Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JIS 18
Dienstag den 22. Januar
1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelleu» derg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Europa und das Germanenthum.
Deutschland. Wiesbaden (Die Wahlen). — Biebrich (Das Rhein-
Eis). — D iez (Der Gemeinderath und das Kastno). — Deuz (Das Rheineis). — Karlsruhe (Oesterreichische Sympathieen). — Berlin (Die Krisis). — Breslau (Domokratische Domonstration). — Posen (Politijcher Prozeß). — Prag (Der Typhus). — Wien (Die demokratischen Vereine. Die Lagunenbrücken in Venedig).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. (Schutzlosigkeit der Deutschen im Ausland).
Ungarn. (Der Geldmangel).
Curopa und das Germanenthum.
O* Vom 18. Januar. Der vorige Jahrgang dieser Blätter brachte bei Gelegenheit der deutschen Frage verschiedene Artikel über mehrere Fragen, welche in das „Germanenthum" und sein Verhältniß zu Europa, auch als neu projek- tirtes „Reich der Mitte", einschlugen. Wir werben jetzt daran wieder erinnert, sowohl durch Aufsätze der Augsburger Allgemeinen Zeitung im Januar l. I., mit der Aufschrift: „Die Lage Deutschlands und Oesterreichs", als durch die bayerische Denkschrift vom 7. Juni 1848, welche so eben bei der Deutschen Zeitung Nr. 17 ihre Analyse in würdigstem Tone fand.
Es ist noch nicht lange her, und, soviel wir wissen, zuerst von Hegel nachdruckövoll hervorgehoben worden, daß die jetzigen drei Hauptvölker, Germanen, Romanen und Slaven, die Trias bilden, welche die Geschicke Europa's, folglich auch der Welt, zu lenken suchen. Der genannte Philosoph liebte bekanntlich die Trichotomieen (Dreitheilungen) ausnehmend, auch wo sie nicht eben ganz natürlich sich ergaben; aber diese Volks-Dreiheit liegt in dem ganzen Gange der Geschichte europäischer Menschheit so stark ausgeprägt vor uns, in ihrer gegenseitig anziehenden und abstoßenden Eigenthümlichkeit, daß sie von Niemanden verkannt werden kann. Seitdem haben auch französische Historiker, welche eben keine Freunde von Abstraktionen sind, seitdem ihre Krieger die Eisfelder Rußlands sahen und die Pferde der Kosaken in den elisäischcn Feldern zu Paris weideten, das Slaventhum als eine rege Macht kennen gelernt, und Hegel's Trias hat sich bei ihnen eingebürgert und ganz geläufig gemacht.
Bayern hat in neuester Zeit auf allerlei Weise für Oesterreich bald die Fackel vortragen, bald die Schleppe Nachträgen wollen, und dabei niemals Dank ober Anerkennung geerntet. Ganz natürlich. Was bayerische Staatsmänner sehen oder rathen wollten, hatten die österreichischen längst vorher durchschaut, und bedurfte dazu keiner fremden Brille. Die österreichische Politik ist gegen die bayerische eine auf uralten Traditionen ruhende, und was in neuester Zeit die österreichischen Staatsmänner für ihr Oesterreich wollten und thaten, wie 'merzlich es auch uns Deutsche berühren mochte, war doch Ausfluß der tiefsten und reinsten Grundanschauung von erreichS Stellung und Aufgabe. Daß ihnen hierbei die
Nebenhülfe bayerischer Staatsmänner unbrauchbar erschien, und daß sie deren nur allzu offen vorliegende partikularistische Tendenzen sofort durchschaueten, war sehr natürlich. Wir haben nicht nur während der dreißigjährigen Bundes.'agS-Zcit, sondern nach 1848 deutlich bemerken können, daß alle öfter, rclchische Staatsmänner, wo sie für Deutschland wirken sollten, doch immer zuerst Oesterreicher waren, wenn sie eS auch nicht erst erklärt hätten, wie Herr v. Schmerling. Oester, reich'L Aufgabe, das erkannten sie, weiset nach Osten und nach Süden, und daS „Germanenthum" ist für Oesterreich, jetzt ganz besonders, nichts weiter, als bewußtes Mittel zum Zweck, nicht naturwüchsiger, unbewußter Selbstzweck des ur, eigensten Wesens. Die österreichische Monarchie ist nicht der Namen eines ungemischten nationalen Reiches, sondern eines Konglomerates verschiedenartiger Herrschaften, zusammengehalten durch den mächtigen und ruhmreichen Namen des Herrscherhauses und getragen durch daS geisterbeherrschcnde Element deutscher Bildung, welche das Herrscherhaus über die mannigfachen Nalurstämme seines großen Reiches sich ergießen läßt.
Die bayerische Denkschrift hat manche wahre Sätze auSge, sprochen, aber theils Falsches beigemischt, theils Falsches, na- mentlich für Oesterreich, daraus gefolgert. So wird gesagt; „Die dynastischen Gefühle haben in unserm Jahrhundert unverkennbar, selbst in Oesterreich abgenommen. Die Interessen der Völker überwiegen." Das hat neuerdings Palacky'S, des Czechomanen, Aufruf für daS Slaventhum gezeigt. Großgezogen an der Brust deutscher Bildung, und vielleicht deutsch noch besser redend und schreibend, als czcchisch, theilt er schein, bar den Undank des Slaventhumes gegen das Germanenthum für Empfangenes, im Innersten aber ist und bleibt er wider Willen das unleugbare Kind deutschen wissenschaftlichen Sinnes. Was die Magyaren für Oesterreich sind und für Deutsch, land, und was sie letzterem verdanken, haben im vorigen Jahre mehrere Spezial-Artikel dieser Blätter nachzuweijen gesucht.
Für Italien verweisen wir denkende Leser auf Leo'S Geschichte Italiens, worin, zunächst in der Einleitung, daS verschiedenartige Wesen beider Länder und Völker aus liefen und anhaltenden Studien so anschaulich gemacht wird, wie sonst fast nirgends. Es ist dies ebenderselbe Universitäts-Professor Leo von Halle, dessen Name jetzt so oft neben dem von Ger, lach zu Berlin genannt ipirb. Aber sey es, daß das Jahr 1829 ihn noch auf anderem Standpunkte fand, sey cs, daß die Wahrheit überall durchbricht, die Schrift wird mit vollem Rechte als trefflich immer genannt zu werden verdienen. Doch wußten wir sonst auch aus allen historischen Thatsachen, von den Römerfahrten der deutschen Kaiser, daß das römische Kaiserthum die Vernichtung deS deutschen Königthums in sich schloß.
Deutschland.
*A* Wiesbaden, 21. Jan. DaS Resultat der gestrigen Wah,lmännerwahlen war folgendes: In der ersten Abtheilung der Wähler wurden 74 Stimmen, in der zweiten Abtheilung 151 , in der dritten Abtheilung etwas über 300 Stimmen abs