Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 17
Sonntag den 20. Januar
1850»
Die Naff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume» rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. BO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» bergZchen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Ätoch ein Wort zur Eisenbahnfrage.
Der Konflikt in Preußen.
Deutschland. Kriftel (Ehrenbürgerrecht für Waldeck). — Frankfurt (Die Versammlung der Gothaer Partei). — Koblenz (Falsche Fünfthalerscheine). — Trier (Der Prozeß Grün'S). — Kassel (Demokratische Feier). — A«S Norddeutschland (Die Verlaffenschaft der verstorbenen Herzogin von Anhalt-Dessau). — Berlin (Hoffnung zur Ausgleichung. Die Krisis).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Noch ein Wort zur Eisenbahnfrage.
§ Bon dem Elbbache, 17. Januar. Seit von der Lahn her mit so gewappneten Kräften gegen die Deutz-Nassau- oder Nord-Nassau-Bahn gefochten wird, beschäftigt nunmehr die Eisenbahnsrage alle Gemüther. Wir wollen den glücklichen Lahnbewohnern ihre Eisenbahnideale nicht wegzaubern, noch weniger den Grundsätzen ihres Standpunktes entgegentreten; wir wollen nur von neutralem Boden aus folgende Frage erörtern:
1) ob es im Interesse deö Rechts liegt, wenn der projek- tirte Schienenbau in Nassau, zum Anschluß an die größeren Bahnrouten, nicht mitten durch das Land — von Süden nach Norden — von Wiesbaden über den Westerwald nach Deutz geführt wird;
2) ob diese Bahn im Interesse des Handels und des Verkehrs von ganz Deutschland und hauptsächlich unseres Landes ist;
3) ob Rentbarkeit vorhanden und
4) mit welchen Kosten ein solches Unternehmen bestritten werden könne.
Da im Jahre 1845 der Ingenieur Hr. Bornscheuer in einem klassischen Schriftchen: „Die Eisenbahn im Innern deS HerzogthumS Nassau über Idstein ic. bis Deutz, Wiesbaden bei Riedel 1845," dieses Projekt nach allen Seiten hin wissenschaftlich und technisch durch die eklatantesten Nachweise begründet hat, so haben wir unter Hinweisung auf jenes Werkchen nur noch folgende, über alle zu erhebende Diffikultäten obsiegende Bemerkung hinzuzufügen, daß die Verbindung zwischen Köln und Frankfurt — auf welcher Route sich jährlich (ausschließlich des Transportes von andern Bahnen her) 17,098,810 Ztr. Frachtgüter und 450,000 Personen bewegen würden — (B orn scheu er I. c.) die sicherste Garantie ihrer Rentbarkeit ist, nicht nur weil sie zwischen beiden Schwester, stâdten sich befindet, sondern weil durch sie, wie durch eine große Pulsader alle deutschen Bahnen in ein einzig großes System, in ein großes geordnetes Geflechte zusammentretcn, ein Prinzip, das schon zu deutlich im Artikel 6 (§. 28, 29, 30 u. f.) des deutschen Reichsgesetzeö ausgesprochen und sank- tionirt ist.
Die Lahnbahn (Koblenz-Gießen) wird nur als Rumpfoder Bruchbahn so lange nicht diesem großen Reichsinteresse
entsprechen und genügen, so lange sie nicht mit der Köln- Mindner-, der Köln-Äachner- und der Düsseldorfer-Elberfelder- Bahn mit den Niederlanden, und im Süden Deutschlands mit den deutschen Bahnen in Bayern, Württemberg, Baden biö Basel in virekle Verbindung tritt. Die Koblenz-Gießner-, oder Kaff'ler-Thüringer-Bahn berührt nur im Herzogthume die Strecke von Lahnstein nach Weilburg, also auch nur die Interessen dieses Stromgebietes, und tritt nun aus ihrem weiteren Verlaufe mit Marburg, Kassel, Bremen, Hannover und zum Theil Sachsen in Konnex, eine Route, welche nie die hohe merkantilische Bedeutung gewinnen kann wie die Frankfurt-Dcutz-Mindner- und die damit zusammenhängenden Eisenbahnen.
Nun fragen wir, welche Bahnroute entspricht dem Reichsprinzip und unserem Landesintercsse? Auch die Anhänger der Nordbahn stehen auf gleichem Rechtsboden, und andererseits auf einem zu praktischen, als daß auch ihre Rücksichten nicht mit gleicher Kraft auf die Wagschaale drücken dürften.
Die Lahn hat mit ihren Ufern beinahe Millionen verschluckt, und soll denn das übrige Land zusehen, daß nur zum Wohle eines einzigen Diftriks Sünden auf Sünden sich häufen und sind nicht die zweiten Opfer die theuersten? Was eine der jüngsten Bemerkungen von der Lahn her betrifft, daß die Thalfahrt angenehmer sey, als die Fahrt über Halbs und Hergenroth, so haben wir zu erwiedern, daß die Landschaft tausenden von Schätzen begegnet, die nur des Transports harren, um der Roth zu steuern, den Erwerb zu sichern und das gegenseitige Recht zu befriedigen; wahrlich keine schlechte Augenweide) Zwischen Lüttich und Brüssel umfticbcn oft während der Faffbt die Sandwogen der großen Ebene Ohren und Augen, daß wir weder sehen noch hören können, und doch befinden wir uns einige Augenblicke hierauf unter den reizenden Platanwipfeln des Jardin royal zu Brüssel. Zwischen Brügge und Ostende streichen nur hie und da einzelne Möven durch die öde, graue Gegend, und doch erstaunt das Auge, wenn eS einige Minuten später die brausenden Wogen der Seestadt erblickt und schon nach einigen Stunden weiter die brittische Küste (Dover) begrüßt. Schön kann Alles seyn, aber nicht zweckmäßig, nicht praktisch.
Nach Berechnung erfordert die Meile der Nord-Nassau- Bahn weniger Kosten als die der Taunusbahn, dagegen aber die Lahn-Bahn enorme Aufopferungen (Bornscheuer). Wenn wir nicht eilen, wird Preußen entweder auf dem linken Rhein- ufer die Lücke ausfüllen (Bonn) oder die Kassel-Thüringer- Bahn sich der Köln-Mindener anschließen, und dann ist für Nassau die Welt mit Brettern geschlossen. Wir glauben aber, daß ein Unternehmen, dem Recht, Natur und Himmel zur Seite stehen, vor allem Zerfallen gesichert steht.
Der Konflikt in Preußen.
Es sind doch wunderliche Erfahrungen, die wir in unserem noch so jungen konstitutionellen Leben machen müssen. Das Ministerium hat eine Verfassung oktroyirt, die Kammern haben