Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jtë 17 Montag den 21. Januar 1830»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Deutschland. Frankfurt (Radowitz nach Berlin. Günstige Andeutung dieser Thatsache. Zitz). — Darmstadt (Der Landtag und die deutsche Frage). — Gera (Wandelbarkeit der Volksgunst) — Berlin (Ein Steuerverweigerer). — Hamburg (Preßprozeß). — Wien (Oesterreich und Schleswig-Holstein. Ankunft des Herzogs von Nassau. Erzherzog Johann).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Zeitungsschâu.
Ueber die Nothwendigkeit einer Vereinigung und Verschmelzung der politischen Parteien schreibt die Karlsruher Zeitung: Wenn wir den Bestrebungen Solcher, die in gehässigster Weise der Regierung entgegentreten, sie verdächtigen ohne Grund, Mißtrauen zu säen suchen in jeder Art, wo vor allem ein festes Band zwischen Fürst und Volk geschlungen werden soll, — wenn wir solchen offenbaren Friedensbruch, solchen Bemühungen, den Geist des Volkes durch unlöbliche Mittel zu verwirren, mit Entschiedenheit ent« gegentreten,-so üben wir nur eine Pflicht. Nicht wir tragen die Verantwortung eines unerfreulichen Streites, sondern Der, welcher ihn erhoben hat. Es ist unS weder um wohlfeile, noch zweifelhcchte Lorbeeren zu thun, aber auch keine Verunglimpfung darf uns bewegen, zu schweigen, wo Reden Pflicht ist. Versöhnung ist das Wort des Tages; auch wir wünschen sie, und wer eine solche ernstlich will, der rufe Denen, die sie zu vereiteln suchen, ein ernstes Wort der Abmahnung zu, fordere sie auf, mit ehrlichen Waffen zu kämpfen, und mahne da ab, wo eS geboten ist. Oder soll man schweigen, wenn man daS Volk zu verführen sucht? Zu dieser Politik bekennen wir unS nicht. Die Schwäche versöhnt nie.
Die erste Bedingung, daß eine Versöhnung der Parteien zu Stande komme, ist natürlich die, daß beide Theile sie gleich aufrichtig wünschen. Eine solche ist durch die Zeit eben so geboten, als möglich gemacht, wenn beide Theile die Zeit und ihre Aufgabe, wie ihr eigenes und wohlverstandenes Interesse begreifen. Durch die Bessern deS Volkes geht nur ein Gefühl, wie nothwendig eS sey, daß die redlich Gesinnten aller Parteien, insoweit sie ein Interesse an der Gesellschaft und am Staate haben, zum Schutze derselben sich vereinen. Alle Parteien mögen in den erschütternden Ereignissen dieser Jahre den Ernst göttlicher Strafgerichte, die Mahnung zur Demuth und Selbstprüfung erkennen. Die Nichtbefriedigung gerechter Forderungen der deutschen Nation seit 1815 trägt gewiß mit viele Schuld an den Ereignissen der Neuzeit. Aber haben die Libe- b ralen ihrerseits nicht auch Fehler und Schuld zu verantwor- ten? Haben sie immer das rechte Maß gehalten? Standen H die Mittel, die sie gebrauchten, immer im richtigen Verhältnisse ,zum Zweck? Haben sie, die Gerechtigkeit Fordernden, auch ^mmer Gerechtigkeit geübt? Haben sie nicht oft verwerfliche
Bundesgenossen in den Kampf geführt, dem Volke über Gebühr geschmeichelt, und dadurch eben nicht beigetragen, cs zur sittlichen Vervollkommnung und politischen Mündigkeit zu erziehen? Sie werben nicht im Stande seyn, zu leugnen, daß sie, die so viele schmerzliche Erfahrungen an sich gemacht haben, weder dem Vaterlande noch sich selbst zu nützen vermögen, wenn sie in stolzer Abgschlossenheit glauben, in ihrer Partei allein die Quelle deö Heils zu finden. — Die Verhältnisse haben sich so gestaltet, daß ein gemeinsames Wirken der ehemaligen Gegner nicht blos wüschenswerth, sondern auch nöthig ist; Beide können einen ehrenvollen Frieden machen, und die alten Parteinamen in ein gemeinsames Grab begraben, daß fortan nur von einer Partei gehört werde, welche als Hüterin des Rechts und der Zivilisation den Kampf gegen die Feinde beider zum siegreichen Ziele führt.
Möchten die Männer aller Parteien dem edlen Beispiele Montalembert's folgen, der bei Gelegenheit der Debatte deS PreßgesetzeS in der französischen Nationalversammlung offen und ehrlich daS Bekenntniß ablegte, daß auch er und seine Partei dazu beigetragen, den Sieg des Bösen zu befördern. Alle Parteien sind schuldig, sagte er, weit alle seit dem Sturze deS KaiserthumS, so lang sie' nicht selbst an der Regierung waren, mehr oder weniger mit den Angriffen gegen die Regie- rung sympatisirt haben: unter der Restauration die Liberalen aller Schattirungen; unter der Julimonarchie zuerst die Legitimisten, dann die Republikaner, dann die dynastische Opposition, und endlich die Katholiken selbst. Alle haben wenig beachtet, daß diese Angriffe gegen die Macht, die Alle schützt, diese selbst untergraben, und ihr Sturz zugleich die Gesellschaft unter den Ruinen begräbt.
Deutschland.
Frankfurt, 19. Jan. (D. Z.) Wie berichtet wird, ist Herr General v. Radowitz durch das preußische Staatsministerium schleunigst nach Berlin berufen und bereits gestern Abend dahin abgereist. Uns sind die Gründe dieser Berufung nicht be, kannt, dagegen glauben wir es als ein günstiges Zeichen für die Entwickelung des deutschen Bundesstaates ansehen zu sollen , daß das preußische Ministerium in dem gegenwärtigen bedeutungsvollen Augenblick, deS Rathes eines Staatsmannes nicht entbehren mag, der so wesentlich dazu mitgewirkt hat, daß die Wünsche der Nation auf Einigung ihrer Erfüllung näher kommen. Wir können daher von allen an die Reise deö Herrn v. Radowitz sich knüpfenden Vermuthungen, diejenige als die richtige bezeichnen, daß der Bundesstaat, welchen Preußen in Deutschland, gründen will, aus der preußischen Verfassungskrisis, nicht blos ungefährdet, sondern befestigt her- vorgehen werde.
Frankfurt, 18. Jan. (O.-P.-A.-Z.) In Folge einer auf telegraphischem Wege heute Mittag hier eingetroffenen Auffor, derung deS lönigl. preußischen Staatsministeriums hat sich General v. Radowitz heute Abend nach Berlin begeben. Für die Dauer der Abwesenheit deS Herrn v. Radowitz wird