, die ihn nicht mit Volksversammlungen und Bürgerwehrererzitien, mit Wäh­len und Gewähltwerden plagt, andererseits aber auch nicht, wie es der Absolutismus gethan , nachspürt, was Jeder thut und läßt und durch Polizeichikanen das persönliche Behagen be­schränkt eine solche Staatseinrichtung sucht der große Hau­fen der Konstitutionellen und glaubt sie eher in dem Konsti- tutionalismus zu finden,, als in der Demokratie, die aller­dings den Einzelnen weit öfter aus dem gemüthlichen Hause jagt und ihn auf offenem Markte in Anspruch nimmt. Diese Sorte von Konstitutionalismns hat unzählige Anhänger, die freilich um deßwillen am schwersten zu zählen sind, weil ihre Passivität ihr einziges Kennzeichen ist.

Sie verhält sich zu den Demokraten wie der Dilettantis­mus zur Profession, wenn auch die Demokratie ihre Profession sehr schlecht versteht. Es liegt aber die Hinneigung zu dieser Politik des Gehenlaffenö nicht blos in der persönlichen Be­quemlichkeit deS Einzelnen, sondern in unsern ganzen Zivil!« sationöverhältnifien, und am Ende kommen wir doch inimer wieder auf das alte Lied zurück, daß die Deutschen fast nur noch ein reines Kultur- und Literatur-Volk sind.