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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 1«

Samstag den 12 Januar

1850»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume» rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fL 1O fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

i

Der Zustand Europa's.

Deutschland. RiederselterS (Brand). Mainz (Krawall inOber- tngelheim). Frankfurt (Die Reorganisation der Bürgerwehren von der BundeSzentralkommisfion beabsichtigt). H anau (Untersuchung). Weimar (Landtag). Berlin (Festigkeit der preußischen Regie­rung. Waldeck S Tagebuch. Schelling. Ueberfüllung der schlesischen Ge­fängnisse. Telegraphische Depesche. Karrikatur). Posen (Militär- schlägerei). Wien (Vermischtes. DiePresse"). Prag (Dank­adresse an Windsichgrätz).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Spanien. Madrid (Die Karlistcn. Lola Montez).

Ungarn. (Haynau).

Der Zustand Europas

(Nach der Timer.)

Das soeben abgelaufene Jahr war Zeuge der durch Mili­tärmacht bewirkten Befreiung von den Gefahren, welche Ord­nung und Gesellschaft bedrohten; so sehr wir dafür Dank wissen, so können wir unS doch der Bemerkung nicht enthalten, daß die angewandten Mittel nicht zur Wiederherstellung des Friedens und der Zufriedenheit in den feindseligen Klassen und beunruhigten Nationen hinreichend sind, und daß Militärmacht nicht allein die praktische Verbesserung der Welt bewirken kann. In unserem Zeitalter hat das Wissen so rasche Fortschritte gemacht, die Kommunikation ist so erleichtert worden und die Macht der öffentlichen Meinung hat sich so sehr gesteigert, daß eine Regierung keine wirkliche Kraft und eine Nation keine gesicherten Institutionen haben kann, wenn die Regierungs­und die Volksgewalt nicht positiv verbunden sind. Diese Ver, einigung deS im Volke vorherrschenden Geistes mit der Regie, rung kann auch unter sehr verschiedenen politischen Formen stattfinden; sie besteht in England, wo die Regierung sich nach der Stimme und dem Urtheile des Volkes richtet; in Rußland, wo die Person des Autokraten die Gesinnungen deS Volkes und den Aberglauben eines ungeheueren, im Dämmerungs­lichte der Zivilisation befindlichen Reiches vereinigt. Bei die­ser inneren Verbindung des Volkes mit dem Staate ist Frieden im Innern und Kraft nach Außen ohne sie fallen diese beiden Güter weg. Die Kräfte, durch welche der Staat seinen Willen den Unterthanen gegenüber geltend machen kann, mögen als Gegengewicht revolutionärer Tendenzen ihrem Zwecke ent­sprechen, sie können ihm aber nicht die Kraft verleihen, welche nur auS dem Vertrauen und der Eintracht hervorgeht. Wenn wir die Lage jener europäischen Staaten, welche durch den Schmelzofen der letzten Revolution gegangen sind, dieser Probe unterwerfen, so werden wir bemerken, daß ihre gegenwärtige, schwankende und erschöpfende Lage hauptsächlich von dem Mangel an Aufrichtigkeit und Harmonie zwischen den Herr­schern und der Bevölkerung herrührt.

. ^J^ "icht zu läugnen, daß in Frankreich die offenkun- btgsten Exzesse der Anarchie und Empörung aufgehört haben,

daß die Regierung LouiS Napoleons mit anerkennenSwerthem Eifer die ihr auferlegten schwierigen Pflichten zu erfüllen strebt, daß ein Ruheplatz gefunden und ein Boot auS den Trümmern eines großen Königreiches entstand. Aber kann man sagen, daß die französische Nation um desto auSgesöhnter mit der Re­volution und der Republik ist, die sie alS Urheber ihrer Un- glückSfälle und als Wahrzeichen einer unerträglichen Demüthi­gung ansieht! Ist irgend Jemand mit dem wunderlichen Baue zufrieden, der sich aus diesen Ruinen ohne den Wunsch oder die wirkliche Zustimmung der Nation erhoben hat? Diese Regierungsform hat für daS französische Volk so wenig Em­pfehlendes , daß wir fürchten, es würde nur zu bereitwillig jeden Theil der ihm noch übrig gelassenen Freiheit für einen, seinen wirklichen Wünschen mehr entsprechenden Stand der Dinge hingeben. Im Augenblicke muß eS sich aber auch diese Entbehrungen gefallen lassen; Niemand kann die nächste Me­tamorphose beschleunigen oder vorauSsehen, und doch kann eine Veränderung des Windes sie bewirken.

Der moralische Zustand Deutschlands ist noch mehr gefallen, als der Frankreichs, und wird wohl noch weniger vollständig geheilt werden. Zwischen den Herrschern und dem Volke zwischen den Einzelbestrebungen der Staaten und ihrer Natio­nalehre zwischen den Herrschern und der Revolution besteht ein Konflikt, der durch Alles, was geschehen ist, wohl gemil­dert, aber nicht aufgehoben wurde. In vielen Landestheilen, wie in Würtemberg, Bayern und Sachsen, herrscht die äußerste Unzufriedenheit, und daS beste Argument für Einfetzung einer starken Zentralgewalt ist, daß so viele angestammten Fürsten das Vertrauen und die Liebe ihrer Unterthanen unwiederbring­lich verloren haben; nur durch die Kraft und das Ansehen einer nationalen deutschen Administration können die Massen des Volkes wieder zum Gehorsam, der Treue und dem Gesetze zurückgebracht werden. Daher die theilweise Zustimmung zu den Planen deS preußischen HofeS und die dem Erfurter Parla­mente, das sich nun bald versammeln wird, zuerkannte Bedeu­tung. Wir wollen hoffen, daß diese Versammlung eine wirk­lichere und wohlthätigere Gewalt verdienen und auSüben möge, als ihre unglückselige Vorgängerin zu Frankfurt; aber wir dürfen unS nicht verhehlen, daß mehrere Fragen, welche ihr vorgelegt werden können, unauflöslich sind, und daß nur ein vollständiger Erfolg sie auf jene Höhe deS Einflusses erheben kann, welche sie sich sichern muß.

Auch die österreichische Regierung ist entschlossen, noch ferner die Maschinerien, ihre Lokal- und Reichsinstitutionen ein Experiment machen zu lassen. Weil daS österreichische Ministe­rium den Revolutionen in Ungarn und Italien widerstand, hat man die Behauptung auSgesprengt, eS sey reaktionär, und doch ist keine unbegründeter. Sie ist in vielen Hinsichten eine so lieberale, um nicht zu sagen demokratische Administration, als man nur eine in Wien finden kann. Der Minister deS Innern, Bach, ist ein Mann der Revolution; der Handels­minister Bruck ist ein bekannter Feind kommerzieller Beschrän­kungen ; der Minister deS öffentlichen Unterrichts, Graf Les Thun, ist ein Reformator auS der menschenfreundlichsten und am meisten praktischen Schule, und Schmerling ist wohl be­kannt wegen der Dienste, welche er der liberalen Sache zu