Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jl£ 8. Donnerstag den 1O» Januar 1850»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume, rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurr T fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisichen Verwaltungsgebietes 8 fl. io fr. — Jnferate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu mache».
Uebersicht.
Nichtamtlicher Theil.
Todesfall.
Amtlicher Theil.
Die Katholiken und die Erfurter Wahlen.
Deutschland. Frankfurt (Kommodore Bromme). — Darmstadt (Kammerbeschluß in der deutschen Frage). — Koblenz (Die Gesellschaft für gesetzlichen Spaß und Volkswitz). — Karlsruhe (Brentano). — Halberstadt (Die Lichtfreunde). — Braunschweig (Der Gothaer Ausschuß und die Wahlen zum Volkshause). — Hannover (Detmold).
— Berlin (Die Ministerkrisis. Die Proselytenmacher. Tieck'S Bibliothek). — Prag (Truppenmärsche. Preßpolizei).
Großbritannien. London (Vermischtes).
Italien. Livorno (Unruhen).
Rußland. Petersburg (Die Auswanderung aus Deutschland).
Amtlicher Theil.
Todesfall. Lehrer Dobra zu Eppenrode ist am 1. Januar l. I. mit Tod abgegangen.
Nichtamtlicher Theil.
* Die Katholiken und die Erfurter Wahlen.
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Zu Denen, welche sich noch besinnen, ob sie für Erfurt wählen sollen oder nicht, gehören jetzt, da die Demokraten über das Nichtwählen einig geworden sind, nur noch die Katholiken. Während in unserem Lande der Entschluß, an der Wahl Theil zu nehmen, auch bei der katholischen Partei ziemlich fest geworden zu seyn scheint, schwankt man noch am Rheine und anderwärts. Die Sache ist als eine Kundgebung der so lange für Oesterreich im Herzen getragenen Sympathie leicht erklär, lich, weniger erklärlich aber ist, daß so gescheite Leute, wie meistens an der Spitze der katholischen Partei stehen, so un- praktisch sich entscheiden und für die Nichtwahl sprechen können.
ES ist wahr, wenn ein Reichstag für das ganze Deutschland zu Stande käme, dann würde die Zahl der katholischen Vertreter wahrscheinlich in einer ganz andern Proportion zur Gesammtzahl der Abgeordneten stehen,, als eS jetzt der Fall seyn wird. Denn der dem Dreikönigsdündë^abgeneigte Süden liefert ja das stärkste Kontingent für den Katholizismus, wie der dem engeren Bunde beigetretene Norden für den Protestantismus. Wenn es daher gälte, konfessionelle Fragen in Erfurt zu ent, scheiden, dann würde allerdings der Kampf leicht ein uns gleicher sey». Allein jeder Kundige weiß eS,Z>aß-solche Be, rathungen, wie sie etwa bei Erledigung der Grundrechte Zn der Paulskirche vorkamen, und wo man eher in einer Kirchenversammlung als in einem politischen Parlament sich stl befinden glaubte, in Erfurt nicht Vorkommen können, daß
es dort eine rasche Entscheidung über wenige Haupt-Lebensfragen gilt, welche mit den konfessionellen Interessen so gut wie nichts zu schaffen haben, ja daß diese Entscheidungen eigentlich vorweg bei allen denen schon feststehen, welche durch die Wahlbetheiligung ihre Zustimmung zu der augenblicklichen Forderung die Nothwendigkeit eines engeren Bundesstaates zu erkennen geben.
Wir sehen auch in dem Schwanken der Katholiken ob sie wählen sollen oder nicht, keineswegs ein Bedenken darüber, daß sie etwa eine Minorität in Erfurt bilden würden. Es ist vielmehr der alte Herzenszug nach dem Süden, die viel- hundertjährige Sympathie mit Oesterreich , die dunkle Abnei, gung gegen Preußen, wobei wohl allerlei Reminiszenzen aus den dreißiger Jahren vorschweben mögen, was die Zweifel über die Wahlbetheiligung aufsteigen läßt. Diese Sympathie ist viel stärker als man im protestantischen Norden glaubt. Sie richtet sich nicht blos auf das kirchliche Leben, sondern viel mehr noch auf das politische. Dem ächten Katholiken (Ul, tramonlanen) ist mit dem Gedanken der Größe Oesterreichs auch der Gedanke der Größe Deutschlands untrennbar verbunden. Ihm hat der dreißigjährige Krieg DeuMlgnkS Wacht gebrochen, weil er Habsburgs Macht gebrochen hälF WaS der protestantische Norden in Geistesbildung, in Literatur und Kunst errungen und worin er Oesterreich soweit vorangeht, daS ist dem Katholiken ein Nagel zu Deutschlands Sarg, weil ja die künstlerische Größe des Mit, tclalters in eben dem Maße niedersinken mußte, als diese mo- , berne künstlerische Größe aufstieg. Es ist eine ganz andere Auffassung der Geschichte, der Nationalität, der literarischen und künstlerischen Entwickelung, die hier den Katholiken von dem Protestanten trennt. DaS wird der leicht finden, welcher Görres, Gfrörer's, Hurter's rc. Schriften mit denen protestantischer Forscher vergleicht. Bei dem Eingehen auf den nordischen Bundesstaat handelt cs sich für den Katholiken nicht um einen Akt Mitischer Klugheit, alS vielmehr um die Frage nach dem Fest, halten oder Aufgeben des innersten politischen Lebensprinzips. Nicht daß man glaubte, durch die Hegemonie Preußens werde der Katholizismus Norddeutschlands äußerlich beeinträchtigt, etwa in der Art, wie Oesterreich den Protestantismus in seinen Gränzen beeinträchtigt hat — daS glaubt man nicht --- aber die Hegemonie Preußens, der engere Bundesstaat und seine gehoffte Erweiterung zum deutschen Reich läuft schnurstracks gegen alle historische Logik des wahren Ultramontanen, für ihn kann daS heilige römische Reich deutscher Nation nur dann erstehen , wenn Oesterreich der Kern ist, um welchen daS Uebrige allmählich anschießt.
Gegen diese Auffassung läßt £$ von - protestantischem Standpunkte gar nicht kämpfen, denn gerade was der Protestant alS den besten Erfolg des Erfurter Reichstages ansteht, das wird de,m Katholiken als ein Scheitern seiner deutschen Hoff, nungen erscheinen. Oberflächlich betrachtet sind es nur die Mittel, welche beiden Parteien trennen, genau besehen ist eS aber auch der Zweck.
Man hat gut predigen, daß man keine konfessionellen Sympathien und Antipathien in politische Fragen werfen solle: die.sitzen schon von selber darinnen und wollten wir sie