Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 7. Mittwoch den 9» Januar 18SV
Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in een übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Das deutsche Interim.
Deutschland. Biebrich (Die freie Gemeinde), — Frankfurt (Da« Sitzungslokal der konstituirenden Versammlung abgesperrt. Die Nach- laffenschast des Erzherzog Johann. Protest). — Aus der Seegegend (Putschgerüchte). — Berlin (Angebliche Ministerkrists. Widerlegung).
— AuS dem Guhrauer Kreise (Die Ueberschwemmungen).
Schweiz. Graubündten (Ein verhexter Ziegenbock).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. London (DieReujahrsgeschenke der Königin. Ledru Rollin als Reaktionär).
Lürkei. Konstantinopel (Konflikt in Betreff eines Geistlichen).
Das deutsche Interim.
Q* Vom 6. Januar. Das Interim ist durch den förmlichen Rücktritt des Reichsverw esers und durch den geschäftlichen Eintritt der Mitglieder der neuen deutschen Bunde S-Z en tr a lko m mission in völlige Wirksamkeit über- gegangen. Damit beginnt unlâugbar ein neues Stadium für Deutschland's Geschichte. Der alte, durch Traktate der europäischen Großmächte gewährleistete, deutsche Bund bestehet nach Zweck und Wesen fort; aber seine Organe sind nicht mehr die alten. Die Z en«r a l-Kommission bestehet mit Uebereinstimmung aller Mitglieder des alten Bun- des, und ist dazu bestimmt, neue Organe zu schaffen. Damit sind eine Menge Fragen über das Fortbestehen der Rechte der alten Bundesversammlung faktisch gclöset.
Die Frage wegen des Vorsitzes, den sonst Oesterreich hatte, ist, als unerheblich, ganz aufgegeben oder zum Wechsel bestimmt. Daran hat man sehr wohl gethan. Wir wissen, welches Unheil solche leere Förmlichkeiten bei dem Beginn des westphälischen Friedensschlusses hervorriefen; wir wissen auch, wie Sieyes einst die etikettenvolle Frage des Vorsitzes übermüthig dadurch abschnitt, daß er erklärte, wo der französische Gesandte Platz nehme, da sey stets der erste Platz.
Die verschiedenen Mitglieder der Zentral-Kommission, neben den beiden Vorsitzern, haben sich sogar einzeln in die Referate der besonderen Verwaltungsgegenstände getheilt, und dadurch eine förmliche Geschäftsordnung festgestellt. Die Frankfurter Oberpostamts-Zeitung wird, wie früher, wohl das nächste offizielle und halboffiziclle Blatt der Kommission werden. Die Geschäfte scheinen also unverzüglich beginnen zu wollen.
Ein Artikel jener Zeitung war kürzlich nebenher besonders gegen die Gothaer Partei gerichtet, und eS wurde darin hervorgehoben, wie sich ihr Führer ehedem dem Bösen verschrieben habe, nur um zum Ziele zu gelangen, davon aber die mephi, stophelischen Folgen trage. Außerdem wurde dabei mißbilligend Hingewiesen auf einige pikante Artikel, welche die Deutsche Zeitung den gewesenen Reichsministern gewidmet habe. Der Gothaer Ausschuß ist nicht der Herausgeber in eigener Person, und kann also auch die Verantwortung deS Einzelnen nicht
tragen; aber wir selbst hätten gewünscht, daß der Ausschuß hinreichende Vorsorge getroffen haben möchte, um gewissen Bemerkungen gegen das Reichsministcrium die Möglichkeit der Erscheinung ganz abzuschneiden, aus ehrcnwerthcn Gründen, welche keiner Darlegung bedürfen.
In der O.-P.-A.-Z. ist aber auch Nro. 307 vom 27. Dez. ein anderer Artikel enthalten, welcher über das Verhältniß deS engeren (Preußischen Dreikönigs-) Bundes zum wei-» leren deutschen Bunde Ansichten ausspricht, die in jedem Falle bemerkt zu werden verdienen. Wir zweifelten nicht, daß die Mitarbeiter der Deutschen Zeitung dem ganzen Inhalte eine gehörige Analyse widmen würden, und dies ist in ihren neuesten Nummern von 1850 ausführlich geschehen. Der oft wiederkehrende Korrespondent*^* der O.-P.-A.-Z. war an den Ideen und Vorschlägen aus seiner vormärzlichen „Mappe" nur allzuleicht kennbar, und die Deutsche Zeitung hat seine politische Wirksamkeit aus jener Zeit ihren Lesern in kurz skiz« zirten Parallelen vorgeführt und hinreichend „gekennzeichnet", um ihren BataviSmus zu wiederholen.
Nichts destoweniger hat dieser Korrespondent sich dagegen verwahrt, vom Interim inspirirt zu sevn oder offiziell für dasselbe zu schreibe»; wir können dies «»nehmen, indem auch freiwillige Inspiration und offiziöses Entgegenkommen möglich ist. Aber gewisse Aeußerungen werden in dem Munde dieses Korrespondenten leicht zu Geständnissen, und cs ist daher nicht ohne Nutzen, davon Akt zu nehmen.
In Nro. 5 der OberpostamtS-Zeitung wird von ihm gesagt: „Wenn man sich in die Zeit vor der Märzrevolution zurückversetzt, so wird man anerkennen müssen, daß die Wünsche und Forderungen der deutschen Nation auf ein doppeltes Ziel gerichtet waren, einmal auf die Erweiterung des Zollvereins über das ganze Bundesgebiet und Vervollständigung desselben mittelst Aufnahme anderer gemeinnütziger Anordnungen, und dann auf eine würdigere, der Größe und Macht Deutschlands entsprechende Vertretung der Gesammtheit dem Auslande gegenüber. In der Gewährung dieser gerechten Ansprüche fand man die wahre Einheit Deutschlands. Hätte man vor den März- Revolutionen diesen Forderungen genügt, cs wäre niemals dahin gekommen, wo wir uns jetzt befinden."
Alles sehr wahr. Wir wissen nicht, ob der Verfasser in der Lage war, Vieles von dem, waS er jetzt verspätet lobt, ehedem in verschiedenen Stellungen erfolgreich fördern zu helfen, oder wenigstens nicht positiv zu hindern. Wenn er jetzt von Ehrgeiz und Leidenschaft spricht, welche über das Ziel hinausgingen, so bedenkt er nicht, daß dieß zu allen Zeiten nach menschlichen Verhältnissen der Fall war und seyn wird, Oben und Unten, Hüben und Drüben, bei der Aristokratie und bei der Demokratie.
Noch weniger aber hat er Recht, dieß unserer Gegenwart anzurechnen, sondern er muß die Ursache zunächst ist der Vergangenheit und in den Hemmnissen deS Besseren suchen, also bei dem alten Bundestage. Oesterreich und Preußen, welche zugleich innerhalb und außerhalb Deutschlands standen, hätten ja lange vorher den Vorschlag und die Einrichtung machen können, neben ihren eigenen diplomatischen Agenten, auch vom deutschen Bunde, wie er durch die europäischen