Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JS 11» Montag den Lâ Januar 1850»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Deutschland. Frankfurt (Die Wahlen. Der Beitritt der Stadt zum
Dreikönigsbund). — D re s d e n (Urtheilssprüche). — Berlin (Die
Baueinrichtungen in Erfurt).
Schweiz. Basel (Brand der Flüchtlingskaserne in Bern).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Türkei. (Die ungarischen Flüchtlinge).
Zeitungsschau.
Interessant sind folgende Neujahrsbetrachtungen, mit denen der „Heralb" das letzte Jahr der ersten Hälfte des Jahrhunderts einleitet:
„Ein junger Mann, der jetzt lebt," schreibt Sir Sidney, „ahnt kaum, welche Verbesserungen des menschlichen Lebens ihm dargeboten werden, und ich möchte ihm nur nachstehenve achtzehn Neuerungen vorführen, welche in England aufgekommen sind, seit ich den Hauch deö Lebens athme." Gas war in seinen Knabenjahren unbekannt; er segelte neun Stunden von Dover nach Calais, vor der Erfindung der Dampfkraft ; er rumpelte neun Stunden von Taunton nach Bath , anstatt in vier Stunden von Taunton nach London zu fliegen; schlechte Landstraßen kosteten ihm auf jeder Reise 10,000 bis 12,000 ernsthafte Kontusionen, und schlechtes Pflaster in London kostete ihm 15 Pf. St. jährlich an Ausbesserung seiner Wagenfedern; er hatte keine Polizeidiener, welche ihn durch die Straße geleiteten und schützten, keine Fiaker, wenn er müde oder in Eile war, keinen Regenschirm und keinen wasserdichten Hut; Hosenträger waren unbekannt, und Wild konnte nicht gekauft werden. „Wenn ich Podagra hatte," fährt er fort, „so hatte ich kein Colchicum: litt ich an Galle, so hatte ich kein Calomel; befiel mich das Fieber, so hatte ich kein Chinin. Es gab schmutzige Kaffeehäuser statt eleganter Clubs. Die Zänkereien wegen der nicht kommutirten Zehnten waren endlos. Es gab keine Banken, um die Ersparungen armer Leute aufzunehmen. Die Armengesetze sogen daS Mark des Landes aus, und welchen Jammer ich auch erdulden mochte, ich hatte keine Post, die für einen Penny meine Klagen in den fernsten Winkel des Reichs spedirte; und gleichwohl, trotz aller dieser Entbehrungen lebte ich ganz ruhig, und schäme mich jetzt, daß ich damals nicht unzufriedener war."
Aber das letzte halbe Jahrhundert hat mehr für uns ge, than als dies, und größere Verbesserungen gebracht, als sie der witzige Kanonikus von St. Paul aufführt. Die letzten fünfzig Jahre haben einen gewaltigen Umschwung in dem sittlichen und religiösen Zustande Großbritanniens gesehen. Wir haben das Fluchen aufgegeben und das Saufen; wir schießen einander nicht mehr um Bagatellen todt; Gentlemen reißen keine Zoten mehr, selbst nach Tische nicht; das Spiel ist sehr selten geworden; Lotterieen sind abgeschafft; Menschen werden
nicht mehr wie Hunde schockweise gehängt. Der Familien« Gottesdienst ist aus einer Ausnahme eine Regel geworden; unsere Kirchen haben sich vervielfältigt und werden besser besucht; englische Geistliche sind nicht mehr wie sonst mit den Hunden aus, wenn ein sterbendes Pfarrkind zu ihnen schickt; sie suchen kein Verdienst mehr darin, christliche Missionare als inspirirte Schuhflicker zu verspotten, noch würden sie eine achtbare Zeitschrift finden, welche solche Lästerungen aufnähme. Wir haben die frohe Botschaft der Erlösung zu den fernsten Landen getragen. Wir haben den Betteljungen von der Keller- streu aufgehoben und ihn in die Schule geschickt. Wir haben Spitäler und wohlthätige Anstalten aller Art vervielfältigt. Wir haben aufgehört, Wahnsinnige mit Kette und Peitsche zu behandeln. Wir haben Gesetze zum Schutze der Thiere gemacht. Wir haben Bullenhatzen und Hahnengefechte abgeschafft. Faustkämpfeu ist nicht mehr eine Profession, Menschendiebstahl nicht mehr ein Gewerbe. Wir handeln nicht mehr mit Negcrfleisch und pressen keine weiße Sklaven mehr. Wir sind religiöser, sittlicher und tausendmal menschlicher geworden. Zugleich aber auch tausendmal aufgeklärter. Heutzutage kann man ein Buch für einen Schilling kaufen, vas ehedem ein Pfund kostete. Wenn ein Mord begangen oder ein Reisesack vergessen ist, so geht die Botschaft in wenigen Minuten von einem Ende des Landes zum andern. Vor dem Ende des Monats wissen wir in London, was zu Anfang desselben in Bombay vorgefallen ist. Die reichste Literatur der Welt ist dem beschcivensten Farmer zugänglich. Der Taglöhner und der Handwerker können unentgeltlich die schönsten Gemälve sehen. Nichts wichtiges kann im Lande geschehen, ein Holzschnitt bringt eS vor Ablauf der Woche zur Abbildung und wird für 6 Pence verkauft. Die Zeitungen bringen in einem Tage mehr Nachrichten, als in einem Monate vor 50 Jahren. Die Schnellpresse druckt ihre Taufende in einer Stunde, wo die alte Presse ihre fünfzig lieferte. Dies sind wenige, sehr wenige von den großen Neuerungen der letzten 50 Jahre. Hoffen wir, daß wir in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lernen, was wir mit demReiche anfangen sollen, welches wir in der ersten erobert haben.
Deutschland.
Frankfurt, 12. Jan. Die Abstimmung zur Wahl der Wahlmänner für den gesetzgebenden Körper ist beendigt: 2806 Stimmzettel, V, aus der ersten, je % aus der zweiten und dritten Wahlabtheilung, sind abgegeben worden. Die vom patriotischen Verein in Verbindung mit mehreren andern Vereinen aufgestellte Kandidatenliste hat, wie zumal bei der Nicht- bethciligung der Demokratie vorauszusehen war, den Sieg gewonnen. Es haben diesmal, nach einer von der O.-P.-Ä.-Z. gegebenen Berechnung, dreimal so viele Bürger als durchschnittlich sonst abgestimmt.
Frankfurt, 8. Jan. Der Beitritt Frankfurts zum Dreikönig öb und niß wird jetzt als unzweifelhaft, ja schon als